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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.08.2012

Eine einfache Geschichte

Arezu Weitholz: "Wenn die Nacht am stillsten ist", Kunstmann, München 2012, 224 Seiten

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Anna liebt Ludwig, Ludwig liebt Anna. Trotzdem sind sie unglücklich. (picture alliance / dpa /  Pekka Sakki)
Anna liebt Ludwig, Ludwig liebt Anna. Trotzdem sind sie unglücklich. (picture alliance / dpa / Pekka Sakki)

Eine Geschichte der Liebe und des Scheiterns. Zwei Musikjournalisten, er der Kopfmensch, sie die Getriebene, zusammen sehen sie aus wie auf einem Werbeplakat einer Bank. Und doch sind sie einsam, finden nicht so zueinander, wie es gut für sie wäre.

Es beginnt mit dem Ende. Anna sitzt an Ludwigs Bett. Er hat Schlaftabletten genommen. Zu viele? Man weiß es nicht. Warum? Unklar. Anna ist sich auch nicht sicher, ob Ludwig sie hört. Doch sie erzählt - all das, was sie ihm nie erzählt hat. Vom Selbstmord ihres Vaters, ihrer depressiven Mutter, ihrer Flucht vor sich selbst nach Südafrika.

Eigentlich ist es eine ganz einfache Geschichte, die Arezu Weitholz in ihrem Debütroman "Wenn die Nacht am stillsten ist" erzählt: Mädchen trifft Junge. Anna trifft Ludwig, in Hamburg. Beide "berichten aus der Unterhaltungsindustrie", als Popjournalisten. Er: rational, arrogant, erfolgreich. Ein Kopfmensch aus bürgerlichem Elternhaus. Ein Kontrollfreak, der nicht trinkt und Drogen verabscheut. Sie: Musikjournalistin, aufgewachsen in der Provinz. Getrieben, orientierungslos: "Bevor ich hierher zog", erzählt sie Ludwig, "bin ich durch die Welt geirrt, wie ein verloren gegangenes Paket." Es ist eine ganz einfache Geschichte. Doch was Weitholz daraus macht, gehört zu dem Besten diesen Spätsommer.

Vielleicht, weil Arezu Weitholz nicht ganz so weit weg von ihrem Stoff ist: Die Autorin teilt mit ihren Protagonisten nicht nur die Liebe für Musik. Geboren 1968 in Niedersachsen, arbeitet Weitholz - nach Abstechern ins Ausland - in Berlin als Journalistin, Illustratorin - und Liedtexterin. Unter anderem arbeitete sie für Herbert Grönemeyer, Madsen, die Toten Hosen oder Udo Lindenberg. 2010 veröffentlichte sie zwei erfolgreiche Lyrikbände. Und nun ist ihr ein mitreißendes Zeitgeist-Buch über die Liebe, das Älterwerden und die Popkultur gelungen.

Weitholz berichtet aus der Medienwelt, einer eitlen, egomanen Welt, und "Wenn die Nacht am stillsten ist" erinnert auch an Alexander Osangs Roman "Die Nachrichten". Doch nicht nur die Milieus der Nachrichtenredakteure und Popjournalisten ähneln sich. Auch die Stimmung, die trostlose Einsamkeit der Erfolgreichen in einer Welt, in der die richtigen Schuhe, die richtigen Bücher entscheiden, ob man dazu gehört.

Anna gehört zunächst nicht dazu. Aber sie passt sich schnell an. Sie kauft sich die richtigen Klamotten und hungert sich hinein. Bis sie und Ludwig ein hübsches Pärchen in Designerklamotten sind, "wie eine bescheuerte Deutsche-Bank-Werbung". Mit solchen Bildern kriecht Weitholz unter die Haut der Protagonisten. Sie schreibt fast poetisch, verzichtet auf alles unnötig Gegenständliche und konzentriert sich auf die Gedanken ihrer Protagonisten. Nur um am Ende festzustellen: Nichts kann man erklären. Nicht die Menschen, nicht die Liebe. Das Experiment ist zum Scheitern verurteilt. Wie die Beziehung zwischen Ludwig und Anna: "Ich habe versucht, für dich perfekt zu sein, und nun liegst du hier wie eine Absage an alles, was du jemals behauptet hast.", sagt Anna, während ihres nächtlichen Monologs an Ludwigs Bett.

Niemand redet so. So klingen Songtexte von Hamburger Indie-Bands - doch es ist gerade diese Mischung aus Pathos und intelligentem Witz, die einen immer weiterlesen lässt, während Anna Ludwigs Lebensgeschichte und ihre eigene Stück für Stück freilegt, bis nichts mehr davon über ist. Und irgendwann macht es Bamm! - und man steht wieder vor dem Ende, das der Anfang war, den man schon wieder vergessen hat, über diese brillant erzählte Liebes- und Lebensgeschichte.

Besprochen von Marten Hahn

Arezu Weitholz: "Wenn die Nacht am stillsten ist"
Kunstmann, München 2012
224 Seiten, 17,95 Euro

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