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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.01.2013

Ein Vorbild an leiser Renitenz

Birk Meinhardt: "Brüder und Schwestern", Carl Hanser Verlag, München 2013, 700 Seiten

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Willy Werchow, Vater dreier ehelicher und eines unehelichen Kindes, ist eine Durchschnittsexistenz. Trotzdem lässt er einen leichten Widerstand gegen das DDR-Regime erkennen, in dem er lebt. Zwei seiner drei Kinder folgen ihm darin.

Man mag es Wagemut nennen oder Selbstbewusstsein oder auch einfach nur - mit einem Wort aus diesem Buch - gehörige "Forsche": Birk Meinhardt legt knapp fünf Jahre nach Uwe Tellkamps "Der Turm" seine "Geschichte aus einem versunkenen Land" namens DDR vor.

Auch "Brüder und Schwestern" ist ein voluminöser Familienroman, auch er endet 1989 zur Zeit der friedlichen Revolution, und auch er wird wohl fortgeschrieben werden, jedenfalls steht ein "wird fortgesetzt" am Schluss. Abseits solcher äußerlicher Ähnlichkeiten aber ist Meinhardts 1973 einsetzender Roman geradezu ein Gegenentwurf zu Tellkamps preisgekröntem Werk, zuvörderst in sprachlicher Hinsicht: Meinhardt ist ein überbordend lebenspraller Erzähler mit einem ungeheuren Sinn für die Ausdruckskraft von Dialekt und Jargon, von Stadion-Gesängen, Losungen und dämlichen Partei-Parolen.

Wo bei Tellkamp nicht selten der schwergängige Lyrismus steht, findet sich bei Meinhardt ein nur oberflächlich salopper, in Wahrheit äußerst kunstfertiger, nicht von ungefähr volksliedhafter Ton. Wem die Lektüre des "Turms" bisweilen eine Mühsal war, dem wird dieses Buch eine Lust sein.

In der thüringischen Provinz, im fiktiven Städtchen Gerberstedt siedelt der 1959 geborene Berliner seine Geschichte an: Im Zentrum steht die Familie von Willy Werchow, Direktor des Druckereibetriebs "Aufbruch", Mann der Sparkassen-Angestellten Ruth, Vater dreier ehelicher und eines unehelichen Kindes, von dem keiner wissen darf.

Eine Durchschnittsexistenz, jedoch auch ein Vorbild an leiser Renitenz, an Eigensinn, dem sich zumindest zwei der drei Geschwister verpflichtet fühlen: Britta, die Jüngste, fliegt von der Schule, weil sie ein Gedicht des gerade ausgebürgerten Wolf Biermann abschreibt, und landet bei einem der wenigen Privat-Zirkusse der DDR, zieht als Akrobatin umher; ein Fahrender auch ihr aufmüpfiger Bruder Matti, der als Lastkahnführer ein Motorgüterschiff durch die Binnengewässer des Landes steuert und nebenher schreibt, weil ihm die Literatur ein "Rückzugslager" bietet; lediglich der Älteste, Erik, ist linientreu und weder fähig noch willens, sich der "mächtigen Dreieinigkeit aus Heuchelei, Phrasendrescherei und Schurigelei" zu widersetzen.

Wohin uns dieser Roman nicht überall mitnimmt! Was er uns nicht alles ungemein anschaulich zeigt - den Alltag in der NVA-Kaserne genauso wie den im Büro der SED-Gebietssekretärs, die "VEBehäbigkeit" genauso wie die Zweifel eines Republikflüchtlings, den auf einmal Wehmut überfällt auf seinem Weg in den Westen; oder den Aufmarsch der "stummen Gesellen" der Stasi, die einen drohenden Streik im Keim ersticken.

Es ist eine Geschichte aus "zäher Zeit", die Meinhardt erzählt, über ein Land des "Stillstands", doch selten ist in solcher Rasanz, mit so viel Gespür für subversiven Bürgerwitz, mit solcher Liebe für die sogenannten kleinen Leute davon berichtet worden. Als Reporter hat Meinhardt einen untrüglichen Blick fürs sprechende Detail. Als Romancier vermag er eine große, ergreifende Geschichte über "unsere Brüder und Schwestern" und ihr untergegangenes Land zu erzählen.

Besprochen von Knut Cordsen

Birk Meinhardt: "Brüder und Schwestern"
Carl Hanser Verlag, München 2013
700 Seiten, 24.90 Euro

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