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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.05.2009

Eine Familie zerfällt

Josep Maria de Sagarra: "Privatsachen", Elfenbein Verlag, Berlin 2009, 416 Seiten

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Vergnüglich: Die Brüder Frederic und Guillem treiben sich am liebsten in Clubs der spanischen Metropole Barcelona herum. (AP Archiv)
Vergnüglich: Die Brüder Frederic und Guillem treiben sich am liebsten in Clubs der spanischen Metropole Barcelona herum. (AP Archiv)

Nach mehr als 75 Jahren erscheint der Roman "Privatsachen" von Josep Maria de Sagarra auch in deutscher Übersetzung. Die Ausgabe kommt nicht zu spät: Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und dem Zerfall familiärer Strukturen hat der Barcelona-Roman aus dem Jahr 1932 nichts an Aktualität verloren.

Josep Maria De Sagarra (1894-1961) gilt als einer der herausragenden Literaten katalanischer Sprache. Bekannt ist er in seiner Heimat als Verfasser von mehr als zwei Dutzend Theaterstücken, vor allem aber von mehreren Gedichtbänden. De Sagarra machte sich zudem als Journalist und als Übersetzer von Dante und Shakespeare einen Namen. Und er sorgte mit seinem dritten und preisgekrönten Roman "Vida Privada" (1932) wegen dessen "unmoralischen Inhalts" für einen Skandal.

Denn de Sagarra war eine Art Nestbeschmutzer: Für seine boshaft-drastische Abrechnung mit den höchsten Adelskreisen von Barcelona nutzte er Kenntnisse aus erster Hand. De Sagarra hatte als Angehöriger der katalanischen Aristokratie zunächst die Diplomatenlaufbahn eingeschlagen und selbst lange Jahre ein dandyhaftes Leben geführt.

Erzählt wird in "Privatsachen" der finanzielle und moralische Niedergang der Familie de Lloberola Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre in Barcelona. Im Zentrum stehen die beiden Söhne des greisen Don Tomas de Lloberola: Frederic, Familienvater um die 40, und sein um 13 Jahre jüngerer Bruder Guillem, Junggeselle. Beide frönen gleichermaßen dem Müßiggang, vertreiben sich die Zeit in vornehmen Clubs oder Bordellen und tragen kaltschnäuzig ihren Dünkel als Angehörige eines jahrhundertealten Adelsgeschlechts zur Schau.

Als der finanziell ruinierte Frederic einen hohen Kredit zurückzahlen muss und sein Vater eine weitere Bürgschaft dafür ablehnt, springt Frederics kleiner Bruder als Retter in der Not ein. Guillem erpresst den angesehenen Gläubiger dieses Kredits, denn er weiß um dessen abnorme Sexualpraktiken, an denen Guillem selbst - inkognito als bezahlter Gigolo - teilgenommen hat. Der Gläubiger nimmt sich das Leben, Gigolo Guillem macht sich an dessen begüterte Witwe heran, die ihn schließlich einige Jahr später heiratet. Großer Name und großes Geld kommen damit wieder zusammen.

Rund um das Brüderpaar lernt der Leser mehr als ein Dutzend weitere Personen und deren Lebensentwürfe genauer kennen - Frederics heranwachsende Kinder, seine Geliebte, seinen Freund Bobby, frühere Angestellte. Es ist ein buntes, bizarres Figurenkabinett von überwiegend egoistischen, verantwortungslosen und scheinheiligen Personen, darunter ebenso kriminelle Gestalten aus der Unterwelt wie hochangesehene Vertreter der Kirche. Rund um den gesellschaftlichen Boom der Weltausstellung 1929 in Barcelona erleben wir Gewinner und Verlierer des sozialen und politischen Wandels. Es ist eine Zeit großer Veränderungen: von der Feudalgesellschaft zur Industriegesellschaft. Die Diktatur Primo de Riveras geht zu Ende, es folgt die nur kurzlebige Republik.

Es ist eine erstaunlich moderne Lektüre, die dieses Buch (1932 veröffentlicht) heute noch immer bietet. Dafür sorgen nicht nur die aktuellen Themen Krise, Zerfall familiärer Strukturen, Eskapismus, Doppelmoral. Modern sind auch die virtuose, elegante Sprache und der originelle, immer wieder überraschende Bilderreichtum von de Sagarra. Ausgestattet mit reichem historischen Hintergrund, liefert der Roman in wahrhaft epischer Breite eine faszinierende Chronik von Barcelona und seinen Menschen.

Besprochen von Olga Hochweis

Josep Maria de Sagarra: Privatsachen
Aus dem Katalanischen von Felice Balletta und Sven Limbeck
Elfenbein Verlag, Berlin 2009
416 Seiten, 25 Euro

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