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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

"Ein Wunder, du lebst noch!"

Ein Porträt der jüngsten Auschwitz-Überlebenden zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar

Von Stefanie Oswalt

Haupteingang des Konzentrationslagers Auschwitz Birkenau
Haupteingang des Konzentrationslagers Auschwitz Birkenau

Bis heute erinnert sie die Nummer A-26959 an Auschwitz. Eva Umlauf ist die jüngste Überlebende des Konzentrationslagers. 1942 im slowakischen Arbeitslager Novaky geboren wurde sie 1944 nach Auschwitz deportiert. Ihre Mutter und sie entgingen den Gaskammern, ihr Vater wurde erschossen.

"Schrecklich, wenn man schon Post davon bekommt und da steht Auschwitz-Birkenau drauf, da wird mir schon schlecht."

Eva Umlauf zeigt auf die Einladung zur jährlichen Gedenkfeier in Auschwitz, die an diesem Vormittag im Briefkasten lag.

"Diese Auschwitz-Kälte ist ein Wahnsinn, das spürt man, das ist nicht nur die äußere Kälte, das spürt man auch von innen: diese Kälte, diese Weite, diese Leere, diese Toten spürt man dort."

Lange Jahre hat Auschwitz in Eva Umlaufs Leben eine eher nebensächliche Rolle gespielt. Jahre, in denen sie ihre eigene Kinderarztpraxis in Germering bei München führte und als Psychotherapeutin arbeitete, drei Söhne aufzog und vor lauter Arbeit und Verpflichtungen kaum zum Nachdenken kam. Bis vor zwei Jahren. Damals bat das internationale Komitee der Auschwitz-Überlebenden die heute 70-Jährige, als jüngste Überlebende bei der Gedenkfeier zu sprechen:

"Es war überhaupt das erste Mal, wo ich in die Öffentlichkeit gegangen bin. Das erste Mal und gleich dorthin. Also das war schon so ein Bruch, ein Schritt nach vorne für mich, sich das noch einmal anzuschauen."

Da sie in Auschwitz erst zwei Jahre alt war, hat sie keine bewussten Erinnerungen. Nur aus den Erzählungen ihrer Mutter weiß sie von den Monaten, die ihr Leben so entscheidend prägten:

"Diese Monate von November, Dezember, Januar, also volle drei Monate, haben unser Leben so verändert, auch mein Leben als Kind: ich war so krank, dass ich – ich kam mit knappen zwei Jahren rein und konnte alles, was ein zweijähriges Kind motorisch kann: Laufen und sprechen und alles: Ich konnte nicht mehr aufstehen, ich konnte nicht mehr laufen. Also diese drei Monate der körperlichen Züchtigung – wir haben nichts zum Essen gehabt und offene Tuberkulose hat man gekriegt, meine Mutter wurde schwer krank."

Dass beide dennoch überlebten, schreibt Eva Umlauf vor allem der seelischen Kraft ihrer Mutter zu, die im April 1945 im – bereits befreiten - Lager auch noch Evas Schwester Nora zur Welt brachte. Und einen verwaisten fünfjährigen Jungen in ihre Obhut nahm. Zu viert kehrten sie schließlich in ihr Heimatdorf zurück - Anstrengungen, die ihre Spuren hinterließen:

"Meine Mutter hat am Ende ihres Lebens auch eine schwere Depression gekriegt. Ich glaube, meine Aufgabe ist jetzt. Ihre ganze Geschichte mehr sichtbar zu machen, ihre Wichtigkeit, ihre Rolle in der Familie."

Deshalb möchte Eva Umlauf ihre Familiengeschichte noch einmal durcharbeiten, vielleicht sogar ein Buch schreiben und als Zeitzeugin über ihr Leben berichten.

"Ich glaube, man verändert sich und deswegen muss man das machen. Auch die Zeit verändert sich und man hat immer wieder neue Kenntnisse. Und ich glaube schon, dass das auch was Schönes für einen selber ist, dass man auch aus diesen traurigen Erinnerungen lernt und dass man sie verarbeitet."

Auch das Nachdenken über ihre Herkunft aus einem, wie sie sagt, "traditionell religiösen aber nicht frommen" Elternhaus spielt dabei eine Rolle.

"Man ist im Herzen jüdisch, was das auch immer bedeutet, man feiert auch die Feiertage, gerade wo wir aus der brauen Diktatur in die rote reingerutscht sind, und aus der Synagoge ein Lager für Stoffe gemacht worden ist in der Slowakei und wir von Religionsunterricht in der ersten Klasse plötzlich das Lied der Arbeit und die Internationale gesungen haben in der Schule."

1966 heiratete Eva Umlauf einen polnischen Auschwitz-Überlebenden und zog aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach München, wo ihr Mann den Maccabi-Sportverein gründete und in der jüdischen Gemeinde sehr aktiv war. Nach seinem frühen Tod und in einer neuen Ehe wurden andere Dinge wichtiger. Erst nach der Trennung, erinnert sich Julian, mit 27 ihr jüngster Sohn, spielte das Judentum wieder eine Rolle in der Familie. Bis heute ist der Umgang eher leger:

"Es ist so, dass wir halt ein paar Familien-Feste haben, diese religiösen Feste wie Chanukka oder Pessach, da trifft man sich zwei-dreimal im Jahr mit der Familie, isst gemeinsam und das war es. Unter uns: ich könnt nie koscher leben."

Auch wegen ihrer Kinder beschäftigt sich Eva Umlauf so intensiv mit der Vergangenheit, denn als Psychotherapeutin weiß sie, dass unbearbeitete traumatische Erfahrungen an die nachkommenden Generationen weiter gegeben werden und

"Dass auch die Opfer und die Täter diese Verkapselung in sich tragen. Und dass diese Kapsel aufgemacht werden muss, bei beiden, sonst gibt man das Ganze verkapselt weiter... wie ein Geschwür, das nie aufgeht."

Für ihn, sagt Sohn Julian, liege die Vergangenheit sehr weit zurück, aber was er an seiner Mutter besonders mag, ist,

"Dass trotz der Vielzahl ihrer Rückschläge im Leben, dass man danach einfach immer wieder aufsteht und dass es immer wieder weitergeht, und ich denke, das ist auch etwas, das sie mir persönlich gut mitgeben konnte."

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