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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2010

Eine philosophische Fanfare - und ihr Echo

Hans Blumenberg: "Theorie der Lebenswelt", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 253 Seiten

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Ein Buch, das sich lohnt, aber Arbeit macht.  (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Ein Buch, das sich lohnt, aber Arbeit macht. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

Es geht Hans Blumenberg in seinen nachgelassenen Schriften um das philosophische Paradox der Lebenswelt. Er erzählt uns, wie Edmund Husserl einst auf dieses Phänomen zu einer Zeit stieß, in der das Wort "Leben" eine Fanfare war.

Das vorliegende Buch ist erstens schwierig und zweitens nie geschrieben worden. Der Philosoph Hans Blumenberg, der 1996 starb, hat vielmehr fünf Manuskripte hinterlassen und sie, vermutlich Ende der siebziger Jahre, unter dem Titel "Theorie der Lebenswelt" abgelegt. Zusammen mit zwei schon publizierten Aufsätzen zum Thema werden sie, von denen unklar ist, ob ihr Autor sie für druckreif hielt, jetzt veröffentlicht.

"Lebenswelt" ist ein Begriff, den der Philosoph Edmund Husserl zwar nicht als Erster verwendet, aber doch 1924 als Erster ins Zentrum eines Gedankengangs gestellt hat. Mit diesem Begriff wollte er bezeichnen, was bei allem Nachdenken vorausgesetzt ist: etwas Selbstverständliches, Unreflektiertes, Undurchdachtes. Wer denkt, sollte das heißen, hebt etwas aus der Lebenswelt als dem "Universum der Selbstverständlichkeiten" heraus.

Es geht Blumenberg also um dieses Paradox: dass es etwas geben soll, die Lebenswelt, das verschwindet, wenn man darüber nachdenkt. Er erzählt uns, wie Husserl auf dieses Phänomen zu einer Zeit stieß, in der das Wort "Leben" eine philosophische Fanfare war, um 1900 nämlich. Man suchte unter dem Titel "Lebensphilosophie" oder "élan vital" ein Reich diesseits der Kultur, der Begriffe, der Geschichte und der Formen. Aber natürlich suchte man es reflektiert – woran das ganze Unternehmen krankte: Man kann sich nicht in Unmittelbarkeit hineindenken; der Jugendstil wird von Erwachsenen erfunden.

Doch was kann man dann über sie aussagen? Blumenberg geht den komplexen Überlegungen nach, die Husserl zu diesem Begriff angestellt hat. Ihm dabei zu folgen ist ungeheuer lohnend, aber es ist Arbeit. Blumenberg testet verschiedene Begriffe, die das Selbstverständliche der Lebenswelt charakterisieren könnten: Instinkt, Naturzustand, Mythos. Und jedes Mal zeigt sich dabei, dass es keinen Rückgang in die Lebenswelt gibt, dass die Lebenswelt gar kein Aufenthaltsort ist.

So kommt Blumenberg zur Skizze einer Anthropologie des Menschen als eines wahrnehmenden, Reiz und Reaktion trennenden, irritierbaren, stets also aus der Lebenswelt heraustretenden Wesens. In der Lebenswelt gibt es keine Gründe, keine Rechtfertigungen. Blumenberg versucht zu zeigen, dass gerade das rational sein kann – für ein Bewusstsein, das sich nur konzentrieren kann, wenn es sich nicht auf alles konzentrieren muss.

Man kann also nicht "in" der Lebenswelt leben. Sie ist vielmehr ein unentbehrlicher Grenzbegriff, ein Korrektiv für Philosophen und für Leute, die glauben, die Welt – oder ihre Welt – nach einer Philosophie, einem Gedanken einrichten zu können. Und das Gegenteil der Lebenswelt? Das ist Robinsons Insel. Denn diese Welt, so Blumenberg, kann den Gedanken, sie zu verlassen, in Robinson nie zum Verschwinden bringen. Sie wird ihm nie eine Selbstverständlichkeit.

Vor uns liegt ein an Gedanken überreiches, anstrengendes und weitreichendes Buch. Nichts für einen unterhaltsamen Abend. Alles für jemanden, der sehen möchte, was das sein kann: eine Philosophie, die gegenüber der Welt nicht auftrumpft, sondern das Selbstverständliche erkennbar machen möchte.

Besprochen von Jürgen Kaube

!Hans Blumenberg: "Theorie der Lebenswelt", hrsg. von Manfred Sommer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 253 Seiten, 29,80 Euro.

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