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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2011

Eine Gesellschaft im Aufbruch

Die Kunstszene in Saudi-Arabien

Von Kersten Knipp

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2009 wurden zum ersten Mal Bilder, die Menschen und Tiere darstellen, öffentlich gezeigt - auf der Messe "Decofair" in Dschidda. (picture alliance / dpa / Anne Beatrice Clasmann)
2009 wurden zum ersten Mal Bilder, die Menschen und Tiere darstellen, öffentlich gezeigt - auf der Messe "Decofair" in Dschidda. (picture alliance / dpa / Anne Beatrice Clasmann)

Die Skepsis gegenüber der Kunst war lange Zeit groß in Saudi-Arabien. Das lag vor allem an der wahhabitischen Staatsreligion, einer besonders strengen Auslegung des Islam. Doch mittlerweile gibt es eine kleine Kunstszene - und die wächst.

Da stehen und sitzen sie, die Männer und Frauen auf dem Markt der Altstadt von Dschidda. Teils mit bedeckten Gesichtern, teils aber auch ganz offen, ohne jedes vor Blicken schützende Stück Stoff um den Kopf. Die meisten von ihnen schauen direkt in die Kamera, mit festem Blick, ohne Sorge offenbar, das Auge der Kamera wäre ein Verstoß gegen die Vorgaben der Religion. Nein, sie haben nichts dagegen, abgebildet zu werden, und so lassen sie sich von der saudischen Fotokünstlerin Reem al Faisal bedenkenlos ablichten. Großartige Porträts sind ihr so gelungen, von einer Gesellschaft im Übergang.

"Ich komme aus einer Familie in Dschidda. Dschidda ist eine sehr alte Hafenstadt in der unmittelbaren Nachbarschaft von Mekka. Gegründet wurde sie von dem Othman Ibn Affan, dem dritten Kalifen, in der Frühzeit des Islam. Ich habe zuerst Bilder aus Dschidda aufgenommen, vor allem aus dem Hafen der Stadt. Dann habe ich mich für Dschidda als Drehscheibe des Handels interessiert, in die Kaufleute aus dem Jemen, dem Sudan, aus Ägypten und vielen anderen Orten kommen. Zugleich habe ich mich auf die Altstadt von Dschidda konzentriert, und hier wieder besonders auf die Zeit des Ramadan. Der Markt dort ist in der Nacht geöffnet. Ich habe versucht, dieses alte Dschidda einzufangen."

Das alte Dschidda, das zugleich ein modernes ist. Aber Modernität heißt ja nicht, gegen die Traditionen zu leben oder gar gegen sie zu arbeiten, auch in der Kunst nicht. Und so sieht sich auch Reem al Feisal im Einklang mit den Traditionen ihrer Heimat, die sie freilich auf neue Weise umsetzt.

"Die Grundlage meiner Arbeit ist die islamische Kunstphilosophie. Sie gilt für alle künstlerischen Formen: die Malerei, die Arbeit mit Skulpturen, den Film. Das Wichtige an ihnen ist die Philosophie, der Geist, in dem diese Künste betrieben werden. Wo immer ich arbeite, in China, im Maghreb, in Indien – überall beachte ich die Prinzipien dieser Philosophie. Dabei kommt es darauf an, das Leben auszudrücken, dessen geistige Existenz. Das versuche ich in meiner ganzen Arbeit. Das versuche ich auch, wenn ich das Leben in meinem eigenen Land, in Saudi-Arabien, einzufangen versuche."

Rund 60 Jahre ist es her, dass die Menschen in Saudi-Arabien erstmals Kontakt mit der modernen säkularen Kunst hatten. Sie kam im Zuge des Erdölbooms ins Land, der sich in den 1930er Jahren abzuzeichnen begann. Das Öl veränderte die Gesellschaft – und damit, so der Künstler und Kritiker Abdoulaziz Ashour, auch deren Vorstellungen von der Kunst.

"In den letzten 20, 25 Jahren hat sich auch die Technik der Kunst verändert. Entsprechend haben sich auch die Widerstände gegen die moderne Kunst abgeschwächt. Sie gilt nicht mehr als verächtlich, im Gegenteil: Die Kunstszene ist gewachsen, es gibt immer mehr Ausstellungen, viele Künstler werden eingeladen, an bestimmten Projekten mitzuwirken, es gibt einen öffentlichen Diskurs über die Kunst. Die alten Vorbehalte gegen die Kunst sind deutlich geringer geworden."

Dennoch, gewisse Vorbehalte gibt es noch immer. Aber zu Teilen sind es Vorbehalte, die auch in westlichen Gesellschaften existieren. Aber davon abgesehen, meint Hamza Serfai, Direktor der in Dschidda gelegenen Galerie "ATHR Gallery": Ist jede Tradition, jedes Tabu grundsätzlich verachtenswert?

"Es gibt auf jeden Fall Grenzen für die Kunst. Es gibt soziale und religiöse Grenzen. Der nackte Körper zum Beispiel ist tabu. Gewisse Themen sind ebenfalls tabu. Aber das ist eine Herausforderung, mit der die Künstler umzugehen lernen müssen. Und das hat auch seinen Sinn. Denn die saudische Gesellschaft lebt nun einmal nach gewissen Vorstellungen, und die sollten die Künstler auch respektieren. Ich persönlich bevorzuge auch eine Lebenswelt mit gewissen Grenzen. Es mag für die Künstler schwierig sein, sich innerhalb dieser Grenzen auszudrücken. Aber mit dieser Realität müssen wir leben."

Die Frage ist allerdings, wie lange noch oder in welchem Maß sich die Vorgaben der Tradition halten werden – auch, aber nicht nur in der Kunst: Denn auch in Saudi-Arabien sehen sich die Menschen Veränderungen gegenüber, die die Moderne mit sich bringt. Man wird sich ihr auf Dauer nicht entziehen können. Er selbst, erklärt der Künstler Abdelaziz Ashour, habe die Veränderungen in seiner Kunst radikal umgesetzt:

"Ich habe als traditioneller Künstler begonnen, ich arbeitete entsprechend des arabischen Erbes, nach der arabischen Tradition. Dann aber habe ich mich der Moderne zugewendet, und zwar unter dem Einfluss der kulturellen Moderne überhaupt. Ich habe zeitgenössische Autoren gelesen, zeitgenössische Künstler erlebt. Dann ging ich nach Großbritannien. Dort habe ich eine Menge neuer Erfahrungen gemacht, und das hat sich auch in meiner Arbeit niedergeschlagen."

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