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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 24.02.2018

Eine Lange Nacht über MallorcaGesichter einer Insel

Von Margot Litten

Eine Außenaufnahme einer Bucht mir türkisem Wasser auf der spanischen Insel Mallorca. Strandliegen stehen nahe des Wassers. (imago / Westend61)
Bucht auf der spanischen Insel Mallorca. (imago / Westend61)

"Wenn du das Paradies ertragen kannst, komm nach Mallorca", schrieb einst die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein an einen Freund. Millionen sind seitdem jedes Jahr gekommen - vor allem Deutsche. Doch die Insel hat mehr zu bieten als Pauschaltourismus.

Der Insel tut dieses Liebesverhältnis nicht wirklich gut, zu rücksichtslos ist inzwischen das vermarktet worden, was Mallorcas Charakter und Schönheit ausmacht.

Dennoch - das Landesinnere, in dem Dörfer vor sich hindösen, und Mohn und Margeriten leuchten, die Steilküste bei Valldemossa, wo Himmel und Meer ineinander fließen, die alten Patrizierhöfe in Palma, ihren Zauber hat die Insel bis heute nicht verloren.

Aber es gibt eben auch das andere Gesicht Mallorcas, in das man bei näherer Bekanntschaft blickt, und das bisweilen eher bizarre Züge zeigt. Um beide Seiten geht es in dieser Langen Nacht, um Schönheit und Schrecken, um die Vergangenheit der Insel und um die Probleme der Gegenwart.

Die Luftaufnahme vom 03.09.2012 zeigt den Ort Port de Pollenca an der Nordspitze der Spanischen Insel Mallorca im Mittelmeer. Unten links ist der Ort Cala de Sant Vicenc zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)Luftaufnahme von der Nordspitze der Spanischen Insel Mallorca. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

"Das Dasein hier ist köstlich"

Lange bevor der Tourismus Mallorca eroberte, entdeckten im 19. Jahrhundert Künstler, Abenteurer, Aussteiger die Insel für sich.

"Hier weile ich im Schatten von Palmen, Zedern und Aloen, unter Orangen-, Zitronen- und Granatapfelbäumen. Der Himmel gleicht Türkisen, das Meer Lapislazuli, die Berge Smaragden. Kurz: das Dasein hier ist köstlich", notierte der Komponist Frederic Chopin am 15. November 1838, eine Woche nach seiner Ankunft auf Mallorca.

Dieser paradiesische Zustand sollte sich allerdings bald ändern

Chopins Lungenkrankheit flammte wieder auf, und seine Geliebte, die Schrift­stellerin George Sand, litt unter den ihr feindlich gesinnten Einheimischen, die sie beargwöhnten, weil sie Hosen trug, rauchte und mit einem Mann "in Sünde" lebte. Entsprechend streng ging sie mit ihnen in ihrer Erzählung "Ein Winter auf Mallorca" ins Gericht.

Nur acht Wochen blieben sie in der Karthause von Valldemossa, dann kehrten sie der Insel entnervt den Rücken. Was hätten sie wohl dazu gesagt, dass ausgerechnet sie – die ungeliebten Fremden - die Begründer des Tourismus auf Mallorca wurden!

Gut 100 Jahre später wollte der spanische Diktator Franco seinen rückständigen Sonnenstaat wenigstens für ausländische Touristen und ihr Kapital öffnen; er gab den Startschuss für eine internationale Karriere Mallorcas; auf deutscher Seite wurde er unterstützt von Josef Neckermann, der mit dem Einkauf gigantischer Kontingente  im Hotel- und Flugbereich sämtliche Preise unterbot.

Ländliches Mallorca - ein Esel schaut neugierig über eine Mauer. (imago / Martin Bäuml )Ländliches Mallorca - ein Esel schaut neugierig über eine Mauer. (imago / Martin Bäuml )

Aus der Insel der Hirten und Bauern wurde Malle für alle.

Schon bald verkauften die schlauen Mallorquiner ihre Felder und verlassenen Steinhäuser an die Alemanes, die sich so ihren Inseltraum erfüllen konnten: eine Win-Win-Situation – wenn auch nicht für Mallorca selbst, dessen Küstenabschnitte von immer mehr Bettenburgen verschandelt wurden.

Aber das kümmerte damals noch keinen. Mit Billigung und tatkräftiger Unterstützung von Politik und Justiz wurden überall auf der Insel Baugenehmigungen erteilt. Legal oder illegal – total egal. Hauptsache, die Kasse stimmte.

Die ersten Deutschen lassen sich nieder

In den Dreißiger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließen sich die ersten Deutschen auf Mallorca nieder, an der Ostküste, im Fischerdorf Cala Ratjada. Sie waren freilich nicht der mediterranen Schönheit wegen gekommen, sondern auf der Flucht vor den Nazis dort gelandet.

Doch leider währte ihre Freude nicht allzu lange. Als nämlich 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann und Mallorca in die Hände der Faschisten fiel, drohte das Paradies zur tödlichen Falle zu werden. Bürgerkrieg und faschistische Repression sind bis heute ein kaum aufgearbeitetes Kapitel der Inselgeschichte – auch wenn sich der Verein Memoria Mallorca inzwischen bemüht, Licht ins Dunkel der blutigen Vergangenheit zu bringen.

Nur Pinienwälder, Himmel und Meer

Von oben sieht alles noch aus wie damals, zu Beginn der Dreißiger-Jahre, aber bereits nach ein paar Kurven die Serpentinenstrasse abwärts taucht man ein in die Welt von heute, mit ihren Bettenburgen und Partymeilen. Das einstige Fischerdorf Cala Ratjada ist seit Jahrzehnten fest in der Hand deutscher Touristen, und nichts mehr hier erinnert an die bewegende Geschichte des Exils deutscher Künstler.

1932 flüchteten einige Schriftsteller, Maler, Journalisten vor dem aufkommenden Nationalsozialismus nach Mallorca, in die vermeintliche Sicherheit. Dass sie ausgerechnet in Cala Ratjada landeten, war Zufall; die ersten holten die anderen nach. Zu den prominenten Bewohnern gehörten damals die Schriftsteller Karl Otten, Herbert Schlüter, Erich Arendt und Franz Blei.

Auch die Journalisten Heinz Kraschutzki  und Conrad Alfred Liesegang lebten hier, ebenso einige Maler wie Heinrich Maria Davringhausen und Arthur Segal.

Liesegangs Enkelin Berta - Lehrerin im Nachbarort - zeigt mir ein kleines, weißgekalktes Haus nahe dem Meer:

"Hier lebten meine Großeltern, es ist das einzige Haus von damals, das noch steht. Im Garten hatten sie Gemüse angebaut, ausserdem hielten sie Hühner und ein Schwein. Mein Opa war politischer Journalist, auf Mallorca schrieb er dann auch Kurzgeschichten und Theaterstücke. Die Leute im Dorf nannten ihn 'poeta', weil sie sahen, wie er ständig auf der Schreibmaschine klapperte. Natürlich konnte er von seiner Arbeit nicht leben, die Tantiemen aus Deutschland blieben ja aus. Deswegen fing er an zu fotografieren, er hatte eine sehr gute Kamera mitgebracht, damit wanderte er zu Fuß über die Insel und machte Bilder."

Poetas – Dichter, wurden die Mitglieder der kleinen Künstlerkolonie in Cala Ratjada bald unisono genannt. Integriert ins Dorfleben waren sie freilich nicht.

"Außer wer Kinder hatte, denn die spielten ja mit den mallorquinischen Kindern und lernten dabei ganz schnell die Sprache. Damit ergab sich auch ein bisschen Kontakt zwischen den Erwachsenen. Zuhause wurde allerdings immer nur Deutsch gesprochen."

"Welch' sorgenloses kleines Paradies, weit entfernt von Lärm und Gefahren der Welt", notierte Klaus Mann bei einem Besuch dort. Das Leben im Exil erlaubte freilich keine großen Sprünge.

Der Journalist und Pazifist Heinz Kraschutzki eröffnete mit seiner Frau einen kleinen Laden:

"Wenn einer von uns einen Bleistift verkauft hatte, rannte er gleich zu den anderen, um diesen geschäftlichen Erfolg zu melden."

1934 wird Kraschutzki in Deutschland ausgebürgert. Damit ist seine Offizierspension perdu, er steht mit dem Rücken zur Wand. Bis er auf die rettende Idee kommt, Sandalen und Hüte aus Bast herzustellen. Eine Win-Win-Situation: An den Webstühlen arbeiten junge Mädchen aus dem Dorf – ein begehrter Job bei der bettelarmen Bevölkerung. Für die meisten anderen Exilanten läuft es weniger gut – trotzdem sind sie dankbar, hier zu sein, fernab der Zeitläufte, der deutschen wie der spanischen.

Die legendäre Wikiki Bar

Vielleicht haben sie deshalb auch so gern gefeiert, vermutet Antonio Garau. Der inzwischen 90-Jährige ist Chef des "C’as Bombu", der ersten Pension in Cala Ratjada, die zeitweise auch einige deutsche Künstler beherbergte:

"Sie feierten in der Wikiki Bar, einem mit Palmblättern gedeckten Haus, dessen Pächter Jack Bilbo war, ein Lebenskünstler und angeblich ehemaliger Leibwächter von Al Capone.

Da hatten sie ein Grammophon und ihre Schallplatten und da tanzten sie und natürlich tranken sie ab und zu einen über den Durst. Gegenüber dem Wikiki, am Meer, gab es ein Trampolin, und wenn sie dann so richtig blau waren, sprangen sie von diesem Trampolin aus direkt in die Wellen."

Heute ist die legendäre Bar ein Laden mit Billigsouvenirs.

"Was ist nur aus unserem Dorf geworden," empört sich Antoni Flaquer. "Sie müssen sich mal vorstellen, hier lebten Anfang der Dreißiger-Jahre höchstens 100 Ausländer, heute sind es fast 7000.  Und dann die vielen Touristen!  Früher waren wir eine große Familie. Heute kennt keiner keinen mehr, man grüßt sich nicht mal. Nein, Cala Ratjada ist nicht mehr mein Dorf."

Die deutsch-mallorquinische Vergangenheit in Cala Ratjada

Antoni Flaquer ist einer der wenigen, der sich für die deutsch-mallorquinische Vergangenheit in Cala Ratjada interessiert und alles daransetzt, dass sie nicht ganz in Vergessenheit gerät. Er sammelt alte Fotos und hält Vorträge, etwa darüber, was ab Mitte der Dreißiger-Jahre geschah, als eine andere Sorte Deutscher nach Mallorca kam – Nazis, die im Auftrag der Gestapo die Juden in der kleinen deutschen Künstlergemeinde ausspionierten.

Antoni Flaquer: "Sie stiegen im luxuriösen Hotel Castellet ab, dessen Chef Nazi war, es gab sogar eine NSDAP-Ortsgruppe in Palma, und auch der deutsche Konsul war für Hitler und gegen die Juden."

Und es gab den "Herold", eine deutsche Tageszeitung, die - treu dem Geist der Zeit – über die "deutschen Tugenden" Vaterlandstreue, Tapferkeit und Opfermut schwadronierte. Und jungen Frauen empfahl, nur ja keinen Ausländer zu heiraten:

"Deutsches Mädchen, überlege es Dir reiflich und befrage, bevor Du ein Bündnis fürs Leben mit einem Ausländer eingehst, die zuständigen Behörden und prüfe Dich, wie viel Dir die deutsche Staatsangehörigkeit wert ist. Denn auch wenn Du einen Spanier heiratest, verlierst Du die deutsche Staatsangehörigkeit."

Die Vorstellung, gar einen Juden zu heiraten, war so abwegig, daß sie in diesem Artikel des "Herold" erst gar nicht erwähnt wurde. Juden waren auf Mallorca über Jahrhunderte hinweg immer wieder diskriminiert und verfolgt worden. Trotzdem fühlten sich die deutschen Exilanten weiter in Sicherheit, Spanien war schließlich seit 1931 Republik und respektierte die Menschenrechte.

Das änderte sich schlagartig, als General Francos Offiziere am 17. Juli 1936 gegen die junge Republik putschten und der spanische Bürgerkrieg begann.

Die Insel fällt in die Hände der Putschisten

Die junge Republik steht jedoch von Anfang an auf tönernen Füßen. Kirche, Großgrundbesitzer und Teile des Militärs verweigern sich jeder Demokratisierung und kulturellen Öffnung. Bereits 1936 putschen nationalistische Generäle unter Franco gegen die junge Republik, mit deutscher und italienischer Unterstützung entwickelt sich aus dem Putsch ein grausamer  Bürgerkrieg.

Mehr als 80 Jahre ist das her – doch dieser Krieg und die anschliessende Franco-Diktatur prägen das Land bis heute. Auch Mallorca.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges war die Insel sofort in die Hände der Putschisten gefallen, ähnlich wie Ibiza und Formentera. Mallorca wurde zu einem strategisch wertvollen Stützpunkt für Francos Truppen und ihre ausländischen Unterstützer. Italienische Bomber flogen von hier aus Angriffe auf Barcelona und Valencia. Und Hitlers Legion Condor bezog im Norden Mallorcas Stellung.

Eine Befreiungsaktion republikanischer Truppen von der traditionell linken Insel Menorca aus geriet im August 1936 zum blutigen Fehlschlag. Es war der erste und letzte Versuch der Republik, Mallorca vor den Falangisten zu retten. Der niederländisch-mallorquinische Schriftsteller Jean Schalekamp "Von einer Insel kannst Du nicht flüchten."

"Schon in den ersten Tagen nach dem Putsch begannen die Falangisten damit, anhand vorbereiteter Listen systematische Verhaftungen durchzuführen. Mindestens 2000 Menschen waren hiervon betroffen. Im Fadenkreuz der Faschisten standen alle Anhänger der Republik.

Früher waren die Dörfer kleine geschlossene Gemeinschaften, wo jeder den Anderen kannte, wo man aufeinander angewiesen war. Von einem Tag auf den anderen änderte sich das. Eine Atmosphäre von Hass, Angst und Misstrauen entstand und auf einmal kam all das an die Oberfläche, was jahrelang unter dem romantisch-idyllischen Schein verborgen gewesen war.

Wenn jemand seinen Nachbarn nicht mochte, dann brauchte er nur zum Säuberungskomitee zu gehen und zu erzählen, dass der und der in den Zeiten der Republik regelmäßig ins Volkshaus gegangen sei, dass er niemals die Kirche besucht habe oder seine Briefe in Mallorquinisch schreibe."

Eine Bauern-Abteilung der republikanischen Truppen hinter Barrikaden. Nach dem Aufstand der Garnisonen in Spanisch-Marokko am 17. Juli 1936 brach auf der spanischen Halbinsel der Bürgerkrieg zwischen den nationalistisch-faschistischen Truppen unter Francisco Franco und den Republikanern, gestützt von internationalen Brigaden, aus. Der Bürgerkrieg endete am 28. März 1939 mit dem Einzug der nationalistischen Truppen in Madrid, General Franco etablierte sich als Diktator.  (picture alliance / dpa)Eine Bauern-Abteilung der republikanischen Truppen hinter Barrikaden. (picture alliance / dpa)

Mehr als 500.000 Tote forderte der spanische Bürgerkrieg

Und als er am 1. April 1939 endete, begann die Franco-Diktatur, in der der "innere Feind" verfolgt wurde. An die 200.000 Menschen fielen der Repression der Nachkriegsjahre zum Opfer. Noch bis 1963 wurden Todesurteile wegen Delikten aus der Zeit des Bürgerkriegs vollstreckt.

Bestattet wurden die Opfer in anonymen Massengräbern: Das "rote" Spanien sollte nicht nur physisch, sondern auch aus der Erinnerung getilgt werden. Bis heute liegen im Land noch geschätzt 114.000 Ermordete in anonymen Massengräbern. Auf Mallorca sind inzwischen insgesamt 48 anonyme Massengräber und mindestens 2.318 Todesopfer dokumentiert.

Geschlossene Gräber, offene Wunden – bringt es Maria Antonia Oliver auf den Punkt. Die 60-jährige Geschäftsfrau ist Vorsitzende des 2006 gegründeten Vereins Memoria Historica de Mallorca . Und die Enkelin eines ermordeten Republikaners.

Wir treffen uns in Illetas, nahe Palma. Für die meisten ist der Badeort ein Urlaubsparadies. Kaum einer der Touristen hier weiß, was sich nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt – im alten Fort – einst zugetragen hat. Selbst die Einheimischen sind nicht besonders gut informiert. Wen ich auch frage: Schulterzucken. Fort Illetas? Vielleicht das Autohaus Ford ?

Das Fort - die ehemalige Militärfestung von Illetes - war ab 1936 Gefängnis. Gegner Francos wurden hier interniert, gefoltert, ermordet.

Die 80-jährige Maria Antonia Oliver sagt:

"Ich habe irgendwann begriffen, dass meine Familiengeschichte kein Einzelfall war, sondern etwas Systematisches, das hier auf Mallorca passiert ist und all die Jahre unter den Teppich gekehrt wurde.

Gut 80 Jahre ist das alles her! Und noch immer haben die Behörden kein Interesse daran, die Verbrechen endlich aufzuklären! Dabei ist es ein Thema das sowohl die Politik angeht als auch die Gesellschaft, also uns alle! Es ist ein universal menschliches Thema, und trotzdem wird gemauert, und die armen Leute warten und warten, dass sie ihre Angehörigen ausgraben dürfen, um sie endlich richtig zu bestatten!

Ich habe verstanden, dass es in Spanien keinen wirklichen Bruch mit der Vergangenheit gab, meine Mutter hatte immer zu mir gesagt, jetzt sind wir schwach, aber eines Tages werden wir laut sprechen können, eines Tages werden wir siegen.

Sie flüsterte solche Sätze, damit es keiner hörte, die Wände haben Ohren, sagte sie immer. Und ein Cousin hat mich mal gefragt: Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass wir nie anderswo über unsere Familie reden können? Weißt Du, sagte er, wir müssen das jetzt in die Hand nehmen, wir müssen kämpfen. Ja, und da ist mir bewusst geworden, ich muss weitermachen. Die anderen sind inzwischen alt, wir Enkel müssen jetzt ran. Unsere Organisation ist tatsächlich eine Organisation der Enkel."

Die Nachfahren jüdischer Zwangskonvertiten

Geschätzt 20.000 Nachfahren jüdischer Zwangskonvertiten leben heute auf Mallorca, der Verein Memoria al Carrer widmet sich der Erforschung ihrer Geschichte und erinnert inzwischen mit einer monatlichen Führung durch das jüdische Viertel Palmas an dieses unselige Kapitel vergangener Zeiten.

Unweit des alten jüdischen Viertels von Palma steht die Burg des berühmten Templerordens. 1095 hatte Papst Urban II. zum Kreuzzug nach Jerusalem aufgerufen, Tausende waren daraufhin ins Heilige Land gezogen. Um die Pilgerwege und die christlichen Stätten in Palästina zu sichern, gründete Hugues de Payens die Gemeinschaft der Templer. Ihr Hauptquartier lag an der Südseite des Felsendoms, wo nach biblischem Glauben einst Salomons Tempel stand. Daher der Name: Templer.

Bald waren sie – im weißen Gewand mit rotem Kreuz - der mächtigste Orden des Mittelalters, der Inbegriff frommer Ritterlichkeit. Obwohl der Orden offiziell seit fast 700 Jahren nicht mehr existiert, scheint er auf geheimnisvolle Weise unsterblich zu sein. Viele Schauplätze der Templergeschichte liegen in Südfrankreich, in Nordspanien und auf Mallorca. Zum Beispiel in den Coves del Drach.

Die Drachenhöhlen bei Porto Cristo

250 Stufen führen hinab in die Unterwelt. Wo sich heute im flackernden Lichtschein die Touristen drängen, standen vor mehr als 600 Jahren ein paar Männer in Todesangst erstarrt. Ein gefrässiger Drache sollte in diesem Tropfsteinlabyrinth hausen, vielleicht der Teufel selbst. Wer wusste das schon genau. Schliesslich waren die Höhlen unerforscht, kaum ein Mensch hatte es bisher gewagt sie zu betreten.

Und natürlich sind auch die Männer nicht freiwillig gekommen, der Gouverneur von Mallorca hat ihnen befohlen, hier nach dem sagenhaften Schatz der Templer zu suchen. Die unheimlichen Höhlen könnten ein ideales Versteck für die verschwundenen Reichtümer sein. Gefunden hat den Schatz bis heute niemand.

Menschen am Strand von Cala d’Or auf Mallorca. (imago/Frank Sorge)Menschen am Strand von Cala d’Or auf Mallorca. (imago/Frank Sorge)

"Malle für alle"

Vor 60 Jahren begann die Geschichte einer großen Liebe: Damals ließ der spanische Diktator Franco seinen rückständigen Sonnenstaat für ausländische Touristen und ihr Kapital öffnen, und gab so den Startschuss für eine internationale Karriere Mallorcas.

Auf deutscher Seite wurde er unterstützt von Josef Neckermann, der mit dem Einkauf gigantischer Kontingente im Hotel- und Flugbereich sämtliche Preise unterbot. Aus der Insel der Hirten und Bauern wurde "Malle für alle." Die Deutschen genossen fortan das kollektive kleine Urlaubsglück, und die Mallorquiner den wirtschaftlichen Erfolg. Doch inzwischen droht die Insel genau daran zu ersticken.

Aus einer Sendung des SWR 1957:

"Dies ist der meistbenutzte Weg der silbernen Zugvögel nach Süden, die Hauptstraße der jungen deutschen Lufttouristik. Flug über die Alpen oder ihre Ausläufer, Niedergleiten ins gewundene Tal der Rhone, Zwischenlandung in Lyon. Dann, links unten Marseille, Rhonedelta und lagunenartige Küstenseen, in denen sich schon das Blau des Mittelmeerhimmels spiegelt. Und schliesslich nach dem Sprung übers Meer ein gelb und grünes Relief im blauen Rahmen: Mallorca, die goldene Insel, die größte der zu Spanien gehörenden Balearen."

Fast hymnisch hört sich diese Reportage aus dem Jahr 1957 über eine Reise nach Mallorca an:

"Ja, bis vor kurzem war eine Ferienreise zum Mittelmeer eine Sache der oberen Zehntausend, der reichen Gesellschaft, jedenfalls in Deutschland . In der vergangenen Reisesaison aber flogen 15.000 Deutsche nach Mallorca. Und mit dieser überraschenden Entwicklung, von Fachleuten das 'Phänomen Mallorca' genannt, hat für uns gewissermaßen das Zeitalter der Lufttouristik erst begonnen."

Maiti Terraza, geboren und aufgewachsen im ehemaligen Fischerdorf Cala Ratjada, erinnert sich:

"Es kamen immer mehr Deutsche, und überall wurde gebaut, alles war ohne Struktur, alles war erlaubt, ein architektonischer Verhau. Das Wichtigste war das Geld, alle waren nun sehr zufrieden, weil sie an den Fremden verdienten. Es wurden dann auch Sprachkurse für die Einheimischen angeboten, alle wollten sie Deutsch lernen, denn das war die Voraussetzung, um einen Job im Tourismus zu kriegen. Die Deutschen hatten natürlich kein Interesse, Spanisch zu lernen, damals nicht und heute auch nicht."

Mallorca und die Deutschen

Wolfgang Dosek, Mallorca-Fan der ersten Stunde:

"Im feinen Anzug und Krawatte sind wir dann im Flugzeug nach Mallorca geflogen, wir haben's dort zwar nie angehabt und nie gebraucht, aber so ist man halt damals verreist.
Für mich war es einfach so, ich kam ja aus einem Elternhaus wo das Reisen nicht an der Tagesordnung war, wir hatten noch nicht mal 'ne Oma im Sauerland, die wir besuchen konnten: Man kannte die Fliegerei nicht, man konnte die Geräusche nicht zuordnen, ich denke, dass ich einfach auch Angst hatte, ich war nicht sehr entspannt wenn ich mich recht erinnere."

 Als die Fernreise noch Luxus war

Doris Kassner: "Das Haar musste hochgesteckt sein, oder der Nacken musste frei sein bei Männern wie bei Frauen, nicht dass die sich dann runterbeugen und fragen: Möchten Sie noch was essen? Und die ganzen Haare fallen runter, wie das mal passiert ist bei `ner Stewardess, das fand ich einfach nicht gut."

Ein Steward erzählt: "Saubere Zimmer, reichliche Hauptmahlzeiten" - 2 Wochen Mallorca mit Vollpension, ab 250 Mark. Neckermann machte es möglich.

Urlauber sitzen am Badestrand von SÂArenal auf der spanischen Baleareninsel Mallorca und trinken Sangria mit Strohhalmen aus einem Eimer, aufgenommen am 28.07.2006. SÂArenal (früher auch El Arenal genannt) ist ein weitestgehend künstlich angelegter Touristenort östlich von Palma - die Hochburg des Pauschaltourismus auf Mallorca. Vor 1970 gab es hier nicht mehr als Sand, Dünen und ein paar Bäume. Mittlerweile stehen auf dem etwa sechs Kilometer langen Küstenstreifen mehr als 200 Hotels mit einer Kapazität von über 50.000 Betten. Die bei den Deutschen besonders beliebte Ferieninsel Mallorca liegt im westlichen Mittelmeer und ist mit einer Fläche von 3.624 Quadratkilometern die größte der Balearen-Gruppe. Sie verfügt über eine Küstenlinie von 398 Kilometer Länge. Foto: Andreas Lander +++(c) dpa  (picture alliance / dpa / Andreas Lander)Trinkende Männergruppe am Strand von Mallorca (picture alliance / dpa / Andreas Lander)

Arenal – die spätere Hochburg der Ballermänner

Wolfgang Dosek, Mallorca-Fan der ersten Stunde:

"Und es gab alles zu Wahnsinnspreisen – 22 Pfennig für ein Kognacglas!"

Eine Ansichtskarte aus den 1960er-Jahren zeigt einen idyllischen Sandstrand mit einigen blau weiß gestreiften Badekabinen. Im Hintergrund zwei Häuser: Arenal – die spätere Hochburg der Ballermänner!

Das erste Hotel an der Playa de Palma gehörte damals dem Katalanen Juan Riu. Heute besitzen seine Nachfahren mehr als 100 Bettenburgen in 17 Ländern. "Dies ist ein Land mit höchster Moral", stand auf einem Schild am Strand von Arernal. Im Klartext: Bikinis verboten.

Kommerz und Fastfood verdrängen auch Palmas Traditionslokale

Im letzten Sommer musste die Bar Cristal an der Plaza Espana schließen, seit 1955 war sie eines der Wahrzeichen der Stadt; künftig wird ein internationaler Mobilfunk Anbieter in dem denkmalgeschützten Jugendstilgebäude residieren, von 25.000 Euro Monatsmiete ist die Rede.

Nebenan wird das ebenfalls kürzlich geschlossene "Cafe 1916" einer Burgerkette weichen. Und in einem der prachtvollen Bürgerhäuser gegenüber hat vor zwei Jahren ein deutscher Drogeriemarkt Einzug gehalten.

Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen – und die Frage bleibt: Warum sieht die Stadtverwaltung von Palma diesem Szenario tatenlos zu? Warum entwickelt sie kein Konzept zur nachhaltigen Stadtentwicklung? Indem sie zum Beispiel Mieten an traditionsreichen Plätzen subventioniert? Oder städtische Gebäude nicht primär nur unter kommerziellem Aspekt vermietet?

Und warum hat sie nicht schon vor Jahren Akzente gesetzt – damals, als noch kaum einer in Palmas Altstadt drängte? Als Häuser verfielen, und Paläste leer standen?

"Überfremdung" und "Ausverkauf" sind Dauerreizthemen

Mallorca den Mallorquinern – eine inzwischen gängige Parole, auf viele Hauswände gepinselt. Andererseits bezieht die Insel ihre Einnahmen zu mehr als 80 Prozent aus dem Tourismus; viele Einheimische sind durch den Bauboom reich geworden.

Doch inzwischen haben sie vergessen, dass sie ihre Wohnungen und Fincen gerne und freiwillig verkauften. Kann man den Kuchen essen und zugleich behalten ?

Aber auch die Deutschen, die den Kuchen teuer bezahlt haben, können ihn nicht unbedingt genießen.

"Im ersten Jahr ist glückliches Baustellenleben angesagt. Aber wehe, wenn dann alles fertig ist, jedes Mäuerchen hochgezogen, jedes Bäumchen gepflanzt, jeder Flomarkt abgegrast, dann kommt die Sinnkrise", so Andreas Ahnert. Der Mann aus Niedersachsen war sieben Jahre lang evangelischer Pastor auf Mallorca. In Kirchen, Hotels und sogar via Fernsehen hat er die Messe für deutschsprachige Urlauber gelesen: Reiseführer Gottes wurde er deshalb gerne genannt.

Lebensabend unter südlicher Sonne

Andreas Ahnert: "Zunehmend kommen Deutsche nach Mallorca, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben in Deutschland, wo der Himmel grau und die Menschen garstig waren, weil sie den einen Gedanken hatten, ich will meinen Lebensabend unter südlicher Sonne verbringen. Aber da ist das Problem der Vereinzelung, denn die Sonne kompensiert nicht alles, und wenn man sich fragt, ob dieser Traum vom glücklichen Leben unter südlicher Sonne Wirklichkeit geworden ist, dann muss man sagen, ja er ist Wirklichkeit geworden, aber nur für Wenige. Nämlich für diejenigen, wo das Entscheidende die Liebe zu Mallorca war.

Der Mensch braucht eine sinnvolle Aufgabe um glücklich zu sein. Wenn er keine Aufgabe hat, die ihn erfüllt, ganz egal wie alt er ist, wird er unglücklich und sucht seine Erfüllung in Surrogaten, und dazu gehört z.B. auch Alkohol.

Z.B. stand vor einiger Zeit jemand vor mir, der sagte, ich habe mit 62 aufgehört beruflich tätig zu sein, weil ich mir dachte, mir ist die Zeit zu schade, sie zu vergeuden im Beruf, und jetzt bin ich hier, aber ich muss jetzt sagen, nur Rosen züchten den ganzen Tag, das füllt mich auch nicht aus, haben Sie nicht was Sinnvolles für mich zu tun ?

Und da habe ich gesagt, na ja, wenn Sie Ihre Lebenszeit, Ihre Energie für andere einsetzen wollen, wie wär's, wenn Sie Besuche machen im Krankenhaus? Damit rechnet man ja nicht, dass man im Urlaub krank wird, einen Unfall hat, und dann wacht man auf, und kann sich nicht ausdrücken, und da haben wir in allen Krankenhäusern doch Helfer, die zu den Deutschsprachigen gehen, die verteilen Kranken-Kompasse, da steht auf der einen Seite beispielsweise auf Deutsch "Ich habe Kopfschmerzen, bringen Sie mir bitte eine Kopfschmerz-Tablette", da deuten Sie drauf, und die Krankenschwester liest das auf der anderen Seite auf Spanisch. So ist eine Kommunikation möglich. Das ist z.B. eine ganz wichtige Mitarbeit in unserer Gemeinde."

Es ist schon erstaunlich, dass die Unzufriedenheit unter den Deutschen auf Mallorca relativ gross ist, dass viele von ihrem eigenen Ich eingeholt werden, dass die Unzufriedenheit, die sie in Deutschland begleitet hat, auch hier wieder spürbar wird, und dann fängt jeder 2. Satz an mit "Aber in Deutschland."

Glücklich ist eigentlich nur jemand auf den Balearen, der auch schon in Deutschland glücklich gewesen ist. Es gibt Untersuchungen der Universität der Balearen, dass 95 % der Deutschen innerhalb von 10 Jahren die Insel wieder verlassen und nur 5 % bleiben.

Also von daher ist die Sorge der Mallorquiner vor einer germanischen Überfremdung nicht ganz so begründet, die meisten gehen auch in den ersten 2 oder 3 Jahren wieder zurück, weil ihre Träume und Hoffnungen sich nicht erfüllt haben.

Diejenigen, die länger als 10 Jahre hier bleiben, haben meistens hier eingeheiratet, haben mallorquinische Kinder in die Welt gesetzt, aber selbst da ist es so, dass diese Kinder von den Klassenkameraden als die alemanes bezeichnet werden, von daher ist also der Eindruck, man könnte sich hier integrieren oder heimisch werden innerhalb von kürzester Zeit, nicht unbedingt gegeben. Das dauert schon 2., 3. Generationen, bevor man hier wirklich Fuß gefasst hat.

Die Mallorquiner sind Insulaner, mit ihren besonderen Fähigkeiten, die Mallorquiner sind Meister im Mauern bauen, das sieht man auf allen Feldern, aber sie bauen auch die Mauern um ihre Herzen.

Mallorca ist die Lieblingsinsel der Deutschen  -  wie in jeder Liebesbeziehung kriselt es eben manchmal. Bleibt zu hoffen, dass man sich auch diesmal wieder zusammenrauft, mit ein bisschen mehr Verständnis füreinander, auf beiden Seiten, zum Wohle aller.

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