Ein Waldbrand als Sinnbild

Das Deutsche Theater in Berlin © Arno Declair/Deutsches Theater Berlin
Von Volker Trauth · 06.06.2010
Am Anfang steht das Idyll eines Grillabends im Wald - am Ende die von einer Brandkatastrophe Gezeichneten. Wie zumeist stehen in den Stücken der Dramatikerin Anja Hilling Glücksucherfiguren im Zentrum.
Die 35-jährige Autorin hat mit Stücken wie "Monsun", "Engel", "Radio Rhapsodie" oder "Mein junges idiotisches Herz" eine eigene Handschrift entwickelt. Übereinstimmendes gibt es auch zwischen dem am Deutschen Theater herausgekommenen Stück und den oben genannten in vielerlei Hinsicht. Fast immer stehen Glücksucherfiguren im Zentrum, Figuren, die nicht selten im Verfolg ihrer Hoffnungen scheitern. Oft wird ein apokalyptisches Verhängnis, nicht selten eine Naturkatastrophe, zum Auslöser des Handelns, zwingt die Figuren zur Konsequenz.

In "Monsun" gerät eine deutsche Fotoreporterin in Vietnam in einen alles hinwegschwemmenden Monsunregen, in "Bulbus" gibt es ein gewaltiges Gewitter und im "Schwarzen Tier Traurigkeit" einen schrecklichen Waldbrand. Was ihre Schreibweise betrifft, fallen ihre knappen Sätze, ihre schnellen Schnitte, die jähen Brüche und die schnellen Wechsel der Sprachstile und dramaturgischen Formen auf. Bei "Schwarzes Tier Traurigkeit" wählt sie die Form eines Triptychons. Am Anfang steht das Idyll eines Grillabends im Wald, zu dem sich sechs junge Menschen zusammenfinden, in der zweiten Abteilung hören wir eine Komposition von Stimmen, die auf eindringliche Weise von den Folgen der Brandkatastrophe berichten, von ihren Verletzungen und Schmerzen, und im dritten ein aneinander vorbeireden, die totale Beziehungsunfähigkeit der vom Brand Geschädigten.

Die Regisseurin Jorinde Dröse setzt auf die deutliche Betonung der Unterschiede zwischen den drei Teilen, auf den extrem voneinander abweichenden Grundton, die Grundsituation der drei Teile. Am Anfang steht die Leichtigkeit des Seins während des Grillabends, die allerdings unterbrochen wird von kleinen Gehässigkeiten und scharfzüngigen Spitzen, im zweiten Teil wird die Komposition der Stimmen montiert mit Videoschnipseln, die auf fünf verschiedene Stoffbahnen projiziert werden und abwechselnd in einem illustrierenden und kontrapunktierenden Verhältnis zum Text stehen. In einem Falle drückt das Gesicht der Erzählenden eine andere innere Befindlichkeit als der Text aus, im anderen wird der Irrlauf dieser Figur durch den Wald real abgebildet. Wie in andren Inszenierungen benutzt die Regisseurin wiederholt das Mittel der Simultaneität, des kalkulierten Neben- und Untereinanders von szenischem Handeln.

In einer Verhörszene, in der die Ursachen der Brandkatastrophe ermittelt werden sollen, nehmen die Schauspieler gleichzeitig die Rolle der Verhörten und der Verhörer ein und verständigen sich darüber hinaus über anzustrebendes taktisches Verhalten. Die Schauspielerin Natalie Seelig spricht vorn im Licht ins Mikrofon Texte eines Waldbauern-Ehepaares und hinten sehen wir auf der Leinwand die beiden – in Kostüm und Maske von der gleichen Darstellerin figuriert – beim Streiten und Kommentieren.

Das Problem der Inszenierung: Das Interesse des Publikums an den Figuren ist irgendwann aufgebraucht. Waren sie im ersten Teil in ihrer Weltsicht und Biografie andeutend nähergebracht worden, so sind sie dann im Rahmen der Textkomposition des zweiten Teils nur noch Funktionen im allgemeinen Stimmengewirr und im dritten Teil fällt es ihnen schwer, an das Verhalten der Protagonisten im ersten Teil anzuknüpfen – vor allem auch deshalb, weil inzwischen andere Paare zusammengefunden haben.

Am besten gelingt ein solcher Balanceakt noch Bernd Moss als Lichtkünstler Oscar. Am Anfang ist das noch ein liebessehnsüchtiger, ausgelassener, mitunter auch trauriger Clown, zum Schluss ist er ein Bild des Jammers geworden, der seinen Freund und seinen linken Arm verloren hat und seine Wut auf die Welt herausschreit, um dann lakonisch zu verkünden, er werde sich als Brandstifter anzeigen.