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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.11.2010

Eine Nacht im Museumszoo

Carsten Höller holt Rentiere in den Hamburger Bahnhof und vermietet dazu ein Bett

Von Barbara Wiegand

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Zwölf Rentiere haben es sich in Carsten Höllers Kunstlabor gemütlich gemacht. (Jon Nickles/fws.gov)
Zwölf Rentiere haben es sich in Carsten Höllers Kunstlabor gemütlich gemacht. (Jon Nickles/fws.gov)

Carsten Höller war schon immer gut für tierische Kunstspektakel. Jetzt hat er im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst, ein zoologisches Experimentierfeld eingerichtet. Mit lebenden Tieren und echten Giftpilzen.

Hinter dem Eingang zum Hamburger Bahnhof versperrt einem zunächst mal eine dort aufgebaute Tribüne die Sicht auf die Haupthalle. Schaut man daran vorbei, öffnet sich ein wundersames Panorama: Zwölf Rentiere, genauso viele wie der Erzählung nach Santas Schlitten ziehen, haben in der großen Haupthalle Einzug gehalten. Sie liegen wiederkäuend in weiß umzäunten Gehegen, trotten mit dem für den nordischen Hirsch typischen Klackern der Hufe in Richtung Heu, verhaken im Spiel ihr Geweih in dem eines Kollegen oder schubbern es an kahlen Fichtenhölzern, die aus einer mit Riesenpilzen bestandenen Drehscheibe herausragen.

"Vielleicht sollte man damit anfangen das man sagt, dass die Halle in zwei gleiche Hälften geteilt ist, die sich gespiegelt nebeneinander befinden. Es handelt sich um zwei Gehege. In denen befinden sich jeweils sechs Rentiere. Dann gibt es noch bestimmte Bereiche, die sich zwischen den beiden Hälften befinden. Das eine ist die Pilzuhr, die von den Rentieren gedreht werden kann. Die ist mit Auslegern aus Fichtenholz versehen und daran können sich die Rentiere ihren Bast abscheuern. Und dadurch diese Uhr zum Drehen bringen."

Sieht man nach oben, entdeckt man den Grund für das heitere Gezwitscher, das einem die ganze Zeit über in den Ohren klingt. Denn dort sitzen Kanarienvögel in vier von der Decke herabhängenden Volieren. Sie sind paarweise als eine Art Waage konstruiert, die jede Gewichtsverlagerung anzeigt. Doch damit nicht genug der Tiere: Vier schwarze und vier weiße Mäuse flitzen in schwarz weißen Behausungen umher und zwei Fliegen summen in einer Vitrine herum. In Kühlschränken aufbewahrte Fliegenpilze und gelbe Flüssigkeiten komplettieren das zoologische Szenario, das weniger als Spektakel denn als ästhetische Inszenierung daherkommt.

"Grundsätzlich geht es bei der Ausstellung darum, dass wir eine Versuchsanlage präsentieren, die vielleicht eine wissenschaftliche sein könnte und sich dann aber doch aus diesem objektiven Bereich der Wissenschaft heraus entwickelt. Wo Rentiere auf der einen Seite mit Fliegenpilzen gefüttert werden können und auf der anderen Seite nicht, wo die Bedingungen so gleich wie möglich gehalten werden. So dass man den Faktor Fliegenpilz untersuchen könnte, welchen Einfluss der hat. Was dann passiert ist, dass der Urin gesammelt wird. Mit dem könnte das Futter der Kanarienvögel behandelt werden und auch der Mäuse und der Fliegen. Und dann lässt sich eben feststellen, ob wir hier bei der Suche nach Soma weitergekommen sind."

Soma – so lautet der Titel der Ausstellung – ganz so wie jener sagenumwobene Trank, den nordindische Nomadenstämme dem Mythos nach einst zu sich nahmen, um sich glücklich und den Göttern näher zu fühlen. Sein genauer Inhalt ist nicht bekannt – aber Höller geht davon aus, dass der Fliegenpilz die in Überlieferungen beschriebenen, abgehobenen Visionen verursachte. Auf den Pilz trifft nun das Rentier, weil dieses sich angeblich auch gern an dessen halluzinogener Wirkung berauscht. Vom Urin der Tiere haben, so wird erzählt, früher dann die Menschen getrunken, weil sie so die Dosierung der Droge Fliegenpilz sicherer einschätzen konnte.

Ob die Nordhirsche im Hamburger Bahnhof aber nun vom Boden abheben, ob die Vögel lauter singen, die Fliegen leiser summen – das liegt in der Fantasie des Betrachters. Denn in diesem Höllerschen Kunstlabor wir keiner unter Drogen gesetzt, betont die Direktion des Museums. In enger Absprache mit dem Veterinäramt nimmt man den Tierschutz sehr ernst. So ernst wie man den wissenschaftlichen Anspruch seiner Arbeit nicht nehmen sollte, meint der studierte Agrarwissenschaftler Carsten Höller

"Es verlässt dann doch den Bereich der Wissenschaft sehr schnell und eigentlich ist es auch eine Kritik an der Wissenschaft. Denn es geht auch darum, diese Wahrheitsfindung, die sogenannte wiederholbare Wahrheit, dass ein Ereignis sich wiederholt, wenn es irgendwo auf der Welt unter den gleichen Bedingungen wiederholt wird, das interessiert uns hier gar nicht. Im Gegenteil wir versuchen eine subjektive Wahrnehmung derjenigen zu fördern, die sich in den Ausstellungsbereich hineinbegeben. Und die sich Gedanken darüber machen, was das alles sein könnte."

Wie so oft, entsteht also auch hier die Kunst im Auge des Betrachters. Man kann auch sagen das Bild - erinnert einen die Szenerie doch an ein Tableau Vivant, auf dem sich die Darsteller im Gegensatz zu den so bezeichneten, nachgestellten Gemälden aber wirklich bewegen.

Sicher - man kann einwenden, dass Höller hier um den Preis eines tierischen Spektakels um unsere Wahrnehmung buhlt. Dass das alles ein Effekt heischendes Event ohne eine tiefer gehende künstlerische Aussage ist. Aber je länger man den Vögeln beim Singen zuhört, den Rentieren beim Wiederkäuen und Geweih schubbern zusieht, desto unwichtiger wird einem die Antwort auf die Frage: Warum?

Man fühlt sich einfach wohl in diesem Wunderland. Und wenn man dann noch den Clou dieser Installation betrachtet, das auf einem Turm inmitten des Geheges aufgestellte Bett, in dem man per Losglück oder für stattliche 1000 Euro eine Nacht verbringen kann, dann kann man sich vorstellen, dass das ein fantastisches Erlebnis ist. Selbst wenn die Rentiere nicht anfangen zu fliegen – dem Ganzen wohnt ein rätselhafter Zauber inne – und selten war ein Museumsbesuch so entspannend.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. Februar 2011.

Weitere Informationen: www.somainberlin.org

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