Eine Chance im Armenhaus Südafrikas

Straßenszene in Mafalala © Stefanie Otto
Von Stefanie Otto · 10.03.2010
Die Reisemesse ITB, die heute Ihre Tore für das Fachpublikum geöffnet hat, erwartet in diesem Jahr 170 000 Besucher, Partnerland ist die Türkei, wo im vergangenen Jahr 4,5 Millionen Deutsche Urlaub machten. Das kleine südostafrikanische Land Mosambik kann im Moment von solchen Zahlen nur träumen.
Wie viele Bereiche der Wirtschaft, befindet sich auch die Tourismusbranche hier noch in den Anfängen ihrer Entwicklung. Doch 2500 Kilometer Küste und mehrere Nationalparks versprechen ein hohes Potenzial. Seit dem Jahr 2000 wachsen die ausländischen Investitionen, die Zahl der Reisenden steigt jährlich um etwa 14 Prozent und betrug 2008 bereits 1,5 Millionen. Ihr erstes Ziel ist in der Regel die Hauptstadt Maputo. Für viele ist es nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zu den paradiesischen Stränden im Norden. Doch auch in Maputo selbst gibt es erfolgsversprechende Tourismus-Projekte.

Morgendlicher Trubel in der Rua de Goa. Es ist eine der drei befestigten Hauptstraßen von Mafalala, ein Viertel am nördlichen Stadtrand von Mosambiks Hauptstadt. An einem kleinen Markt steht Boavida Nhancale und wartet. Er ist etwas aufgeregt, denn heute soll der junge Mosambikaner eine Gruppe von Europäern durch sein Viertel führen.

Mafalala, das ist einer der ärmsten Stadtteile von Maputo. Das Viertel ist eine unüberschaubare Ansammlung von Mauern, engen Gassen und provisorisch zusammen gezimmerten Hütten. Viele sind aus Wellblech und Holz, einige aus Stein. Sie stehen dicht an dicht, früher einmal waren sie farbenfroh gestrichen, heute sind sie verfallen, das Blech verrostet.

Normalerweise verirren sich keine Touristen hierher. Doch seit Kurzem gibt es die Initiative "Mafalala Turistica", die Kultur-Touren durch das Viertel organisiert. Das Viertel, in dem Boavida aufgewachsen ist und auf das er sichtlich stolz ist. Denn hinter den Mauern, die Mafalala umschließen, tut sich ein ganz eigener Kosmos auf.

"Diese Wege hier sind typisch für Mafalala. Wir nennen sie 'beacos' oder Labyrinth.
Das Problem ist, dass Mafalala nicht unterteilt ist. Es gibt keine richtigen Straßen oder Blöcke hier. Die Blechhütten waren nie als endgültige Häuser gedacht, sondern als Mietshäuser. Irgendwann sollten sie wieder abgerissen werden. Leute, die es sich leisten konnten, haben das gemacht und richtige Häuser aus Stein, wie dieses hier, gebaut. Manche Leute aber bewahren die traditionellen Hütten, denn sie stehen für Mafalala. Wenn jemand sagt 'Ich gehe zu den Blechhütten', ist es dasselbe wie 'Ich gehe nach Mafalala.'"

Speziell für die Tour hat Boavida heute ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Mafalala Turistica" angezogen. Der 23-Jährige geht eigentlich noch zur Schule, aber in diesem Jahr will er sein Abitur machen. In seiner Freizeit baut er Trommeln und bastelt Schmuck, um sie zu verkaufen und damit seine Familie zu unterstützen.

In dem Gewirr von Gassen kennt sich Boavida aus. Er würde den Weg auch im Schlaf finden. Ohne Mühe navigiert er die zehn Touristen aus Italien, Portugal, England und Brasilien mal links, dann rechts, über kleine Plätze und Hinterhöfe. Viele der Hütten haben einen Vorgarten, in dem Bananenstauden wachsen. Kinder spielen an den Pfützen. Hühner laufen umher. Hier und da gibt es Stände, an denen Frauen Mangos und andere Früchte verkaufen. Man grüßt freundlich.

Das Viertel, auf Portugiesisch "Bairro", entstand in den 1920er-Jahren. Mafalala ist damit eine der ältesten unbefestigten Siedlungen in Maputo. Menschen kamen aus verschiedenen Regionen Mosambiks, aber auch aus Sansibar und Indien um sich hier niederzulassen. Im Zentrum der Hauptstadt lebten die Portugiesen in prunkvollen Villen. Die schwarze Bevölkerung und Zuwanderer hatten damals nicht die gleichen Rechte und mussten außerhalb wohnen. In Folge des Bürgerkriegs und der Landflucht ist die Siedlung stark angewachsen.

Heute leben in Mafalala etwa 21.000 Menschen auf engstem Raum zusammen. Viele sind arbeitslos oder Gelegenheitsarbeiter. Aber auch Handwerker und gut bezahlte Ingenieure wohnen hier. Jetzt am Morgen verlassen sie alle das Viertel und strömen ins Zentrum Maputos zur Arbeit oder um Lebensmittel zu beschaffen.

An einer kleinen Kreuzung stößt Ivan Laranjeira zu der Gruppe. Er ist einer der Gründer des Projekts "Mafalala Turistica". Da die Initiative noch sehr jung ist, begleitet er seine Tourguides oft, um hier und da mit zusätzlichen Informationen auszuhelfen.

"Hier in Mafalala hatte die ganze Bewegung ihren Anfang. Hier fingen die Menschen an, sich über die Diskriminierung und die Apartheid und das koloniale Regime Gedanken zu machen.
Deshalb wurde dieser Teil der Stadt wurde immer unterdrückt und vernachlässigt. Und man kann es heute noch sehen. Wir haben immer noch dieses Brandmal. Die Verantwortlichen vergessen immer dieses Viertel wiederaufzubauen und die Infrastruktur zu schaffen. Das betrifft die Kanalisation, den Hausbau und auch die generelle Entwicklung des Viertels."

Es ist heiß und der nächtliche Regen hat der Stadt keine Abkühlung verschafft. Die Bewohner von Mafalala kämpfen wie so oft mit den Wassermassen. Auch im Haus von Ivan steht seit dem Morgen das Wasser. Der Regen kommt in der Regenzeit meist in großen Mengen und überflutet das Viertel. Ein Abwassersystem gibt es jedoch genauso wenig wie eine Müllabfuhr. Deshalb ist die hygienische Situation sehr schwierig und Krankheiten wie Malaria und Cholera breiten sich aus.

Ivan ist wie Boavida in Mafalala aufgewachsen. Der 26-Jährige hat im letzten Jahr sein Studium im Tourismus-Management abgeschlossen. Damit ist er einer der wenigen, die in dieser in Mosambik noch jungen Branche ausgebildet sind. Schon während der Ausbildung kam ihm die Idee, Touristen in sein Viertel zu holen.

Neben der legendären Künstlerszene Mafalalas ist hier auch eine ganze Generation von Staatsmännern aufgewachsen. Auf einen ihrer früheren Einwohner sind die Menschen in Mafalala besonders stolz: Samora Machel. Der erste Präsident Mosambiks.

Boavida führt die Gruppe zu Machels Haus, in dem mittlerweile eine andere Familie wohnt. Und er zeigt ihnen, wo der frühere Befreiungskämpfer Waffen und andere Dinge vor der Polizei versteckte.

"Samora Machel lebte hier und spielte hier Fußball, wo all die bekannten Persönlichkeiten aufwuchsen. Die Leute mochten ihn, weil er clever war.
Auch José Craveirinha hat hier Fußball gespielt, bevor er ein bekannter Dichter wurde. Und damals war er auch Trainer, zum Beispiel für Maria de Lurdes Mutola, die Läuferin. Er sah sie hier mit den Jungs Fußball spielen und er erkannte ihr Talent fürs Sprinten. Und so wurde sie das, was sie heute ist. Sie hat Mosambik schon bei Olympia vertreten und Rekorde im 800-Meter-Lauf aufgestellt. Sie ist die Beste."

Samora Machel ist, neben Eduardo Mondlane, dem Gründer mosambikanischen Befreiungsbewegung FRELIMO, bis heute die Integrationsfigur Mosambiks. Seine Politik steht für Gerechtigkeit und Fortschritt. Selbst der amtierende Präsident Armando Guebuza stützt sich auf sein Vorbild. Für die Bewohner von Mafalala ändert sich dadurch aber nicht viel. Hohe Politiker oder Verantwortliche der Stadtverwaltung hat man hier schon lange nicht mehr gesehen, weiß Ivan.

"Auch wenn diese Leute heute in der Regierung sind, fühlen sie sich immer noch nicht verantwortlich für Mafalala. Und das Projekt, das wir gerade aufbauen, beschäftigt sich genau damit.
Indem wir Touristen hierher bringen, Menschen aus verschiedenen Kulturen, aus verschiedenen und besser entwickelten Ländern, haben die Leute die Möglichkeit, zu interagieren. Und so sehen sie vielleicht das Licht am Ende des Tunnels. Und dieses Fenster möchten wir den Leuten und besonders den Jugendlichen öffnen, denn sonst könnten sie auf die schiefe Bahn geraten."

Das Tourismus-Projekt "Mafalala Turistica" läuft seit sechs Monaten. Zwei Monate lang wurden Ivan, Boavida und die anderen dafür trainiert.

Gefördert wird "Mafalala Turistica" mit 10.000 US-Dollar aus einem Wettbewerb, den das Konzept gewonnen hat. Unterstützt werden sie außerdem durch internationale Kultur-Institutionen, das mosambikanische Tourismus-Ministerium und lokale Vereine.

Der Vorteil gegenüber vielen anderen Hilfsprojekten im Land ist die Herkunft der Beteiligten. Alle Touristenführer leben in Mafalala. Die Idee und die Umsetzung des Konzepts wurde nicht von außen aufgezwängt, sondern von Einwohnern des Viertels selbst initiiert. Eine internationale Hilfsorganisation steht nur beratend zur Seite.

Boavida voran, betritt die Gruppe einen kleinen, sandigen Hinterhof. Dort sitzen ein paar Frauen unter einem Wellblechdach und bereiten sich auf ihren Auftritt vor.

"Wir sehen gleich, wie der Tufo getanzt wird. Nur Frauen tanzen. Sie tragen dabei die typischen, bunten Kaplanas. Der Tanz kommt ursprünglich aus dem Norden, von der Ilha de Moçambique. Sie brachten ihn hierher und haben die Tradition bis heute bewahrt. Sie werden uns jetzt zeigen, wie es geht - und dann können wir es vielleicht auch mal probieren." (Lachen)"

Etwa zwölf Frauen, zwischen 20 und 40 Jahre alt, tanzen barfuß auf Strohmatten. Ihre Gesichter sind weiß bemalt. Sie tragen weiße T-Shirts mit dem Aufdruck "Tufo de Mafalala". Die rot-blau gemusterten Kaplanas um die Hüften, bewegen sie sich in kleinen, rhythmischen Schritten, die nach und nach immer schneller werden. Dazu klatschen sie und singen in der Sprache der Macua. Einige der älteren Frauen singen vor, dann folgt das gleiche im Chor. Drei junge Männer sitzen daneben und begleiten sie auf Trommeln.

Drei Mal pro Woche treffen sie sich hier zum Tanzen und unterrichten junge Mädchen.

""Die Lieder, die wir singen, sprechen von Gott. Wir bitten ihn darum, uns mehr Kraft zu geben - Kraft, um mehr zu singen, um besser zu tanzen und um euch zu empfangen."

Während der Vorführung kann man den Gästen die Begeisterung ansehen. Erst fangen einige an schüchtern mitzuwippen. Dann tun sie es Boavida und den anderen nach und klatschen im Takt mit. Gerade in diesen Momenten sieht Ivan seine Idee verwirklicht.

"Die Initiative ist ein Mittel, um das Leben hier zu verbessern und bessere Jobs zu schaffen, indem wir unsere eigenen Ressourcen nutzen. Es ist etwas, das den Leuten hier Spaß macht, man kann dabei etwas lernen. Und man kann dabei eine andere Perspektive auf die Welt bekommen."

Momentan arbeiten neben Ivan 30 junge Leute in dem Touristik-Projekt, die Hälfte von ihnen ist als Touristenführer ausgebildet. 15 mal haben sie die Tour bis jetzt gemacht. Pro Person verlangen sie 15 US-Dollar dafür. Die dadurch gewonnenen Einnahmen reichen bisher jedoch noch nicht aus, um die Beteiligten zu bezahlen.

Nach etwa einer Stunde endet die Führung am Sportplatz. Etwas geschafft von der drückenden Hitze stehen die Touristen im Schatten eines Baumes. Eine Engländerin verspricht, die Tour all ihren Freunden zu empfehlen. Eifrig tauscht sie mit Ivan Telefonnummern und E-Mail-Adressen aus. Monica aus Portugal wischt sich den Schweiß von der Stirn.

"Ja, mir hat es sehr gut gefallen, denn es ist eine gute Gelegenheit um ein Bairro kennen zu lernen. Außerdem erfährt man viel über die Geschichte des Viertels. Das war sehr interessant. Und dann finde ich es gut, dass man als Tourist in Maputo auch mal einen anderen Aspekt zu sehen bekommt. Denn viele lernen nur das Zentrum kennen und kommen nicht in die Randbezirke, auch weil es nicht so einfach ist, hier herein zu kommen."

Nach der Tour gehen Ivan und Boavida zum Jugendtreff von Mafalala. Dort sitzt Nilza am Computer und liest ihre E-Mails. Ihr schwarzes Haar ist zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, so wie es hier viele Mädchen tragen. Auch sie arbeitet sonst als Touristenführer im Projekt "Mafalala Turistica". Nilza ist sehr froh über diese Chance und legt große Hoffnungen in das Projekt.

"Hier im Bairro Mafalala hat es vorher keinen Verein gegeben, der versucht, den Einwohnern zu helfen. Wir hoffen, dass Mafalala durch die Initiative weltweit bekannt wird. Denn den Touristen gefällt es, durch Mafalala geführt zu werden und so etwas über die Geschichte des Viertels zu erfahren. Sie finden es toll, und sie versprechen oft auch ihre Freunde hierher zu schicken."

Nilza geht ins Büro nebenan, um einen Kaffee zu machen. Ivan bekommt ständig Anrufe und Nachrichten aufs Handy. In diesen Tagen hat er viel zu tun. Nicht nur die Touristenführungen müssen organisiert werden, sondern auch ein Festival, dass am nächsten Wochenende in Mafalala stattfinden soll. Auch damit hoffen er und seine Kollegen, Touristen ins Viertel zu locken.

Am letzten Wochenende waren Vertreter verschiedener Tourismusagenturen da, um die Führung durch Mafalala mitzumachen. Da musste alles perfekt klappen, sagt Ivan. Denn wenn die Agenturen anbeißen und die Tour in ihr Programm aufnehmen, sei die Finanzierung quasi gesichert.

"Am Samstag hatten wir hier eine Tour mit den lokalen Tourismusagenturen. Und sie waren ziemlich beeindruckt, mit dem, was wir hier aufgebaut haben. Unter ihnen ist eine Agentur, die auch ein Kreuzschiff empfängt. Es kommt jeden Dienstag nach Maputo. Wir wünschen uns natürlich, dass die Touristen vom Kreuzschiff auch nach Mafalala kommen und ihr Geld hier ausgeben."

Maputo ist tatsächlich nur ein Zwischenstopp für die meisten Touristen. Was sie an Mosambik reizt, sind die kilometerlangen Strände, die reiche Unterwasserwelt und die meist noch unberührte Natur in den Nationalparks. "Bush-Beach-Tourism" wird es hier oft genannt. Maputo dagegen hat nichts dergleichen zu bieten. "Mafalala Turistica" ist eine neue Chance für die Hauptstadt Mosambiks.

"Das ist ein Debüt im urbanen Tourismus in Maputo. Das Konzept des Kulturtourismus ist überhaupt noch ziemlich neu und unbekannt. Die Menschen sind sich der eigenen Kultur gar nicht richtig bewusst. Wenn es um Kultur geht, denkt man in Mosambik an die Ilha de Moçambique, an die Timbila und an den Nhao-Tanz. Die sind tatsächlich von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt worden.
Aber die Idee, in die Armenviertel der Stadt zu gehen und die neuere Geschichte des Landes zu erzählen, also von der jungen politischen Bewegung und vom Kampf um die Unabhängigkeit, das ist ein ganz neues Konzept. Und wir sind sozusagen die Pioniere."