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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.03.2011

Eine Hommage ans Rauchen

Gregor Hens: "Nikotin", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 188 Seiten

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Raucher sind süchtig - aber viele genießen es auch... (AP)
Raucher sind süchtig - aber viele genießen es auch... (AP)

Das Buch sieht aus wie eine zu groß geratene Zigarettenschachtel, das Design erinnert an die Marke "Kim". Mit "Nikotin" hat Gregor Hens eine Lebensgeschichte geschrieben, die über viele Jahre die Geschichte eines passionierten Rauchers war.

Er hat mehr als hunderttausend Zigaretten geraucht, jetzt hat er aufgehört. Und sucht nach den unvergesslichen Nikotinspuren in seinem Leben. Er hat die letzte Zigarette nicht mit Vorbedacht geraucht, es hat sich vielmehr ergeben, dass er aufgehört hat mit dem Rauchen. Die Frau an seiner Seite, auch sie früher eine Nikotinabhängige wie er, war, nach einem schönen Abend mit ihm und einer stark rauchenden Freundin, in Gefahr, mit dem Rauchen wieder anzufangen.

Gregor Hens war jedoch sowieso nie jemand, der die letzte Zigarette zelebrierte, wie etwa der Held in Italo Svevos großem Raucherroman "Zeno Cosini". Der 1965 in Köln geborene, in Berlin und den USA lebende Autor idealisierte vielmehr die Rückfallzigarette. Denn natürlich hat Gregor Hens das Rauchen nicht zum ersten Mal aufgegeben, aber vielleicht ja wirklich zum letzten Mal.

Sein Buch ist kein Ratgeber, keine Sucht-Abrechnung, vielmehr eine spannende Spurensuche: Wie war das mit der ersten Zigarette, dem ersten bewussten Inhalieren von Nikotin, welche Augenblicke sind untrennbar mit dem Rauchen verbunden und werden es immer bleiben?

Lebensgeschichte als Rauchergeschichte: Seine Eltern dachten nicht über die schädlichen Folgen für die Kinder nach, wenn sie auf stundenlangen Autofahrten unablässig qualmten. Dass der vielrauchende Vater sich die Zigaretten dann von einem auf den anderen Tag abgewöhnte, ohne Hilfe oder professionelle Anleitung, dass er später stets betonte, das sei nur eine Frage des Willens gewesen, hat die drei Söhne wohl nicht zuletzt zu entschiedenen Rauchern gemacht. Die Mutter hingegen wird – traurig und schön – dem Sohn immer als Raucherin dünner Damenzigaretten in Erinnerung bleiben.

Natürlich geht es in diesem klugen Essay auch um Fragen, die jedem Nikotinabhängigen gestellt werden: Wann rauchen Sie morgens ihre erste Zigarette und wann abends die letzte? Es geht um die Zusatzstoffe – sind gar nicht so viele –, um die sogenannten "tobacco chippers" ("jene seltenen, beneidenswerten Individuen, denen es gelingt, über Jahre oder Jahrzehnte hinweg täglich nur die eine oder andere Zigarette zu rauchen, ohne jemals abhängig zu werden"); es geht um all die Raucher, die meinen aufhören zu können, wenn sie nur wollten, um das Verhältnis zwischen Nikotinabhängigkeit und Schizophrenie.

Hens streift all diese Themen; im Zentrum stehen jedoch die sinnlichen – und deswegen wichtigeren – Aspekte des Tabakrauchens. Einmal beobachtet er ein junges Paar, das sich spät nachts, offenbar von einer Party kommend, auf der Straße eine Zigarette anzündet. Er weiß, wie die beiden sich fühlen, was dieser Augenblick bedeutet und verspricht – welche enorme Sinnlichkeit damit verbunden ist. Er beobachtet die Szene und denkt plötzlich, dass er fürs Rauchen vielleicht einfach zu alt ist. Nicht die schlechteste Haltung für einen zum Nichtrauchen Entschiedenen: Rauchen ist vor allem etwas für Junge. Doch die rauchen ja auch immer weniger.

Besprochen von Manuela Reichart

Gregor Hens: Nikotin
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
188 Seiten, 17,95 Euro

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