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Profil / Archiv | Beitrag vom 02.06.2008

Eine eigene Art des Erzählens gefunden

Florian Thalhofer im Porträt

Von Marcus Weber

Eine der vergessenen Fahnen. (Juliane Henrich)
Eine der vergessenen Fahnen. (Juliane Henrich)

Der Dokumentarfilmer und Medienkünstler wirft mit seinen Arbeiten mehrere Fragen auf: Wie eigentlich funktionieren Geschichten? Und wie kann das Medium Computer dabei helfen, einen neuen Blick auf die Welt zu erschließen? Für die Antwort der zweiten Frage hat er eine Datenbank entworfen, mit der der Zuschauer am Computer immer neu entscheiden kann, wie sich die Geschichte entwickeln soll.

Thalhofer: "Klar, was Aristoteles gesagt hat mit dem Spannungsbogen, wie man Geschichten macht und – na ja, es war halt einfach eine blöde Idee. Also das ist nicht die einzige Art, eine Geschichte zu erzählen. Das macht schon Sinn für bestimmte Arten von Geschichten. Aber das ist nicht die Art, wie man sich über die Welt unterhält und wie man die Welt verstehen möchte."

Und jetzt, da er mal eben den großen griechischen Philosophen abgewatscht hat, kann sich Florian Thalhofer das Grinsen doch nicht verkneifen. Obwohl er es ernst meint. Er streicht sich die halblangen, braunen Haare von der Stirn und rückt die breitrandige Brille zurecht. Die starre Form der linearen Erzählung mache blind für die Wirklichkeit.

Thalhofer: "Also wenn man immer in einer Form denkt, wie eine Geschichte aufgebaut wird, ja dann sieht man einfach nur das, was in diese Form hineinpasst. Und wenn man sich erstmal um die Form keine Gedanken macht, dann kann man viel mehr Dinge wahrnehmen und beschreiben. Und hinterher ergibt sich eine Form daraus, die einfach ihre eigene Schönheit hat."

"Kleine Welt"

"Der Vater von Grafbeck heißt Josef, genauso wie er selbst und auch so wie sein Sohn – der, wie er mir gesagt hat, seinen Sohn auch wieder so nennen wird."

"Kleine Welt" – mit dieser Arbeit hat der Dokumentarfilmer und Medienkünstler Thalhofer vor gut zehn Jahren seine Art des Erzählens gefunden, das nicht-lineare Erzählen.

Ausschnitt "Kleine Welt":"Ich find die Familientradition hervorragend. Und Josef ist ein internationaler Name. Ich mein, das kann Sepp sein, das kann Jupp sein, Yussuf oder Joseph oder egal oder irgendwas ..."

Der 35-Jährige hat ein Computerprogramm entwickelt – das Korsakow-System. Es ist eine Art Datenbank, in die kurze, mit Schlagworten versehene Filmsequenzen einspielt werden. Der Zuschauer kann dann am Computer immer neu entscheiden, wie sich die Geschichte entwickeln soll.

Thalhofer: "Man weiß also, dass ich jetzt einen Link auswähle und dass es aber gleichzeitig noch andere Wege gegeben hätte, die auch da wären. Das heißt, dir ist ganz klar bewusst, dass ich nur eine mögliche Art dieses Films sehe – und nicht das die richtige ist oder so was."

Ausschnitt "Kleine Welt"Beim Pellegrin sitzen, ein Spaghetti-Eis essen und darauf warten, dass alle Stunde das neue Glocken¬spiel auf dem unteren Marktplatz die Bayernhymne spielt.

Die "Kleine Welt" ist eine Betrachtung über Thalhofers bayerische Heimatstadt Schwandorf, wo er 1972 geboren wurde. Der Vater Steuerberater, die Mutter Hausfrau. Das Städtchen: 27.000 Einwohner, malerisch an der Naab gelegen.

Thalhofer: "Also ... es ist also sehr, also eigentlich richtig, ja, man möchte sagen, es ist idyllisch da. Ähm, ja, ich mag es gern. Aber aufwachsen da ist schon hart."

Thalhofer: "Das Problem war halt einfach, dass mir damals keiner verraten hat, dass ich hier falsch bin. Ich dachte halt einfach: Ich bin falsch."


Schwandorf ist nicht das Zentrum des Universums – und Berlin oder New York, wo sich Thalhofer später herumtreibt, sind es auch nicht. Diese Erkenntnis spiegelt sein Arbeitsprinzip: Es gibt keine Wahrheit – sondern nur verschiedene Blicke auf die Welt. Und es sind diese Blicke, die den Dokumentarfilmer interessieren.

Thalhofer: "Ich versuch halt, herauszuarbeiten, dass die Leute mir erklären, warum Dinge so sind, wie ich sie mir nicht vorstelle. Meine eigene Sicht der Dinge kenn ich ja schon. Was mich interessiert, ist die andere Sicht der Dinge."

Ausschnitt "Vergessene Fahnen": "Hier vorne ist so ein Pferdestall, hängen Deutschlandfahnen davor. Weiß nicht, ob die Pferde das kapieren, ob die überhaupt deutsch sind."


Für seinen Film "Vergessene Fahnen" hat Thalhofer in ganz Deutschland mit Leuten gesprochen, die auch nach der Fußball-WM die Deutschlandfahne vor ihrer Tür hängen hatten.

Ausschnitt "Vergessene Fahnen": "Wir wollten einfach mal unseren Nationalstolz präsentieren. Und dann haben wir uns gedacht, das muss jetzt was richtig großes sein. Und darum der große Mast."

Thalhofer: "Ich hab dann halt gefragt: Okay, warum ist man stolz, deutsch zu sein – und die Antwort Nummer eins war: Weil es hier so ein tolles Sozialsystem gibt. Das kam für mich auf jeden Fall sehr unerwartet."

Florian Thalhofer hat an der Berliner Universität der Künste Visuelle Kommunikation studiert. Er [war Gastprofessor für Neue Medien am Deutschen Literaturinstitut Leipzig,] hat seine Arbeiten auf der halben Welt ausgestellt und zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten. – Doch seinen Lebensunterhalt verdient der 35jährige, der mit seiner Freundin in Berlin wohnt, als Bildredakteur bei der Deutschen Welle.

Thalhofer: "Eigentlich bin ich an so einem Punkt, wo ich mir denke: Man müsste das Professionalisieren oder es sein lassen. Und ich glaub, die Möglichkeiten wären schon: Ich könnt schon gucken, dass ich meinen kram in Galerien kriege. Aber andererseits ist mir das auch nicht so wahnsinnig wichtig."

Vor ein paar Wochen wurde ihm bei einem Workshop in Sri Lanka die gesamte Ausrüstung gestohlen. Und irgendwie dachte er wirklich ans Aufhören. Jetzt aber zählt er zehn Minuten lang die Projekte auf, die er allein für das nächste Jahr im Kopf hat - und grinst.

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