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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.10.2013

Eine Epoche des Weltvertrauens

Warum die Renaissance uns heute noch fasziniert

Ralf Konersmann im Gespräch mit Katrin Heise

''Frühling'' - Ausschnitt aus einem Bild Sandro Botticellis  (AP)
''Frühling'' - Ausschnitt aus einem Bild Sandro Botticellis (AP)

Dass Ausstellungen zu Renaissance-Künstlern extrem erfolgreich sind und die Epoche insgesamt derzeit viel Beachtung findet, erklärt der Kulturphilosoph Ralf Konersmann mit ihrer Lebensnähe. So hätten Autoren wie Montaigne das Individuum in den Mittelpunkt gestellt und am Beispiel des eigenen Lebens Grundprobleme plastisch dargestellt.

Katrin Heise: Was fasziniert uns heutzutage eigentlich so sehr an der Renaissance, dass die Ausstellungen darüber quasi gestürmt werden und die Bücher zu Bestsellern aufsteigen, die sich mit der Renaissance befassen? Ist es die Kunst, sind es die Bilder von Albrecht Dürer oder ist es das Weltbild der Renaissance, welches uns anzieht? Der Faszination der Renaissance möchte ich jetzt gerne mit dem Kulturphilosophen Ralf Konersmann auf den Grund gehen. Ich grüße Sie, Herr Konersmann, schönen guten Morgen!

Ralf Konersmann: Guten Morgen, Frau Heise!

Heise: Ist diese Begeisterung für diese Epoche eigentlich relativ neu oder haben Sie die schon lange beobachtet, war die quasi nie zu Ende?

Konersmann: Diese Faszination hat sich, würde ich sagen, in Wellen bewegt. Es ist erstaunlich, wie lange das Interesse an der Renaissance sporadisch bleibt, sich auf einzelne Figuren richtet und nicht so sehr auf die Epoche als solche. Der Epochenbegriff wird ja auch relativ spät geprägt. Und ich würde sagen, dass im Zuge der Historisierung der Aufklärung, also einer späteren Zeit, in dem Bemühen nämlich, sich selbst eine Geschichte zu geben, dann auch die Aufklärung darauf kommt, dass sie nicht alles, was sie propagiert, selbst erfunden hat, dass es Vorläufer gab.

Und in diesem Zusammenhang nimmt das Interesse an der Renaissance spürbar zu, und das 19. Jahrhundert ist dann eigentlich das Jahrhundert, das recht eigentlich die Renaissance entdeckt und unsere Vorstellungen von dieser Epoche geprägt hat und auch dieser Epoche ihre Kohärenz gegeben hat, sodass wir überhaupt jetzt von Renaissance sprechen können und nicht von einer Versammlung von Einzelfiguren oder Einzelthemen.

Heise: Und wie würden Sie das jetzt heutzutage, also jetzt tatsächlich in der Jetzt-Zeit, in den letzten zehn Jahren beurteilen?

Konersmann: Dieses Interesse ist, finde ich auch, deutlich spürbar. Nun könnte man sagen, einerseits ist es sicher das Interesse an einzelnen Themen, besonders an dem Versuch, lebensnah zu denken, zu formulieren, zu schreiben, sowohl in der Literatur als auch in den Wissenschaften oder in der Philosophie. Das ist sicher spürbar, und das ist sicher aktuell und wird auch aktuell bleiben.

Auf der anderen Seite ist die Renaissance lange nicht so scharf formuliert, nicht so radikal wie die Aufklärung, und da könnte man schon den skeptischen Gedanken anschließen, ob nicht in dieser Renaissance-Begeisterung auch eine gewisse Aufklärungsmüdigkeit mitschwingt.

Heise: Woran merken Sie das, Aufklärungsmüdigkeit? Woran würden Sie das auch festmachen, außer an dem Verlangen nach Renaissance?

""Ein sehr entspanntes Verhältnis zur Religion""

Konersmann: Nun, die Aufklärung ist ja in vielerlei Hinsicht sehr rabiat und sehr konsequent und streng. Sie ist streng zum Beispiel in ihrem Umgang mit der Religion. Sie stellt die Vernunft höher als den Glauben, während die Renaissance, obwohl sie ja sehr weltlich auftritt, ein sehr entspanntes Verhältnis zur Religion hat und nicht gegen die Religion formuliert, sondern eigentlich die Geste hat, das, was die Durchsetzung des Christentums auf europäischem Boden hat fallen und liegen lassen, nun ebenfalls zu aktualisieren, aufschließen zu lassen. Und das Weltbild der Menschen nicht umzustürzen, sondern zu bereichern.

Heise: Würden Sie sagen – also Sie sagten, die Renaissance ist da sanfter im Vorgehen. Hat das vielleicht damit zu tun, dass dass bei vielen Menschen heute der Eindruck entsteht, dass die Welt so komplex geworden ist, so kompliziert geworden ist, so verwirrend oder so verwirrt hinterlässt, dass man sich auf so etwas Sanfteres, Menschlicheres lieber bezieht?

Konersmann: Ja. Diese Sanftheit hat ja viele Konsequenzen. Zuallererst die Lebensnähe, die sich ja darin zeigt, dass das Individuum häufig in den Mittelpunkt gestellt wird. Also ich denke an die großen Essays von Montaigne, in denen er sein eigenes Leben und vor allem auch sehr alltagsnah sein eigenes Leben umkreist, viele christliche Motive, die sich damals aufgedrängt haben müssen, einfach beiseite lässt und seine Leibeserfahrung, die Erfahrung im Umgang mit dem Nächsten und so weiter schildert. Das alles ist ungemein plastisch, wie überhaupt Plastizität wahrscheinlich auch so ein Begriff wäre, mit dem man diese Epoche kennzeichnen könnte.

Dann eben auch die Diesseitigkeit, das heißt, man begreift Lebensvollzüge, Lebenserfahrung nicht auf dem Umweg über theologische Großbegriffe, sondern unmittelbar, und spricht in der Literatur, in der Musik, in der Malerei zu seinem Nächsten und hat dann auch entsprechend einen direkten Zugang zur Natur gesucht, wobei das natürlich sehr zweideutig ist, weil einerseits, wenn man sensualistisch bereits zu werden beginnt und andererseits immer wieder auf der Suche nach der Idee bleibt. Also das, worin sich die Natur veredelt und ihre Vollkommenheit zu erkennen gibt.

Heise: Und damit können wir heute so viel anfangen?

Konersmann: Ja, also dieses Naturthema ist ja geradezu überwältigend aktuell. Wir sind ja auch bereit, nach wie vor, der Natur Kredit einzuräumen und sie als Sinnstifterin einzusetzen. Unser Hauptreferenzautor in dem Zusammenhang ist natürlich Rousseau, aber das ist eben ein Zeitgenosse der Aufklärung, aber dahinter steht eben eine wiederum sehr entspannte Einstellung gegenüber der Natur, die man bewundert, die man untersucht, aber eben nicht, um ihr ihre Geheimnisse abzupressen, wie es dann in der Nachfolge Bacons, der ein Spätrenaissance-Philosoph ist, in der Nachfolge Bacons geschieht, sondern sie beschreibend, liebevoll annehmend und so weiter. Das sind alles so Gesten, die heute, glaube ich, unglaublich faszinierend sind.

Heise: Mit dem Kulturphilosophen Ralf Konersmann gehen wie im Deutschlandradio Kultur der Begeisterung, der heutigen Begeisterung für die Renaissance nach. Herr Konersmann, Sie haben einen Aspekt der Renaissance ja erwähnt, die Entdeckung des Individuums. Dafür steht ja auch zum Beispiel exemplarisch die Schaffung der Porträts – also plötzlich wird Persönlichkeit abgebildet. Ist diese Individualität auch das, womit wir vielleicht auch am meisten bei der Renaissance verbinden oder was uns am nächsten liegt, die Individualität?

Erasmus von Rotterdam (Bild: picture alliance, dpa)Erasmus von Rotterdam (Bild: picture alliance, dpa)



Konersmann: Das würde ich schon sagen, wobei dieses relativ ambivalent ist, weil einerseits diese Herauspräparierung und diese Würdigung des Einzelnen und Einzigartigen sicher zu erkennen ist.

Andererseits bleibt dieses Einzigartige in der Renaissance immer zurückgebunden an eine Idealität, an ein Vollkommenheitsideal, das also diese Individualität auch immer wieder einschränkt, weil diese Vollkommenheit etwas ist, was alle diese Einzelnen wiederum miteinander verbindet.

Das heißt, man vergisst in der Renaissance nie, dass dieser Einzelne immer auch ein Mensch ist, ein Repräsentant der Humanität, und insofern ist diese Individualität, die die Renaissance präsentiert, nicht so radikal wie heute, wo wir es ja oft mit Vereinzelungen, Isolation zu tun haben und der Einzelne Mühe hat, sich sozusagen zurückzuorientieren an irgendwelche übergeordnete Gruppierungen. Dieses Problem hat die Renaissance überhaupt nicht. Es kann natürlich sein, dass genau in dieser Anstrengungslosigkeit, mit der man sich auf Gemeinschaften beziehen kann, auch wiederum ein großes Versprechen verborgen ist.

Heise: Gleichzeitig ist ja heute auch zu beobachten, dass wir uns und unsere Verhaltensweisen zunehmend durch Computer, mithilfe von Algorithmen berechnen lassen und das ja auch zu einer gewissen Gleichförmigkeit menschlicher Bedürfnisse eigentlich führt, dass wir da so reinschlittern. Vielleicht ja deswegen auch so eine – vorhin sagten Sie immer das Wort sanft im Zusammenhang mit der Renaissance – und da dieses sanfte Individuum. Vielleicht klammern wir uns deswegen auch so ein bisschen an diese Individualität.

""Die Vielfalt möglicher Verwirklichung von Humanität""

Konersmann: Ja, zweifellos. Und die Renaissance hat ja auch alles getan, um die Differenz zu betonen zwischen den Einzelnen, zwischen den Stilen, zwischen den Nationen. Nicht, um sie auseinander zu reißen, sondern um die Vielfalt möglicher Verwirklichung von Humanität vor Augen zu stellen. Das ist natürlich auch ein großer Reiz dieser Epoche, dass sie nicht versucht hat, im Gegensatz vielleicht auch zur Aufklärung, die eben von Gesetzesförmigkeiten und Verstandesförmigkeiten fasziniert war, ganz gelassen Vielfalten gelten zu lassen, weil sie sich ganz sicher war, dass im Hintergrund kosmische Mächte walten, die schon dafür sorgen, dass das Ganze nicht vollends auseinander fällt.

Daran sieht man auch die Grenzen der Renaissance, an dieser Zuversicht, an diesem Weltvertrauen. Das ist auch so eine Kategorie, die für die Renaissance ganz unangefochten gilt. Und das kann man dann eben für spätere Zeiten nicht mehr sagen. Das trennt uns auch so ein bisschen von der Renaissance, dass wir dieses Weltvertrauen, diese Sicherheit nicht mehr aufbringen.

Heise: Eine Frage wäre mir noch sehr wichtig, weil Renaissance insgesamt ja Wiedergeburt, Rückbesinnung bedeutet und heißt. Ist das denn etwas, was wir heutzutage noch hoch achten?

Konersmann: Ja, wir achten es sicher hoch und wir sehnen uns danach, aber wir müssen immer wieder feststellen, dass diese Anstrengungslosigkeit, Mühelosigkeit, mit der die Renaissance sich hat rückbesinnen können, und die Geste des Neumachens mit der Geste des Wiederentdeckens verbunden hat, dass uns das heute nicht mehr möglich ist, weil wir ja in dem Gefühl leben, dass heutige Gegenwarten von der Geschichte, von der Vergangenheit durch einen Abgrund getrennt sind, weil wir Erfahrungen machen, die in der Geschichte ohne Beispiel sind. Oder jedenfalls legen wir es uns so zurecht, wir sind ja an anderer Stelle auch sehr stolz darauf, sozusagen in dieser Eminenz herausgehoben zu sein, in dieser Einzigartigkeit, und der Preis dafür ist, ist, dass es sehr mühsam ist, aus der Geschichte zu lernen oder dort Beispiele zu finden, wo andere Generationen vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Heise: Die Faszination, die die Renaissance ausübt, die guckten wir uns etwas genauer an mit dem Kulturphilosophen Ralf Konersmann. Ich danke Ihnen ganz herzlich und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!

Konersmann: Ebenso. Herzlichen Dank!

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