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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.04.2016

Eindrücke eines TV-Zuschauers in EnglandDie Queen und nichts als die Queen

Von Philipp Gessler

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Queen Elizabeth II., aufgenommen am 26.6.2015 vor dem Frankfurter Rathaus während ihres Staatsbesuch in Deutschland (picture-alliance / dpa / Patrick van Katwijk)
Queen Elizabeth II. wird 90. (picture-alliance / dpa / Patrick van Katwijk)

Fernsehen in Großbritannien ist in diesen Tagen - Queen sehen: Krönung der Queen, die Queen auf dem Pferd, bei Bällen, bei Thronreden. Der Grund: Elizabeth II. wird 90.

"God save the Queen!" - Ich will ehrlich sein:  Live habe ich das nie gehört. Das ist etwas enttäuschend, denn wenn man eine Woche in London zum Urlaub ist, dann erwartet man das doch eigentlich.

Dafür Anne Boleyn. Auch sie eine Queen, Anfang des 16. Jahrhunderts, die zweite der sechs Ehefrauen König Heinrichs VIII. von England. Der Grund, weshalb es die anglikanische Kirche gibt. Die Frau, die zu heiraten dem frauenmordenden König sehr wichtig war. So wichtig, dass er sich von der Kirche Roms lossagte, um als neues Oberhaupt seiner eigenen Kirche seine erste Ehe mit Katharina von Aragon selbst auflösen zu können.

Das hörte die schöne Anne Boleyn nur kurz. Denn weil sie dem König keinen männlichen Thronfolger schenkte, sondern nur eine viel spätere Queen - Elisabeth I. - ließ sie Heinrich VIII. im Tower von London köpfen.

Dieser tragischen Geschichte von Anne Boleyn begegnet man an den touristischen Highlights in und um London dauernd: im Tower, im Königspalast Hampton Court, im Parlament, in Westminster Abbey, im Buckingham Palace, an jedem zweiten Postkartenständer. Nach vier Tagen in London sagte ich meiner Frau: Wenn ich den Namen Anne Boleyn noch einmal höre, reise ich ab. Das war dann nicht nötig, denn unversehens entschwand der Name Anne Boleyn aus unserem London-Familien-Urlaub. Umso mehr drängte sich ein anderer auf: Ihre Majestät Elizabeth II., seit 64 Jahre Queen. Ein Rekord in der britischen Geschichte.

Ein Ausbund an Selbstdisziplin, Freundlichkeit, Höflichkeit

Während Anne Boleyn als unkontrolliert, verletzend, sarkastisch und sexuell ausschweifend geschildert wird, kennen wir Queen Elisabeth II. seit Jahrzehnten als ein Ausbund an Selbstdisziplin, Freundlichkeit, Höflichkeit und ehelicher Treue. Woher ich das weiß? Aus dem englischen Fernsehen. Was sieht man da in diesen Wochen?

Richtig: die Queen, also Elisabeth II. rauf und runter. Drei Dokumentationen an drei Abenden hintereinander, in verschiedenen Kanälen. Weil sie nun 90 wird, die Queen.

Ihre Kindheit und Jugend, tobend durch den Buckingham Palace, ihre Ausbildung zur KFZ-Mechanikerin während des Krieges und ihre Heirat mit Prinz Philip 1947, dem früheren Prinzen von Griechenland und Dänemark. Auch er übrigens, wie die Queen, ein Ur-Ur-Enkel von Queen Victoria.

Die Queen ist überall im TV

Fernsehen ist in England in diesen Zeiten - Queen sehen: Krönung der Queen, Kopfnicken vor dem Sarg ihrer ungeliebten Schwiegertochter Lady Di, die Queen auf dem Pferd, mit Churchill, mit Merkel, in Schottland, in der Südsee, mit ihren Kindern, mit Untertanen, vor zu enthüllenden Gedenktafeln, bei Bällen, bei Thronreden im Parlament.

Sie bleibt für mich als Kontinentaleuropäer ein Rätsel: diese Fixierung der Engländer auf die alte Dame im Buckingham Palace. Als ob die Welt jenseits der Insel aus dem Blick geraten ist. EU? Europa? Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob sie noch in der Europäischen Union bleiben wollen. Wenn ich die Fernsehbilder sehe, denke ich: Die sind draußen! Europe, den Kontinent, brauchen die Briten nicht. Sie sind ganz bei sich – und bei ihr … der Queen.

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