Ein visionäres Arschloch

Von Stefan Keim · 03.11.2012
Eigentlich sind Mike Daseys Monologe über den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs nicht nachspielbar. Dasey erzählt jeden Abend neu über den Visionär, der für den Erfolg auch das Leiden zahlloser chinesischer Arbeiter in Kauf genommen hat. Andreas Beck bringt die Geschichte nun in Dortmund auf die Bühne.
Wenn manche Menschen Steve Jobs als iGott bezeichneten, war das kein Spaß. Der vor einem Jahr verstorbene Gründer der Firma Apple muss ein charismatischer Visionär gewesen sein. Er entwarf eine Welt der Upgrades und Apps, in die sich die Nutzer der von ihm erdachten Geräte fügen mussten und müssen. "Wenn in der heutigen Zeit, wo ein so großer Teil unseres Lebens mittels Technologie erlebt wird, sage ich euch, wenn du da das Konstrukt kontrollierst, durch das die Menschen die Welt betrachten, dann kontrollierst du die Welt an sich." Das ist ein Satz aus dem Monolog "Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs" des US-Amerikaners Mike Dasey. Im Studio des Dortmunder Schauspiels ist er nun erstmals in Deutschland zu sehen.

Eigentlich sind Daseys Monologe überhaupt nicht nachspielbar. Er schreibt sie gar nicht auf, sondern tritt vor sein Publikum und erzählt, jeden Abend neu. Weil so viele nach dem Text des Abends über Steve Jobs fragten, machte Dasey eine Ausnahme und stellte ihn kostenlos auf seine Webseite. Jeder könne damit machen, was er wolle. Inzwischen gibt es sogar eine aktualisierte Fassung. Viele Fakten hat er selbst recherchiert, für den Abend über Steve Jobs ist Mike Dasey nach Shenzhen gereist. Dort residiert die gigantische Firma Foxconn, der wichtigste Zulieferer von Apple. Dasey berichtet von erschreckenden Arbeitsbedingungen, von Menschen, denen sich der Aluminiumstaub so in die Hand eingebrannt hat, dass er nicht mehr entfernt werden kann. In den USA wurde er kritisiert, weil er eigene Erlebnisse und Erzählungen anderer vermischt haben soll. Diese Frage stellt sich nicht, wenn ein Schauspieler seine Texte spricht und aus dem Infotainment typisch amerikanischer Prägung Theater wird.

Die Regisseurin Jennifer Whigham hat einen idealen Kommunikationsraum geschaffen. Es gibt keine Bühne, das Publikum sitzt zwischen Regalen voller Kartons mit Computermüll und Spielzeugen. Andreas Beck - groß und schwer wie Mike Dasey - läuft zwischen den Zuschauern herum, schaut ihnen direkt in die Augen, spricht sie an wie Kumpels, die in seiner Bude abhängen. Der Text ist nicht auf Pointen hin geschrieben, es ist kein politisches Kabarett. Manchmal imaginiert Beck Szenen und spielt sie leicht karikierend vor, zum Beispiel wenn der Apple-Aufsichtsrat nach Jahren des Misserfolges den zuvor geschassten Steve Jobs wieder zurück holt. Doch im Kern ist es Aufklärungstheater, Wissensvermittlung mit hohem Unterhaltungsfaktor, eine Theater-Lecture, die nah dran bleibt an den Gedanken Mike Daseys. Steve Jobs wird dargestellt als genialer, kompromissloser Gestalter und gewissenloser Unternehmer, mit den Worten des Stücks "ein visionäres Arschloch".

Das Ende ist wuchtig, emotional, agitatorisch. Der eigentliche Skandal sei nicht, das Apple die "neue Sklaverei" in China in Kauf nehme, sondern dass wir davor die Augen verschlössen. "Dieser Abend ist ein Virus", sagt Dasey-Beck und verteilt Flugblätter. Darin fordert er die Zuschauer auf, nicht jede technische Neuerung um ihrer selbst willen mitzumachen und Apple sowie die gesamte Elektronikbranche aufzufordern, gegen die Ausbeutung vorzugehen. Nach der Premiere allerdings bekommen die Besucher einen Zettel in die Hand gedrückt. Es ist ein Gutschein für die Reparatur von Apple-Geräten, ein Dortmunder Serviceunternehmen macht Werbung und verteilt Äpfel. Das ist nicht Bestandteil der Inszenierung, dennoch relativiert sich wieder einiges. Die Welt hat einen schnell wieder in den Klauen, viele schalten ihre Smartphones an und schauen, ob jemand sie angerufen hat.

Ob der Virus wirkt, zeigen die nächsten Wochen. Aber das war ja immer so im politischen Theater, das Wirkung erzeugen will. "Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs" ist jedenfallls eine Riesenaufgabe für einen Schauspieler. Andreas Beck löst sie gedankenklar, konzentriert und spielfreudig, mit riesiger Präsenz, die diesen Darsteller immer auszeichnet. Man lernt richtig was in diesen 90 Minuten. Hier traut sich jemand, nicht immer nur Fragen zu stellen, sondern auch mal wieder Antworten zu geben.
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