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Lange Nacht | Beitrag vom 03.11.2018

Eine Lange Nacht über den BluesAuf der Suche nach Freiheit

Von Michael Groth

Muddy Water spielt auf einer Bühne Gitarre. Schwarz-weiß Foto (imago stock&people)
Muddy Waters verkörperte für die Migranten in Chicago ein Stück Heimat. (imago stock&people)

Zwischen den 20er- und 70er-Jahren zogen in den USA immer mehr Afroamerikaner aus dem Süden in die Städte des Nordens. Sie brachten den Blues mit. Musiker wie Muddy Waters wurden berühmt. Es waren vor allem Frauen, die die ersten Bluesplatten kauften.

Das Mississippi-Delta gilt als Heimat des Blues. Mit Delta ist nicht die Mündung des Flusses in den Golf von Mexiko gemeint, sondern ein rund 160 Kilometer langer und rund 50 Kilometer breiter Streifen östlich des Mississippi im gleichnamigen Bundesstaat.

Die große Migration

Das Museum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington widmet der "Great Migration" eine eigene Abteilung. Dort heißt es:

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts  verließen 6 Millionen Afroamerikaner den ländlichen Süden der Vereinigten Staaten. Man bezeichnete diese Wanderung als "Great Migration". Sie suchten ein besseres Leben. Ein Leben ohne Armut und Diskriminierung. Sie suchten einen Ort, an dem sie wie Menschen behandelt wurden,  wo sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, wo ihr Leben nicht ständig in Gefahr war."

Die große Wanderung fand in zwei Schüben statt, etwa zwischen 1915 und 1940 der Erste, zwischen 1944 und 1970 der Zweite. Offiziell fanden die Afroamerikaner, die seit dem 17. Jahrhundert als Sklaven in der Landwirtschaft arbeiteten, und als Eigentum ihrer weißen Besitzer keinerlei Rechte hatten, 1865 mit dem Ende des Bürgerkrieges ihre Freiheit. Die Realität sah anders aus. Man erfand so genannte "Jim Crow Laws", Gesetze, die die Trennung der Rassen festschrieben. Sie stellten sicher, dass sich an der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten nichts änderte. Zwar waren die Afroamerikaner nicht mehr "Eigentum" der Plantagenbesitzer. Als Pächter, die den Ertrag ihrer kleinen Parzellen für absurd geringe Summen  abgeben mussten, gab es für die Schwarzen indes wirtschaftlich kaum Hoffnung. Ein Ausweg blieb – in den meisten Fällen ein Weg ohne Rückkehr.

Die Bluesmusiker Leadbelly, Josh White und Nicholas Ray (l-r) in New York 1940.  (imago stock&people)Die Bluesmusiker Leadbelly, Josh White und Nicholas Ray (l-r) in New York 1940. (imago stock&people)

Dockery - die Wiege des Blues im Delta

Ende des 19. Jahrhunderts suchte der junge Will Dockery sein Glück in den Sümpfen des Deltas. Unweit des kleinen Ortes Cleveland kaufte er Land, ließ es roden, und pflanzte Baumwolle. Jahrzehnte später waren auf der mehr als 60 Quadratkilometer großen Plantage mehrere hundert Arbeiter beschäftigt. Viele von ihnen lebten mit ihren Familien in Hütten auf dem Gelände entlang des Sunflower River.  Für die Arbeiter gab es auf Dockery eine Infrastruktur: kleine Läden, eine Kirche, einen Friedhof. Landwirtschaft wird hier heute nicht mehr betrieben. Das Gelände gehört einer Stiftung, deren Geschäfte Bill Lester führt:

"Dockery gehört zu den Orten im Delta, an denen der Blues entstand. B.B.King nannte Dockery den Geburtsort des Blues. Hier haben fast Alle gespielt. In den zwanziger Jahren gab es keine Juke Joints, keine Bars, in denen getanzt und musiziert wurde. Das Delta war ein einsamer Ort. Professionelle Unterhaltungsprogramme gab es nicht. Die Menschen lebten auf den Plantagen, die sie nur selten verließen. Die Bluesmusiker zogen von Plantage zu Plantage und suchten Pächterhäuser, in denen sie ihre Kunst präsentieren konnten. Auf Dockery fanden sie das Haus von Big Lou. Der Mann mochte die Musik, und er liebte Parties.  Am Samstag räumte er seine Möbel ins Freie. Bei Anbruch der Dunkelheit verwandelte sich Big Lous Hütte in das "Frollicking House". Es gab damals noch keine Elektrizität. Keine Klimaanlage, gar nichts. Big Lou stattete sein Haus mit großen Spiegeln aus,  und er hängte Laternen in die Fenster. Das Fest konnte beginnen. Lou’s Haus leuchtete wie ein großes Feuer – ansonsten war es stockdunkel auf Dockery. Die Leute erhielten samstags ihr Wochengehalt. Sie zahlten 25 Cent, um über die Brücke in das "Frollicking House" zu kommen. Das konnten im Laufe des Abends 1000 Leute sein – für den Musiker bedeutete dies 250 Dollar."

Der 1997 gestorbene Kritiker Robert Palmer erzählt in seinem 1982 erschienen Buch "Deep Blues" die Geschichte der Delta-Musikanten:

"Die Musiker fanden ihr Publikum überall. Sie bleiben nie lang an einem Ort. Sie kamen, sie waren das Herz der Party, sie tranken so viel sie wollten, und die Frauen folgten ihnen nach der Show. In guten Zeiten konnte sie sich feine Anzüge leisten, manchmal sogar ein Auto. Sie waren die Stars."

Buchtipp: Robert Palmer - Deep Blues. A Musical and Cultural History of the Mississippi Delta. Penguin Books, 1982, 320 Seiten. 


"Auf der Plantage lebten Tausende. Viele der Arbeiter brachten ihre Familien mit. Mr. Dockery musste für ihre Ernährung sorgen. Er ließ Schienen legen, und die Plantage mit dem kleinen Nachbarort Boyle ("Bowl") verbinden. 12 Meilen durch den Wald. Mit den Versorgungszügen, die Dockery erreichten, kamen auch die Musiker. Der Zug verkehrte nur zwischen Dockery und Boyle. Dort stiegen die Musiker um, und erreichten, wenn sie wollten, in der nächsten Nacht Chicago. Howlin Wolf verbrachte seine Kindheit auf Dockery. Er verließ die Plantage mit 18 – um in Chicago berühmt zu werden, wie wir heute wissen. Hier im Delta hat Wolf den Blues gelernt, von Charlie Patton und den anderen, die vorbei kamen. Neben Wolf ist auch Roebuck "Pop" Staples auf Dockery aufgewachsen. Er war ein Schüler von Charlie Patton.  Die Staple Singers haben Generationen von Blues- und Gospelmusikern beeinflusst, bis heute. Ausgehend von Big Lou’s "Frollicking House" auf Dockery."

Erzählt Bill Lester. Er führt uns zu der makellos weißen Scheune, "Dockery" steht mit großen Buchstaben auf dem Dach. Eine Attraktion für Touristen:

"Wir haben hier sehr viele Besucher. Wir wollen ihnen vermitteln, wie es klang damals, als Charlie Patton auf der Plantage spielte.  Wenn Sie diesen Knopf drücken, hören Sie Charlie mit seiner National Guitar aus Metall. Wir haben Lautsprecher aufgestellt, so ähnlich mag es hier vor hundert Jahren geklungen haben. Hier wurde damals die Baumwolle gestapelt. Der Zug stand direkt hier, an dieser Stelle. Hier stand ein Kran, wenn die Baumwolle geladen war, ging es nach Boyle, und von dort nach Chicago oder New Orleans."

Trotz niedriger Löhne, trotz der Verweigerung elementarer Rechte, lebten in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts 80 bis 90 Prozent der Afroamerikaner im Süden der Vereinigten Staaten. In Mississippi bildeten sie die Mehrheit. Aus Briefen ihrer Freunde und Verwandten, die bereits im Norden waren, erfuhren die Menschen was sie dort erwartete. Daneben gab es das Radio, es gab Zeitungen. Den Plantagenbesitzern, die einen massenhaften Fortzug ihrer Arbeiter verhindern wollten, war es nicht möglich, die Berichte zu unterdrücken, die über die Lebensbedingungen in Chicago berichteten.

Aufbruch in die Kälte

Die Schwarzen verließen ihre Heimat oft bei Nacht und  Nebel. Per Bus oder mit der Bahn. Die Illinois Central Railroad durchquerte den Bundesstaat Mississippi. Wer es aus dem Delta heraus schaffte, und, zum Beispiel, bis Memphis kam, der gelangte mit dem Zug ohne umzusteigen bis Chicago. Dion Brown leitet das "Underground Railroad Freedom Center" in Cincinnati. Er stammt aus Mississippi, und er hat, als langjähriger Direktor des Bluesmuseums in St. Louis, die Wege der "Great Migration" nachvollzogen.

"Jobs spielten natürlich auch eine Rolle. Überall im Süden. Die Leute bewegten sich in unterschiedliche Richtungen. Folks aus Alabama zogen an die Ostküste, Menschen aus dem Delta wanderten nach Norden, nach Chicago und Detroit, aus Louisiana reisten die Menschen oft nach Kalifornien. Der Blues breitete sich im ganzen Land aus. Egal, wohin es sie trieb – sie stießen auf Bekannte oder Familienmitglieder, die halfen. Wenn die Reisekasse leer war, war die Reise meist zu ende. An den Ufern des Mississippi lässt sich das gut beobachten. Aber wo immer sie sich niederließen, im Sommer kehrten sie zurück in die Heimat. Und sie erzählten von der neuen Welt, von einem neuen Leben, von Jobs – worauf die Nächsten ihre Sachen packten."

1930 waren 1,3 Millionen Afroamerikaner aus dem ländlichen Süden in den Norden der Vereinigten Staaten gezogen. Die Depression der dreißiger Jahre verlangsamte die Migration. Das änderte sich in den vierziger Jahren. Eine zweite, weitaus größere Wanderung setzte ein, sie umfasste 5 Millionen Menschen. Die meisten Migranten wollten nach Chicago. Im Mai 1943 auch Muddy Waters. Was ihn dort erwartete, beschreibt Robert Palmer:

"Chicago war kalt, teuer, schmutzig und gefährlich. Es schien so weit wie der Nordpol. Aber vielleicht, dachte Muddy, ist es ja gar nicht so verkehrt. Die Lage auf Stovall war jedenfalls schlecht. Von Musik und der Produktion von selbstgebrannten Whiskey konnte Muddy nicht leben. Er musste ab und zu in die Baumwollernte – wo er fünf Cent weniger erhielt als die anderen Arbeiter. Seine Bitte, den Stundenlohn wenigsten um 2 ½ Cent auf 25 zu erhöhen, wurde abgelehnt. Muddy nahm es hin, aber die Entscheidung war gefallen: Auf nach Chicago."

Muddy Waters hatte Glück. Er findet ein gemachtes Nest. Er verkörperte für die Migranten in Chicago ein Stück Heimat. Aber er veränderte seine Musik. Der Blues hatte den Norden erreicht. Noch einmal Robert Palmer:

"Muddy war ein Landei – dennoch kam er in Chicago gut zurecht. Er blickte sich um, und er sagte nicht viel. In Mississippi hatte er als Bluesmusiker einen Namen. Die Migranten erkannten ihn, und luden ihn ein, auf ihren Partys zu spielen. Er hatte einige Cousins in  der Stadt, da kam er unter. Bald verdiente er genug, um sich mit seiner Frau ein Apartment leisten zu können. Je mehr Menschen aus Mississippi nach Chicago kamen, desto öfter wurde er begrüßt: Hey! Muddy Waters."

Sweet Home Chicago

Der Chicagoer Sears Tower wurde in Willis Tower umbenannt, links das höchste Gebäude (EPA/TANNEN MAURY)Skyline Chicagos (EPA/TANNEN MAURY)

Die große Wanderung nach Chicago sollte der 1938 gestorbene Robert Johnson nicht mehr erleben. Sein 1936 aufgenommener Song "Sweet Home Chicago" ist eine voraus empfundene Ahnung, die zur Hymne einer Generation von Bluesmusikern werden sollte.

Die Geographie der Vereinigten Staaten wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu vermessen. Um 1900 herum betrug der Anteil der Afroamerikaner an der Bevölkerung Chicagos 4 Prozent. Nach dem zweiten Weltkrieg stieg die Zahl auf mehr als 20 Prozent, von 278.000 im Jahr 1940 auf 492.000 zehn Jahre später. Neben dem Wunsch nach Achtung der Menschenwürde gab es für den Anstieg der Migration einen weiteren Grund. Im Zweiten Weltkrieg wurden mechanische Baumwollpflückmaschinen eingeführt. Die neuen Maschinen fuhren pro Tag eine Ernte ein, für die es bislang rund 100 Arbeitskräfte brauchte. Das Pachtsystem brach zusammen, in dem die Plantagenbesitzer ihren Arbeiter ein kleines Stück Land überließen, um ihnen – zu einem Spottpreis- den Ertrag anschließend ab zu kaufen. Den Arbeitern und ihren Familien blieb nichts als die Wanderschaft.

Mehr Rechte

Mit der Migration änderte sich das Sozialgefüge im Süden. Clay Motley von der Gulf Coast University in Florida beschreibt eine, wie er sagt, "schräge Dynamik", die nun ihr Ende fand:

"Die weißen Plantagenbesitzer verzichteten in der ersten Phase der Migration ungern auf die schwarzen Arbeitskräfte. Sie versuchten sogar, die Afroamerikaner vor Übergriffen zu schützen. Der Klu Klux Klan, die Rassisten – das waren die ärmeren Weißen. Es kam zu Spannungen. Die Armen warfen den Reichen vor, die Afroamerikaner zu protegieren. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft änderte sich das. Einerseits wurden die afroamerikanischen Arbeiter weitgehend überflüssig – andererseits begannen die Schwarzen, sich zu organisieren und auch in den Südstaaten ihre Rechte einzuklagen. Die "Great Migration" wurde so für die meisten Weißen – arm wie reich- zu einer willkommenen Gelegenheit, ein Problem los zu werden."

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erreichten die Forderungen nach gleichen Rechten für alle Amerikaner auch den Süden des Landes. 1954 hatte der Supreme Court die Rassentrennung in öffentlichen Schulen und Universitäten als verfassungswidrig bezeichnet. Die "Jim Crow Gesetze" begannen zu bröckeln. Der Bus Boykott in Montgomery, die "Freedom Riders", der gewaltlose Feldzug von Martin Luther King: die Zeichen standen auf Veränderung.

Bronzeville – das afroamerikanische Viertel Chicagos

Die Zuwanderer fanden in Chicago eine Infrastruktur vor, die sie nutzen konnten. Sie mussten hier nicht die Bürgersteige verlassen, wenn ihnen ein Weißer entgegenkam, sie fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wie alle Anderen. Die Neuankömmlinge ließen sich vor allem im Süden der Stadt nieder. Bronzeville, so wurde das Viertel genannt, erstreckte sich von der Cermac Road im Norden zur 67. Strasse im Süden. Im Osten reichte Bronzeville an das Westende von Cottage Grove, und im Westen stieß die Gegend an den Dan-Ryan-Expressway. Bronzeville wurde zu einer Stadt in der Stadt. Die meisten Weißen hatten die Gegend inzwischen verlassen. Eine afroamerikanische Infrastruktur entstand, mit Geschäften, Dienstleistungen, und Kirchen. Neben allen wirtschaftlichen und politischen Erfolgen, die die Afroamerikaner an Chicagos Südseite verzeichneten, war es vor allem die Unterhaltungsindustrie, die Bronzeville bekannt machte, über die Grenzen der Stadt und über die Grenzen der Rassen hinaus. In ungezählten Restaurants und Klubs spielten Jazz- und Bluesmusiker, die zu Legenden wurden.

Chicago hatte berühmte Jazzklubs – aber Jazz gab es auch andernorts, in New York, Los Angeles, New Orleans sowieso. Es war der Blues, der in der "Windy City" – so genannt wegen der Stürme, die sich im Westen über der Prairie sowie im Osten über dem Lake Michigan zusammenbrauen und über die Stadt fegen- ein Ausrufezeichen setzte. Musikalische Grenzen, sagt Tim Samuelson, gab es nicht. Er kümmert sich im Auftrag der Stadt um das historische Erbe von Chicago. Den Blues gab es in der Stadt schon bevor die Musiker aus Mississippi ihre Gitarren auspackten.

"Bronzeville war eine Art Düngemittel. Es weckte Kreativität. Was die Musik betrifft, gab es hier mehr, als die Ost- oder die Westküste zu bieten hatte. Chicago war offen. Hier schrieb Dir niemand vor, was Du zu tun, oder zu lassen hast.  Die Musiker, die aus dem Delta kamen, spielten akustischen Blues. Die Texte waren sexuell eindeutig. Wie kam das in einer überfüllten Bar in Chicago an? Der Geräuschpegel in diesen Bars war hoch, akustische Instrumente hatte hier keine Chance. Man brauchte Verstärker und Mikrophone. Zum Glück für die Musiker kamen etwa zur gleichen Zeit die elektrischen Gitarren auf den Markt. Die Musik veränderte sich. Aus akustischen Rohdiamanten wurden elektrisch verstärkte Songs für ein breites Publikum. Nur wenige Musiker aus dem Delta nahmen Unterricht auf ihren neuen Instrumenten. "Learning by doing" war die Devise – dabei konnten die Gitarren krachen, stöhnen, jauchzen. All dies gehörte zum neuen Stil."

Eine besondere Plattenfirma: Chess Records

Auf unserem Spaziergang durch das ehemalige Bronzeville passieren wir eine berühmte Adresse, 2120 South Michigan Avenue: ehemals Hauptquartier von Chess Records, einer Plattenfirma, ohne die die Entwicklung des Blues in Chicago anders verlaufen wäre. Tim Samuelson

"Ironischerweise wurde ein Teil der Geschichte des Blues dieser Stadt von zwei polnisch-jüdischen Brüdern geschrieben. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließen sich Leonard und Phil Chess hier nieder. Die Brüder träumten den Traum aller Einwanderer: wie werde ich so schnell wie möglich reich? Zur gleichen Zeit, da Leonard und Phil darüber nachdachten, kamen die Musiker aus dem Delta in die Stadt. Die großen Plattenfirmen kümmerten sich damals nicht um ethnisch definierte Randgruppen. Die Chess Brüder erkannten eine Marktlücke. Ihnen war klar, dass Aufnahmen von Bluesmusikern aus Bronzeville nicht das große Geld brachten – aber sie hofften darauf, dass die Menschen, die auf der South Side und der West Side lebten, auch Platten der Künstler kaufen würden, die sie jeden Abend erleben konnten. Die Brüder nannten ihr erstes Label "Aristokrat" -  bald standen die Musiker Schlange: Sie hatten ihre akustischen Gitarren gegen elektrisch verstärkte Instrumente getauscht; die Musik, die sie nun machten, sollte auf einem Tonträger festgehalten werden. Aber es war noch immer aus dem Delta für Zuwanderer aus dem Delta. Die Chess-Brüder produzierten die Songs, dann brachten sie die Platten persönlich in die wenigen Plattenläden sowie in Frisör- und Schönheitssalons. Es waren vor allem Frauen, die die ersten Bluesplatten kauften. Zunächst glaubten die Chess-Brüder nicht an das große Plattengeschäft. Eine Plattenaufnahme war Prestigesache – vor allem für die Musiker, die ihr Geld vor allem bei Live-Auftritten in den Klubs verdienten. Von Blues verstanden die Chess Brüder nichts. Aber es gab eine Nähe zwischen Leonard und Phil, die ihr Handwerk unter schwierigen Bedingungen auf den Straßen Chicagos lernten, und den Musikern, die sich in den Klubs durchschlagen mussten. Diesem Geschäftsmodell sind Leonard und Phil Chess gefolgt."

1950 übernahmen die Chess-Brüder das Aristokrat-Label. Die neue Firma trug ihren Familiennamen. Ein Name, der bis heute  mit der Anschrift 2120 South Michigan Avenue verbunden ist. Tim Samuelson.

"Die Brüder kauften ein bescheidenes zweistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoss waren die Büros und die Lagerräume. Im ersten Stock entstand das Studio. Nun war man unabhängig von den engen Zeitplänen, denen sich Musiker und Produzenten in den wenigen kommerziellen Studios in Chicago unterwerfen mussten. Leonard Chess gab seine Musik Zeit; sie sollten sich kennen lernen und musikalisch austauschen, bevor die Aufnahme startete. Heraus kam in der Regel ein Produkt, das der live Stimmung in einem Klub sehr nah kam. Diesen Sound hätte niemand in der sterilen Umgebung eines Miet-Studios hinbekommen, wo Du nach der Uhr spielen musstest. Die Brüder verließen sich auf ihren Instinkt. Direkt gegenüber dem Laden war eine Bushaltestelle. Chess produzierte ein Demo-Band, das man den Menschen vorspielte, die hier warteten. Wenn getanzt wurde, ahnte man: das wird ein Hit."

Muddy Waters wird in den 50er Jahren der wichtigste Musiker für Chess. 1944, ein Jahr nach seiner Ankunft in Chicago, wechselt er seine akustische Gitarre gegen ein elektrisch verstärktes Instrument. Robert Palmer über seine ersten Jahre bei Chess:

"Keine Frage – das war noch immer der alte Blues aus dem Delta. Aber er hatte etwas Neues. Es war andere Musik, als man sie sonst in den Klubs von Chicago hörte: den mit Bläsern angeheizten Rhythm’n’Blues, oder die Blues Balladen. Er war einfache Musik, voller Leidenschaft. Die unterschwellige Sexualität der Texte sprach vor allem Frauen an. Kein Wunder, dass es Leonard Chess‘ Freundin Evelyn war, die ihn auf Muddys erste Platte aufmerksam machte."

Buddy Guy

Buddy Guy, geboren 1936 in Louisiana, kam 1957 nach Chicago. In seiner Biographie "When I left Home" beschreibt der Musiker seinen ersten Besuch in der Innenstadt.

Buchtipp: Buddy Guy - When I left home, My Story, 270 Seiten.

"So hohe Häuser und so viele Geschäfte kannte ich bis dahin nicht. Eine riesige Menschenmenge bewegte sich durch die Straßen – jeder machte den Eindruck, als könne er Geld ausgeben. Ich ging den Chicago River entlang bis zu der Stelle, an der er in den Lake Michigan mündet. Der frische Wind dort ließ mich zur Besinnung kommen. Das war auch nötig – meine Ängste saßen tief."

Der erste Winter hinterlässt Spuren.

"Der Wind fegt über den See. Du denkst, Dir erfrieren die Glieder. Schlimmer als Chicago kann es im Winter nicht kommen. Und wenn Du keinen Job hast, wenn Du auf die Straße musst, um Deinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn Du dabei an den warmen Süden und Mutters gute Küche denkst, dann fragst Du Dich: Was soll ich hier? Wie lange wird mein Geld reichen?"

Buddy Guy hat Glück. Er trifft die richtigen Leute und spielt schon bald mit den Bluesgrößen der Stadt: Otis Rush, Muddy Waters, Willie Dixon und Howlin Wolf. In seiner Biographie heißt es:

"Howlin Wolf spielte die Frühschicht. Um sieben am Morgen. Die Arbeiter kamen aus den Fabriken, aber müde waren sie noch nicht. Sie wollten etwas erleben, bevor der Tag anbrach. Wolf stimmte einen seiner Hits an, "Smokestack Lightnin‘". Die Leute tobten. Das muss man erlebt haben: ein Klub in Chicago, am frühen Morgen, der Whiskey fließt in Strömen; und das Publikum bejubelt den Blues."

Buddy Guy erkennt den Trend besser als viele Andere.

"Im Süden spielten wir akustisch. Holz und Saiten. Wir spielten leise – wenn Dir auf der Veranda nur vier oder fünf Menschen zuhören, dann musst Du nicht laut sein. Die leisen Töne schlichen sich direkt in Deine Seele. In Chicago kamen die Töne aus einem Verstärker. In den Klubs ist es laut, da musst Du auch laut sein. Du musst schreien, Du musst Dein Instrument verzerren. Es war neue Musik, und zugleich alt: Countryblues verstärkt durch städtische Elektrizität.  Mir kam das entgegen. Ich war nicht besser als die Anderen, aber ich war lauter. Rückkopplungen habe ich ignoriert. Das machte die Sache nur spannender."

1972 kaufte Buddy Guy die "Checkerboard Lounge", einen Bluesklub an der South Side. 1981 nahmen die Rolling Stones gemeinsam mit Muddy Waters hier ein Live-Album auf.

Als die Stones gemeinsam mit Muddy Waters auf der Bühne der "Checkerboard Lounge" stehen, hat der Blues in Chicago seine Blüte überschritten. 1985 verkauft Buddy Guy den Klub.

Das Ende des Blues?

Der Stadthistoriker Tim Samuelson beschreibt einen traurigen Prozess.

"Der Checkerboard Klub war in der 43. Straße. Es gab ziemlich viel Kriminalität in der Gegend. Die weißen Musikfans blieben lieber weg. Dabei war der Checkerboard Klub eine Hausnummer. Ende er sechziger Jahre begann dann leider der Exodus. Die besseren Bands suchten und fanden neue Spielorte im Norden der Stadt. Vor einigen Jahren versuchte man, den Klub in der Nähe der Universität von Chicago neu zu beleben. Man hoffte auf studentisches Publikum. Das funktionierte nicht. Man kann die Musikgeschichte nicht neu erfinden. Der Checkerboard Klub gehörte nach Bronzeville. Wenn man ihn dort heraus bricht, hat man einen Fisch ohne Wasser."

Es folgt eine Entwicklung, die das Leben der Afroamerikaner bis heute prägt, nicht nur in Chicago. Die Städte verändern sich – wer es sich leisten kann, verlässt die überfüllten "Inner Cities", gleich welcher Hautfarbe er ist. Planer und Politiker verständigen sich auf ein Modell, das, so Tim Samuelson, den Innenstädten wenig Gutes verspricht.

"Die weißen Hausbesitzer ließen ihre Immobilien verfallen. Zugleich versuchten sie, den Wohnraum zu zerstückeln um möglichst großen Profit zu erreichen. Das Ergebnis: zu viele Menschen auf zu wenigen Quadratmetern in einer Umgebung, in der sich niemand mehr um eine funktionierende Infrastruktur kümmerte. Die Verhältnisse wurden unerträglich. Als "Lösung" errichtete die Stadt Wohnblocks, mehrstöckige Betonburgen, um die sich aber – einmal bewohnt- auch niemand mehr kümmerte. Hauptsache, die Menschen waren irgendwo untergebracht. So etwas löst die Probleme nicht, im Gegenteil, es schafft neue Unruhe. Mit einer modernen Alternative für den innerstädtischen Raum, von der einige Planer mit wohlwollender Naivität sprachen, hatten die neuen tristen Wohnblocks nichts zu tun."

In den sechziger Jahren war die Zahl der Afroamerikaner in Chicago noch einmal um 300.000 gestiegen – dann folgt der Verfall. In den folgenden rund 30 Jahren verliert das ehemalige Bronzeville 75 Prozent seiner Bevölkerung. Wer heute durch das Gebiet fährt, sieht leere Straßen, zerfallende Häuser, von Zäunen umsäumte Wohnblocks – auf den freien Flächen, und davon gibt es etliche in Süden Chicagos, stapelt sich zwischen verlassenen Autowracks der Müll. Mit der veränderten Sozialstruktur ändert sich auch die Kultur an der South Side. Wenn die Jobs wegbrechen, wenn das Geld fehlt, leidet oft die Kunst zuerst. Die Klubs in Bronzeville trocknen buchstäblich aus. Das ist indes nicht das Ende des Blues. Buddy Guy beschreibt in seiner Biographie, wie er schon Ende der 1950er einige weiße Gesichter entdeckt.

"Ich dachte zunächst: das sind Cops. Wer sonst würde sich als Weißer hierher nach Bronzeville trauen? Nun – es war nicht die Polizei. Es waren Fans. Musiker. Paul Butterfield and Michael Bloomfield. Irgendwann baten wir sie auf die Bühne. Die nahmen den Blues genauso ernst wie wir. Ich erkannte: the blues was blue, not white or black."

Der Blues ist nicht schwarz oder weiß, er ist blau

Die Rettung, sagen viele Musiker, kam in den sechziger und siebziger Jahren aus Europa. Gregg Parker, der heute in Chicago das Erbe des Blues in einem kleinen Museum pflegt, lebte damals in Deutschland.

"In Europa merkte ich, wieviel Einfluss der Blues hatte. In Amerika interessierte sich Niemand mehr für die Bluesmusiker. An Fernsehauftritte war nicht zu denken. In Europa gab es Festivals, zu denen Muddy, Howlin Wolf und die Anderen eingeladen wurden. Für mich war das ein Anstoß, mich auch zuhause um diese Musik zu kümmern."

Der Blues lebt weiter in Chicago, aber er lebt inzwischen in Nischen. Bluesklubs muss man suchen, und wenn man sie findet, dann nicht mehr an der South Side. Auch Buddy Guy verlegt sein Geschäft. Aber er bleibt – immerhin- in der Nähe der Gegend, die einmal Bronzeville hieß. Tim Samuelson:

"Buddy Guy fand eine gute Lösung. Am südlichen Rand der Innenstadt gründete er einen Bluesklub der seinen, inzwischen berühmten, Namen trug. Es gab dort große Hotels in der Nähe, hier hoffte Buddy auf Publikum. Er baute den Klub mit Hilfe von Freunden, das ganze behielt den Charme des Unvollendeten.  Es war eben ein Bluesklub. Nicht mehr an der South Side, aber authentisch. Leider musste Buddy das Haus wieder verlassen, als es verkauft wurde. Er fand ganz in der Nähe ein neues Domizil. Hier ist es etwas schicker. Durchgestylt, farblich abgestimmt, irgendwie gesichtslos. Buddy ist natürlich immer noch da – das ist die Hauptsache. Man kann ihn hinter der Bühne besuchen und Champagner mit ihm trinken."

Manuskripte zum Download:
Auf der Suche nach Freiheit. Eine Lange Nacht über den Blues (PDF)
Auf der Suche nach Freiheit. Eine Lange Nacht über den Blues (Text)

Lange Nacht

Eine Lange Nacht mit Peter LilienthalPoet des fremden Blicks
Der Regisseur Peter Lilienthal, aufgenommen 2011 (picture alliance/BREUEL-BILD/Karin Mohren)

Einen Nomaden haben sie ihn genannt, einen Wanderer wider Willen, der mit neun Jahren emigrierte, das großbürgerliche Paradies in Berlin-Dahlem verließ. Der Regisseur und Drehbuchautor Peter Lilienthal erzählt von Exil, Fernsehkultur, Nicaragua und Freundschaft.Mehr

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