Eine Familie und ihre Neurosen

Von Natascha Pflaumbaum |
Menschen schreien sich an, die anderen schauen zu, hören zu, sind entsetzt ob der Wahrheit. Vater und Stieftochter reden nach Jahrzehnten endlich Tacheles. Er hat sie als Kind missbraucht. Sie hat das nicht verarbeitet und will Genugtuung. Am Mainzer Staatstheater feierte das Stück "Sechs Personen suchen einen Autor" Premiere.
So geht das über gut anderthalb Stunden: Sechs Menschen aus dem Nirgendwo, eine Familie mit Vater, Mutter und vier Kindern, schreien sich an, weinen, werfen sich die schlimmsten Dinge vor: Prostitution, Pädophilie, Mord, Feigheit, Verschlagenheit, Untreue und seelische Grausamkeit. Um diese Familie dreht sich alles in Luigi Pirandellos absurder Tragödie "Sechs Personen suchen einen Autor", die am Mittwoch am Mainzer Staatstheater Premiere hatte.

Regisseur Felix Prader hat Pirandellos Klassiker neu übersetzt: entschlackt, sprachlich purifiziert, ohne allerdings die philosophische Aphorismenschnellfeuerwaffe zu entschärfen. Noch immer erscheinen Pirandellos philosophische Sentenzen wie in Stein gemeißelt, selbst dann, wenn sie Schauspieler des 21. Jahrhunderts sprechen: "Wer das Glück hat, als Person aus einem Stück zur Welt zu kommen, den kümmert auch der Tod nicht. Sterben tut der Mensch, der Autor, Sie. Die Person aber lebt weiter, bis in alle Ewigkeit!"

Luigi Pirandellos Tragödie arbeitet mit einem einfachen Theatertrick: mit dem Spiel im Spiel, das er hier auf die Spitze treibt, um so dem Theater die Illusionskraft zu nehmen. Eine sechsköpfige Familie - in Mainz sechs in Schwarz gekleidete Gestalten, die wie Kriegsheimkehrer gebeugten Schrittes aus dem Nichts auftauchen - interveniert bei einer Theaterprobe, die belangloser nicht sein kann, weil dem Ensemble schlichtweg ein gutes Stück fehlt. Man probt im hinteren Teil einer Theaterbühne, ohne Requisiten, allein ein paar schwarze Bistrostühle heben sich vor dem alles Licht verschluckenden Schwarz der Hinterbühne ab. Die Schauspieler – in Mainz in edel-kolonialistischem Weiß gekleidet – nehmen die Familie, deren Mitglieder sich wie Schatten über die Probe werfen, zunächst nicht ernst. Doch recht schnell schon bricht es aus dem Vater heraus, der von dem Theaterdirektor verlangt, dass das "Drama in uns" endlich zu Ende geschrieben wird, dass es auf die Bühne gebracht wird. Man verwickelt sich in theatertheroetische Diskussionen, nicht wissend, dass die einen vom Leben sprechen, die anderen von der perfekten Illusion.

Nun da sie ihre Bühne gefunden haben, versteigen sich die "Personen der Familie" in die Aufarbeitung ihrer seit Jahrzehnten schwelenden Konflikte, bruchstückhaft brechen sich die Szenen der Verwerfung Bahn – zum Entsetzen der Schauspieler, die zu Zuschauern auf der Bühne degradiert werden, um dann das Gesehene nachzuspielen – eben als "Stück" auf die Bühne zu bringen. Das beklemmende Kammerspiel der Familie gleicht in Mainz – vor allem dank der schauspielerischen Leistung von Marcus Mislin (Vater) und Julia Kreusch (Stieftochter) - zeitweise einer psychoanalytischen Therapiesitzung, in der der Patient dem Analytiker durch erneutes Durchleben seiner Traumata seine Neurosen überträgt, in der Hoffnung, sie in dieser Spiegelung endlich kompensieren zu können. In Mainz überträgt die multitraumatisierte Familie ihr Neurosenpaket der gesamten Schauspieltruppe, die allerdings überfordert scheint mit der Spiegelung. Immer wieder missglückt das Nachspiel, es wird lächerlich, unecht, pathetisch, affektiert.

Pirandello gelingt es vorzüglich, deutlich zu machen, was Realität von der Illusion unterscheidet: Authentizität und Empathie. "Sie sind nicht in uns drin, die Schauspieler betrachten uns von außen", wirft der Vater den Schauspielern vor, als er spürt, wie affig die Darstellung seiner Leiden durch den Vaterdarsteller gerät.

In Mainz gelingt es den Schauspielern ebenso vorzüglich, das Groteske und die verschlagene Perfidie der Theaterillusion offen zu legen. Indem man "sich" (vermeintlich realistisch) auf der Bühne darstellt, nimmt man dem Theater seine fiktionale Kraft: Man degradiert es zur Plattform persönlicher Geschichten und raubt dem Theater somit seine Illusionskraft. Aber eben weil das alles auf einer Bühne geschieht, wird letztlich diese "Realität" fiktionalisiert. Dieses Wechselspiel treibt Felix Prader am Ende immer rasanter auf die Spitze, so dass die tragischen Figuren durchaus komische Züge entfalten.

Man nimmt viel mit aus diesem Verwirrspiel und seiner Mainzer Inszenierung: viel über Illusion, Seelenexhibitionismus, Psychoanalyse und über das Theater überhaupt.

"Sechs Personen suchen einen Autor"
Von Luigi Pirandello
Inszenierung: Felix Prader
Staatstheater Mainz