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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2011

Eine explosive Zeitmaschine

Hallgrímur Helgason: "Eine Frau bei 1000 Grad", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2011, 400 Seiten

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Die oft schrägen Romane des 52-Jährigen sind auch in Deutschland erfolgreich. (picture alliance / dpa / Thomas Maier)
Die oft schrägen Romane des 52-Jährigen sind auch in Deutschland erfolgreich. (picture alliance / dpa / Thomas Maier)

Hallgrímur Helgason arbeitet seit 1982 als Autor, Comic-Zeichner und bildender Künstler in seiner Heimatstadt Reykjavík. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1996 mit dem Buch "101 Reykjavík". Sein neuer Roman "Eine Frau bei 1000 Grad" ist ein Ritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der isländische Kultautor und Stand-up-Comedian Hallgrímur Helgason, geboren 1959, hat mit seiner "Frau bei 1000 Grad" eine explosive Zeitmaschine in Gang gesetzt. 1929 in Island geboren, wirft Herbjörg Maria Björnsson in unregelmäßigen Intervallen ihre "Memoiren" aus, die ein ganzes Jahrhundert umfassen.

Allerdings ist die einst "mondäne Dame von Welt" in acht Lebensjahrzehnten zu einer "lungenrasselnden Dauerinvalidenkrähe" mit Krebs im Endstadium verkommen. Doch sie ist kein Fossil, das angesichts des Todes in Erinnerungen schwelgt oder bislang Verdrängtes endlich auszusprechen wagt. Herbjörg ist seit einiger Zeit zwar bettlägerig, ihr selbst gewähltes Seniorendomizil befindet sich jedoch in einer Garage mit Internetzugang. Stets online, surft sie wie ein Computerfreak, um auf dem Laufenden zu sein.

Etwas Computerkriminalität lässt sich dabei nicht vermeiden. Schließlich ist sie von der Familie nicht nur abgeschoben worden, die drei Söhne haben auch ihr Haus verkauft und sich das Geld sowie ihr gesamtes Vermögen unter den Nagel gerissen. Herbjörg weiß sich zu wehren und rächt sich zeitgemäß. Erbarmungslos hackt sie sich in die Korrespondenzen und Konten der Familie ein und erfährt dabei, dass diese ungeduldig auf ihren Tod wartet.

Neben dieser Gegenwartsebene durchziehen das Romangeschehen verschiedene Zeitachsen, mit denen die Kindheit auf Island, die europäischen Irrfahrten der Kriegsjahre sowie die Ereignisse in der Nachkriegszeit erzählt werden. Durch die Kriegswirren wird die Familie auseinandergerissen. Während der Vater seine arische Ader entdeckt und die Mutter in Deutschland bleibt, verschlägt es Herbjörg nach Kopenhagen zu den Großeltern.

Der Schulalltag im von den Nazis besetzten Dänemark wird für das isländische Mädchen zum Martyrium: Den einen ist sie zu Deutsch, den anderen zu Dänisch, aber "überall zu Isländisch". 1941 landet Herbjörg schließlich im Zuge der Kinderlandverschickung auf der friesischen Insel Amrum. Damit endet die Kindheit und es beginnt eine Zeit permanenter Übergriffe und Vergewaltigungen. Herbjörgs Existenz wird fortan von einer grundlegenden Erfahrung bestimmt: überall am falschen Platz zu sein.

Hallgrímur Helgason ist eine grandiose isländische Version der Matratzengruft á la Heinrich Heine gelungen. Zorn und Trauer durchziehen die Memoiren Herbjörgs, aber ihr Geist und ihre Leidenschaft sind ungebrochen. Zudem brütet die Erzählerin wie ein Legehuhn auf einer Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, um sich wenigstens symbolisch einen Rest an Handlungsfreiheit zu bewahren. In Herbjörgs Seele lagern die unheilvollen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wie eruptives Magma. Einem isländischen Vulkan gleich, droht dieser Sprengstoff jederzeit auszubrechen. Denn wer so alt geworden ist, wie Herbjörg und in der Flut der Kriege nicht unterging, dem zerstörte es die Biografie.

Besprochen von Carola Wiemers

Hallgrímur Helgason: "Eine Frau bei 1000 Grad"
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Klett-Cotta Verlag/Tropen, Stuttgart 2011
400 Seiten, 19,95 Euro

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