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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

Eine Elfe am Flügel

Pianistin Yuja Wang hat erreicht, wovon viele junge Musiker träumen

Von Carolin Pirich

Die chinesische Pianistin Yuya Wang während einer Präsentation ihres Albums "Fantasia" in Madrid. (picture alliance / dpa / Emilio Naranjo)
Die chinesische Pianistin Yuya Wang während einer Präsentation ihres Albums "Fantasia" in Madrid. (picture alliance / dpa / Emilio Naranjo)

Sie wohnt in New York, gastiert überall auf der Welt, ihr Freund wohnt in Dresden. Yuja Wang ist erst 25 Jahre alt und beweist, dass sie mehr kann als virtuoses Tastengetöse, das asiatischen Musikern hierzulande immer wieder gern unterstellt.

"Ein Klavierabend ist wie eine Reise. Ich nehme das Publikum eineinhalb Stunden lang mit. Als würde ich sagen: Schnallt Euch an! Wir Musiker wollen unsere Hände ausstrecken und die Herzen der Leute berühren. Sie sollen etwas fühlen, was größer ist als das Leben."

Wenn Yuja Wang die Konzertbühne betritt, macht sie schnelle, kleine, sichere Schritte auf High Heels. Damit Klavier spielen? Sie kann das, und zwar Brahms, Chopin, Rachmaninow mühelos und athletisch, als hätte sie doppelt so große Hände.

Steht man ihr gegenüber, wirkt Yuja Wang schmal wie ein Ballettmädchen; die Schuhe flach, die Finger zart, der Händedruck zurückhaltend. Unter ihren schwarzen, kurzen Haaren sieht sie ein wenig blass aus.

"Es ist sehr anstrengend, aber ich liebe Musik, und das, was man liebt, das will man auch mit anderen teilen. Wenn ich Pausen mache, bin ich viel angespannter, weil ich überhaupt nicht weiß, was ich tun soll."

Sie kommt gerade aus Dresden, wo ihr Freund wohnt, der erste Solo-Cellist der Staatskapelle, auch ein junges Musikertalent. Sie sehen sich, wenn Yuja Wang einen Besuch zwischen zwei Konzerte quetschen kann. Sie setzt sich an den gedeckten Tisch im Hotelrestaurant und bestellt Salat und Meeresfrüchte. Essen erdet sie, sagt sie.

"Ich war gerade zum ersten Mal in Israel: Zehn Mal Rachmaninows Drittes Klavierkonzert in 14 Tagen – und ich bin noch ganz!"

Yuja Wang lacht viel, wenn sie spricht, laut und - im Vergleich zu ihrer elfenhaften Statur - erstaunlich rau.

"Nicht körperlich ist das so anstrengend, sondern emotional. Aber die Einsamkeit ist nicht mehr so sehr das Problem, sondern dieses Hin- und Herschalten. Deutschland, London, Russland. Ich schaue manchmal auf mein iPhone, um zu wissen, wo ich bin, wo ich meine letzte Nachricht abgeschickt habe."

Geboren ist Yuja Wang in Peking. Der Vater Schlagzeuger, die Mutter Tänzerin. Auf die Frage, wie hart ihre Ausbildung in China war, hat Yuja Wang schon gewartet. Europäer wollen das immer wissen. Ihre Antwort kommt routiniert: Eigentlich wollte die Mutter auch eine Tänzerin aus ihr machen, und wäre sie eine Tiger-Mama gewesen, die ihr Kind zum Erfolg hätte treiben wollen, sagt Yuja Wang, dann als Tänzerin. Aber die Tochter interessierte sich nur für das Klavier, das ihre Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten.

"Ich war faul. Vor dem Klavier zu sitzen hat mich mehr angezogen. Aber meine Mutter nahm mich in die Ballettproben mit. So habe ich viel Orchestermusik gehört. Und auf dem Klavier habe ich dann versucht, diese Orchesterklangfarben nachzuspielen."

Mit sechs beginnt sie, Klavier zu spielen; sie ist sieben, da gibt sie ihr erstes Konzert. Eines Abends sitzt ein reicher Mann aus Hongkong im Publikum, der hochbegabte Musiker unterstützt. Durch ihn kommt sie ans Curtis Music Institute in Philadelphia. Da ist Yuja Wang 15. Sie zieht allein von China in die USA.

"Ich hab mir das nicht ausgesucht, aber ich wehrte mich auch nicht dagegen. Im Gegenteil. Nach deren Philosophie muss ein Künstler schon unabhängig sein, wenn er sehr jung ist. Sie haben dann meine Mutter davon überzeugt, mich gehen zu lassen. Das war viel schwieriger für sie als für mich."

Die Meeresfrüchte hat Yuja Wang noch nicht angerührt. Sie ist das gewohnt: An erster Stelle steht die Arbeit. Auf dem Tisch hat sie ihr iPad abgelegt. Ohne ein Gerät wie dieses trifft man heute kaum einen jungen Musiker. Die meisten von ihnen sind so viel unterwegs, dass sie kaum sagen können, wo sie zuhause sind. Für Yuja Wang sind Bücher und Filme auf ihrem iPad wie das Leben. In ihnen findet sie Erfahrungen, die sie in ihrem Leben zwischen Klavier und Hotelzimmer nicht machen kann.

"Ich glaube, dass Musiker irgendwie autistisch sind. Seit wir klein sind, sitzen wir immer am Klavier. Deshalb kommuniziert man mehr mit dem Instrument als mit anderen Menschen. Die Gefühle, die man hat, erzählt man eben dem Instrument."

Yuja Wang hat fast alles erreicht, wovon viele junge Musiker träumen: Sie tritt mit bekannten Orchestern auf. Fans feiern sie überall auf der Welt. Aber sie ist nicht nur eine hochtalentierte, sondern auch eine reflektierende junge Frau. Sie weiß, wie gefährlich es für die Musik werden kann, wenn sich Routine einstellt – oder der Erfolg zu groß wird.

""Ich sollte eine Auszeit nehmen und etwas ganz anderes machen. Es ging ja alles so schnell, wie von selbst. Es sollte wohl sein, dass ich Klavier spiele. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass ich entscheide, was passiert.""

Was das sein könnte? Egal was, sagt sie, Hauptsache nah am Leben.

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