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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.01.2012

Eine Geschichte über Gegensätze

Jakob Ejersbo: "Liberty", btb Verlag, München 2011, 864 Seiten

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Der Embakai-Krater ist einer der kleineren Krater im Kraterhochland Tansanias. (Holger Kroker)
Der Embakai-Krater ist einer der kleineren Krater im Kraterhochland Tansanias. (Holger Kroker)

In Dänemark längst ein Bestseller, kommt jetzt der der erste Band von Jakob Ejersbos Tansania-Trilogie auf den Markt. In "Liberty" erzählt er die Geschichte eines jungen Dänen und seines schwarzen Freundes in Tansania - ihre Kindheit und Jugend und wie sie sich verändern.

Es ist ein maßloses Projekt, eine Saga über einen düsteren Kontinent und den Krieg der Kulturen. Zwei Romane und ein Band Erzählungen, zusammen 1600 Seiten Manuskript mit drei großen Titeln - Liberty, Exil, Revolution. Der Autor: Jakob Ejersbo, ein Däne, geboren 1969, aufgewachsen in Tansania. Ejersbo war Straßenbauer, Kellner, Journalist, dann publizierte er drei Bände Prosa. 2007 vollendete er sein letztes Werk, diesen Koloss; im Sommer des Folgejahres starb er an Krebs. Die Trilogie erschien in Dänemark 2009, sie wurde zum Bestseller, der Autor erhielt posthum einen Preis.

Der erste Roman, 860 Druckseiten stark, liegt nun auf Deutsch vor. "Liberty" ist ein vielschichtiges Buch. Vordergründig erzählt es die Geschichte zweier Jugendlicher. Die Kulisse: Tansania, eine Stadt namens Moshi am Südhang des Kilimandscharo. Der Däne Christian ist eben, 1980, nach Afrika gekommen, die Eltern sind Entwicklungshelfer. Marcus, Schwarzafrikaner, stammt aus einem Slum; nun lebt er bei den Skandinaviern von Moshi, halb Adoptivkind, halb Dienstbote. Zehn Jahre lang folgt der Autor den Spuren der Freunde. In alternierenden Kapiteln berichten die Ich-Erzähler von Freud und Leid der Teenagerzeit, von kleinen Gaunereien und der großen Mühe, unter Wilden Mensch zu bleiben.

"Liberty" erzählt auf verstörende Weise von Gegensätzen. Schwarz und weiß: Der eine Junge ist der Spiegel des anderen, jeder begehrt, was der andere hat. Marcus will nach Skandinavien, Christian bekennt: "Ich bin nicht so weiß, wie ich aussehe." Schuld, Unschuld: Unverdorben ist nur das Kind Christian, Ankömmling in einem Paradies, das er bald als Hölle erkennt. Rasch verroht er, und Freund Marcus registriert das "Benehmen eines dummen Negers aus dem Slumviertel". Gut und böse: Nein, die Helfer - Dänen, Finnen, Schweden - kommen nicht gut weg. Es geht um Zuckerrohr und Holz in Tansania, es geht um Mammon und Macht. Helfer unterschlagen Gelder, sie schikanieren die Schwarzen, und wenn es opportun scheint, morden sie sogar. Zu Teilen ist der Wälzer ein Krimi - und im Ganzen ein Abgesang auf das Konzept Entwicklungshilfe.

Sex oder Liebe: Die Familien der Helfer brechen mit Getöse auseinander, auch die von Christian. Die Hauptfiguren leben in dauernder Promiskuität. Und Sex hat in Moishi viel mit Unterwerfung zu tun. Mit Gewalt. Mit Prostitution. Freiheit, Unfreiheit: Die Bürger des freien Staates Tansania bleiben Gefangene einer schmachvollen Geschichte. Und der Titel des Buchs? Meint nur die heißeste Diskothek der Stadt.

"Liberty" ist ein ambitionierter Roman. Trotz der Länge bleibt er leicht zu lesen - dank schlichter Sprache und einer hyperrealistischen Erzählweise. Gewalt- und Geschlechtsakte schildert der Autor in Echtzeit, seitenlang, mit pornographischer Genauigkeit. Ein Kritiker erhoffte sich von Ejersbo ein Werk, das den Weg des modernen Tansania spiegelt. Aber: "Leider weit gefehlt!" Dieser Roman wird dem Land mit seinen Widersprüchen nicht gerecht. Der Autor hatte genau jenen eurozentrischen Blick, den auch wir Leser haben.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Jakob Ejersbo: Liberty
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
btb Verlag, München 2011
864 Seiten, 19,99 Euro

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