Eine hartnäckige Chefanklägerin

17.01.2012
Dieses Buch würdigt Carla del Ponte, die Chefanklägerin der UN-Tribunale für das ehemalige Jugoslawien und für Ruanda mit einem Interview-Teil. Ergänzt werden die Aussagen mit einer ungewöhnlichen Fotoserie, in der Opfer und Täter des Genozids in dem afrikanischen Land zu sehen sind.
Dieses Buch hat ein ehrenwertes Anliegen: Es will Carla del Ponte, die Chefanklägerin der UN-Tribunale für das ehemalige Jugoslawien und für Ruanda, als Person würdigen und gleichzeitig die Bedeutung ihrer Arbeit für Gerechtigkeit und Menschenrechte vor Augen führen. Und "vor Augen führen" ist hier ganz wörtlich gemeint, denn den einführenden Interview-Teil, in dem vier Journalisten die weltweit geachtete Anwältin befragen, vollendet eine ganz und gar ungewöhnliche Fotoserie.

Sie zeigt 68 in Schwarz-Weiß fotografierte Porträts von Opfern und Tätern des Genozids in Ruanda. Robert Lyons, der seit Jahren als Fotograf den afrikanischen Kontinent bereist, hat sie aufgenommen und so ein "demokratisches Archiv" geschaffen. Meilenweit entfernt von den typischen Katastrophenfotos zeigt er Menschen, die – ohne Beiwerk, ohne ablenkenden Hintergrund – direkt in die Kamera blicken. Und der Betrachter weiß nicht, schaut er einen Mörder an oder einen Überlebenden.

Wer sich auf diese Bilder einlässt, dem öffnen sich ungeahnte Assoziationsräume. Man rätselt über die Geschichte der Abgebildeten und fragt sich, wem was zugestoßen sein mag und warum. So werden die Individuen gleichzeitig zu Archetypen – und auch wieder nicht, denn Lyons hat am Ende des Buches ein Verzeichnis veröffentlicht, das Täter und Opfer identifizierbar macht.

Man fragt sich lange, ob die Wirkung nicht noch größer wäre, wüsste man nicht, wer wer ist. Diese Bilder hallen lange nach und erzählen auf ungekannte und durchaus auch verstörende Art davon, wie wichtig die Arbeit einer Carla del Ponte war und ist.

Davon zeugen – wenn auch weniger eindrücklich als Lyons Porträts – die Gespräche mit del Ponte selbst, die immer dort, wo es um Recht und Gesetz geht, deutliche Worte findet. Hier wird klar, dass der Kampf für Gerechtigkeit ihr ein existenzielles Anliegen ist. Sie scheut sich nicht, Probleme anzusprechen: Die mangelnde Kooperation der Staaten mit dem Internationalen Strafgerichtshof, die Einmischung der Politik in dessen Arbeit, fehlende Finanzierungen, unterschiedliche Rechtsysteme etc.

"Die Staaten müssten zusammen kommen und sich für eine globale Justiz entscheiden.", sagt sie abschließend – wissend, wie schwer das ist. Dass sie dennoch dafür wirbt, und die junge Generation auffordert "Setzt Euch ein!", zeigt wohl zwei ihre wichtigsten Charakterzüge "Enttäuschungsfestigkeit und Beharrlichkeit".

Von ihren Gefühlen allerdings gibt del Ponte wenig preis. Das ist schade, denn die Person bleib damit hinter ihrem Amt verborgen. Gefragt etwa, wie sie mit ihren eigenen Ängsten umgeht, sagt sie: "Mit dem Alter vergehen alle Ängste." Warum sie so einsilbig ist, verrät sie, die zum Zeitpunkt dieser Gespräche im Oktober 2010 als Schweizer Botschafterin in Argentinien tätig ist, allerdings auch: "... die Botschafterin hat keine Gefühle, keine ... sie regt sich nicht auf – nie. Kommen Sie nächstes Jahr wieder. Jetzt kann ich Ihnen nichts sagen." Seit Februar 2011 ist Carla del Ponte pensioniert. Man sollte sie unbedingt noch einmal besuchen!

Besprochen von Eva Hepper

Ronald Grätz/Hans-Joachim Neubauer (Hg.), Carla del Ponte. Mein Leben für die Gerechtigkeit.
Gespräche / Robert Lyons. Wer entscheidet? Fotografien
Steidl Verlag, 2011
24,00 Euro, 215 Seiten