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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2010

Eine Art Versuch über die Literatur

Michael Greenberg: "Betteln, Borgen, Stehlen", Hoffman und Campe, Hamburg 2010, 224 Seiten

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Luftbild von Manhattan in New York (AP)
Luftbild von Manhattan in New York (AP)

Was haben New York, das Leben und die Literatur gemeinsam? In allen dreien wird gebettelt, geborgt und gestohlen, was das Zeug hält. Das zumindest behauptet Michael Greenberg in seinem neuen Buch.

44 kurze Abschnitte umkreisen das Leben eines Schriftstellers in New York. Es ist Greenbergs Leben. Doch der Versuch einer Biografie gerinnt nicht zum geschlossenen Text. In der Hand halten wir vielmehr einen Reigen höchst unterschiedlicher Prosastücke über das Leben und über das Schreiben, eine Art Versuch über die Literatur.

Der Autor bettelt die Stadt, ihre Vergangenheit, ihre Bewohner regelrecht um Geschichten an. Er borgt viel, auffällig viele zahlreiche (durchweg nachgewiesene) Zitate aus der Literaturgeschichte, und er bestiehlt Freunde, Verwandte, ja die eigenen Kinder, wenn ihn eine Geschichte packt. Er kann nicht anders, eine Obsession, die er bewunderungswürdig schonungslos bloßstellt.

Greenberg ist 2009 mit "Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde" bekannt geworden, einem Bericht über den Zusammenbruch seiner Tochter. Auch diese Geschichte wird kurz erzählt, angereichert um den Vorgang dieses "Diebstahls", die mit ihm verbundenen Skrupel und die Reaktionen.

Der Erfolg als Autor mit der Geschichte seiner Tochter ist ein Flicken im Patchwork, steht als gleichwertiges Ereignis neben den Anekdoten um die jüdischen Großväter aus Europa, den Geheimnissen des Armenfriedhofs in Queens, den Verirrungen der "polysexualen Transfrau" Georgina oder einer nächtlichen Fahrt in der Führerkabine einer U-Bahn. In allen Ereignissen, Personen und Zitaten spiegelt sich ein schreibender Autor. Das ist nicht immer sympathisch, aber konsequent.

Zum Wesen des Greenbergschen Dichters gehört, dass er sich dem bürgerlichen Alltag der Stadt entzieht. Für ihn gibt es keine Zeiten und nur selbst gestellte Aufgaben. Er bleibt außen vor, ein Jäger und Sammler in der Welt des Banalen. Das Buch ist die Beute dieser Jagd.

Es ist aber auch ein Dokument kreativen Scheiterns. So mancher Abschnitt, etwa wenn erzählt wird, wie die jüdischen Großeltern in den Dreißigerjahren mittellos aus Europa ankommen, wie die ukrainische Familie ihren Schrottplatz in der Bronx führt, wie der erfolglose Schriftsteller mit Frau und Kindern "ganz unromantisch" in die Armut abrutscht oder wie der Autor den blinden Dichter Borges vor der Nationalbibliothek von Buenos Aires über die Straße führt, funkelt wie die gelungene Szene aus einem Roman, den man gern gelesen hätte - ein Schritt, den der Autor offensichtlich nicht wagt.

Besondere Kraft entfalten die Skizzen des Migranten-Alltags in der Lower Eastside der Dreißigerjahre. Da wirken die Familienbande, derer man sich im Leben wie in der Literatur immer dann bewusst wird, wenn Krankheit oder Tod die Erinnerung in Gang setzen, der Distanz des Schreibenden entgegen. Hier schlägt das Herz dieses Buchs, das seine Form nicht findet und daraus eine Tugend macht. Hier wird man Greenberg gern zuhören, sollte er sich einmal durchringen, diese Geschichten auch ausführlicher und in anderer Form zu erzählen.

Eine Rezension von Hans von Trotha

Michael Greenberg: Betteln, Borgen, Stehlen
Aus dem Leben eines Schriftstellers in New York
Aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser
Hoffman und Campe, Hamburg 2010
224 Seiten, 20 Euro

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