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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2012

Eindrücke von Untergang und Apokalypse

Jaroslav Rudis: "Die Stille in Prag" und "Alois Nebel"

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Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)
Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)

Jaroslav Rudis hat ein Faible für skurrile Protagonisten, die in seinen beiden neuen Büchern wieder etwas von der Originalität eines Schwejk haben.

Im Roman "Die Stille in Prag" ist es ein frühpensionierter Musiker, Vladimir, der nach dem Tod seiner Frau die fixe Idee hat, er müsse die Stadt vom Lärm befreien. Zu diesem Zweck fährt er ziellos durch die Stadt und manipuliert Stromleitungen oder zerschneidet in der Straßenbahn heimlich die Kopfhörer musikberieselter Fahrgäste. Prag ist in Vladimirs Augen (und Ohren) im Lärm und Konsum erstickt – eine oberflächliche laute Party-Stadt, in der immer weniger Menschen die Stille ertragen können. In kurzen Episoden, die in filmähnlicher Montage-Technik unverbunden aneinandergereiht sind, wird diese Oberflächlichkeit auch formal abgebildet: vier junge Personen, deren Wege sich an diesem einzigen Tag des Buchs kreuzen, haben Sex, shoppen oder koksen und sind allesamt unglücklich - jeder auf seine Art.

Unglück ist auch dem Protagonisten der Graphic Novel "Alois Nebel" nicht fremd. Während des politischen Umbruchs 1989 kehrt der Fahrdienstleiter eines kleinen Bahnhofs im Altvatergebirge unfreiwillig zurück in sehr viel dunklere Kapitel mitteleuropäischer Geschichte. Alois Nebel - der deutsche Nachname liest sich rückwärts als "Leben" - hat Albträume: sobald sich nebliges Wetter über die einsame Landschaft legt, in der einst viele Sudetendeutsche gelebt hatten, durchlebt der verschrobene Eigenbrötler und Sammler alter Zugfahrpläne noch einmal die Nazi-Okkupation, den Krieg, die Vertreibung. Er sieht Menschen in Viehwaggons, die nach Auschwitz transportiert werden, Vergewaltigungen, Tod. Vom Schrecken gepeinigt, sucht Alois Hilfe in einer psychiatrischen Klinik, wo er auf den rätselhaften "Stummen" trifft, der nach langer Zeit in diese Gegend zurückgekommen ist. Am Ende lichtet sich der Nebel der Geschichte und eines bitteren Kindheits-Traumas.

Die Abgründe der Vergangenheit hat Jaromir 99, Zeichner der Graphic Novel "Alois Nebel" in geradezu apokalyptischen Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten: sie erinnern an grobe Linol- oder Scherenschnitt-Technik, sind mal bedrohlich großformatig im Motiv, dann wieder mit bis zu zwei Dutzend Bildern auf einer einzelnen Buch-Seite ein verwirrender Kosmos von Einzelsequenzen. Die düsteren Traumszenen wechseln sprunghaft zu realen Ereignissen wie etwa zu Alois´ erstmaligen Besuch im menschenüberfüllten Prager Hauptbahnhof, nachdem er seinen Job im einsamen Altvatergebirge verloren hat.

Details sind hier wie dort von beredter Aussage. Die KZ-Toraufschrift "Arbeit macht frei" wird durch die kommunistische Losung "Die Wahrheit wird siegen" ersetzt, bis die schließlich wiederum in der neugewonnenen freien Marktwirtschaft abgelöst wird durch die Aufschrift "Auto-Camping". Hyperrealistisch ist eine ganze Doppelseite den Kritzeleien auf einer Toilette gewidmet oder dem beängstigenden Strudel ihrer Spülung. Zeichnungen herumhängender Punks und obdachloser Trinker stehen neben Nazis und russischen Offizieren. Die Dialoge sind spärlich, eher atmosphärisch als inhaltlich, Leerstellen werden akzentuiert. All dies macht es dem Leser/Betrachter nicht leicht, dem Faden zu folgen. Gleichzeitig sprechen die Bilder aber für sich und steigern in ihrer überbordenden Abfolge den Eindruck von Untergang und Apokalypse - auch wenn der Bahnwärter Alois ein Happy-End erleben darf.

Unterschiedlicher könnten die beiden Rudis-Bücher nicht sein: "Die Stille in Prag" dokumentiert die gescheiterten Lebensentwürfe junger Großstadt-Bewohner, denen der Sinn ihres Lebens abhanden gekommen ist. Die symbolisch konzipierten Figuren in "Alois Nebel" gehen weit über individuelle Nöte hinaus. Sie stehen für die nicht nachlassende Notwendigkeit, sich mit der teils immer noch verdrängten deutsch-tschechischen Geschichte auseinanderzusetzen. Wie gelungen und nachhaltig diese allererste Graphic Novel Tschechiens das tabuisierte Thema aufgreift, zeigt der dortige Erfolg des Buches, dem ein technisch aufwändiger animierter Spielfilm folgte. Auf diversen Filmfestspielen fand er bereits viel Aufmerksamkeit. Im Sommer soll der Streifen in die deutschen Kinos kommen.

Besprochen von Olga Hochweis

Jaroslav Rudis: Die Stille in Prag
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Luchterhand, München 2012
240 Seiten, 16,99 Euro

Jaroslav Rudis (Text), Jaromír 99 (Zeichnungen): Alois Nebel
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Voland&Quist 2012
360 Seiten, 24,90 Euro

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