Einbußen durch Corona

    Die Fitnessbranche kämpft

    04:45 Minuten
    Zwei Sportler schieben beim Fitnesswettbewerb Hyrox in den Hamburger Messehallen Schlitten mit Gewichten.
    Harter Kampf: Zwei Sportler beim Fitnesswettbewerb Hyrox in den Hamburger Messehallen Ende 2019 © imago images / Tischler
    Von Anja Schrum · 21.02.2021
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    Rund jeder siebte Bundesbürger ist Mitglied in einem Fitnessstudio. Doch Corona verhindert auch Bauch-Beine-Po im Studio. Die große Kündigungswelle blieb zwar bislang aus. Doch jetzt im zweiten Lockdown sehe es düster aus, sagt Sport-Analyst Stefan Ludwig.
    Anfang 2020. Mehr als 1.000 Athletinnen und Athleten schwitzen in der Messehalle Hannover – bei "Hyrox". Der Fitness-Wettkampf für Freizeit-Sportler erfreut sich großer Beliebtheit, die Atmosphäre begeistert: "Oh ja, die Geschwindigkeit ist wirklich atemberaubend, zack, zack, zack – unfassbar unterwegs, Nehle mit zehn zusätzlichen Kilos auf dem Rücken, "Sandbag" genannt, dazu muss sie Ausfallschritte machen."
    Ende 2019 waren rund 11,7 Millionen Bundesbürger Mitglied in einem Fitnessstudio. Ob Crossfit oder Bauch-Beine-Po-Kurse – die Fitness-Branche wächst und wächst. Dann kam Corona. Der erste Lockdown im Frühjahr 2020, dann der zweite seit November.
    "Die Mitgliederzahlen sind erstmalig seit zwei Jahrzehnten quasi rückläufig", sagt Stefan Ludwig. "Und wahrscheinlich auch überproportional der Umsatz, der zurückgehen wird."
    Deloitte-Experte Stefan Ludwig blickt bei einer Versammlung in Karlsruhe in die Kamera.
    Stefan Ludwig analysiert für die Wirtschaftsberatung den Fitness-Markt.© imago images / Carmele / tmc-fotografie.de
    Stefan Ludwig ist Leiter der "Sport Business Gruppe" von "Deloitte" und sitzt im Düsseldorfer Büro vor seinem Rechner. Die Wirtschaftsberatung analysiert regelmäßig den Fitness-Markt. Für 2020 gibt es noch keine exakten Zahlen, aber die Lage sieht nicht gut aus. Dabei war der Branchenverband im August, nach dem ersten Lockdown, noch optimistisch gewesen, sprach von "bislang glimpflichen Auswirkungen".
    "Man ist in die Kommunikation mit den Mitgliedern gegangen, man hat – gerade bei den Einzelstudios, aber auch bei vielen gut geführten Kettenstudios – durch eine enge Kommunikation, durch eine regelmäßige Kommunikation auch eine hohe Solidarität der Mitglieder erfahren, sodass eine extreme Kündigungswelle bisher ausgeblieben ist."

    Fitness-Apps sind keine Konkurrenz

    Die Fitnessstudios leiden weniger unter Massenkündigungen als unter fehlenden Neuanmeldungen. Besonders jetzt, im zweiten Lockdown, sieht es düster aus. Denn gerade die Wintermonate sind extrem wichtig für das Neukunden-Geschäft. Stichwort: gute Vorsätze.
    "Im Moment fehlen die Neumitglieder, die jetzt im Januar bis März typischerweise in einen Club, in ein Studio eintreten und wir haben die Mitgliedschaften, die ja – in Deutschland zumindest – häufig ein Jahr oder zwei Jahre laufen, die genau in diesem Zeitraum vermehrt wieder auslaufen."
    Keine neuen Mitglieder, dafür viele alte Verträge, die auslaufen. Ein doppeltes Minus für die Studios. Gleichzeitig wächst das digitale Angebot: Während des Lockdowns trainieren viele zu Hause. Etwa mit Fitness-Influencern oder speziellen Fitness-Apps. Doch das sei keine wirkliche Konkurrenz, ist Ludwig überzeugt:
    "Wir sind aktuell nicht der Auffassung, dass das quasi so eine revolutionäre Veränderung hervorrufen wird, da es von vielen so genutzt wird, dass es ergänzend ist. Dass man Online-Training aufgrund der höheren Flexibilität dann auch nutzt, aber weiterhin auch eine Mitgliedschaft in einem Club, in einem Studio hat."

    Kleinen Studios könnte die Puste ausgehen

    Abhängig davon, wie lange der zweite Lockdown noch anhält, steht der Branche ein schwieriges Geschäftsjahr bevor. Und die Probleme dürften auch 2022 noch zu spüren sein, prognostiziert Ludwig. Denn selbst wenn die Studios in den Startlöchern stehen, laufen die Kunden sich erst langsam warm.
    "Und nichtsdestotrotz müssen sie ab dem Zeitpunkt null, an dem die Anlage wieder eröffnet wird, alle Kosten wieder zu 100 Prozent hochfahren. Das heißt Mietkosten, Betriebskosten, Personalkosten – und sie haben eben die Ausfälle aus den ersten wichtigen Monaten des Jahres, die sich dann jetzt im Gesamtjahr niederschlagen werden."
    Bislang habe es keine überdurchschnittlichen Studio-Schließungen gegeben, so der Analyst. Mit einer Konsolidierung, also einer Marktbereinigung, sei aber zu rechnen. So manchem kleinen Studio könnte finanziell die Puste ausgehen.
    Profitieren dürften vor allem die Ketten. Weil sie über mehr finanzielle Rücklagen verfügen oder sich leichter frisches Geld besorgen können. Um dann wieder durchzustarten. Denn auch davon ist Ludwig überzeugt: Die Fitnessbranche wird sich erholen, gerade in der Pandemie habe das Thema Gesundheit und Bewegung noch mal an Bedeutung gewonnen.
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