"Ein uralter Hut"

Bettina Röhl © Focus Agentur/Paul Schirnhofer
Moderation: Marie Sagenschneider · 07.12.2007
Die Publizistin Bettina Röhl hat die von Jutta Ditfurth verfasste Ulrike-Meinhof-Biografie kritisiert. "Ihr Buch ist terroristisch kontaminierter Sonder- oder besser Giftmüll", sagte Röhl.
Marie Sagenschneider: Da ist zum Beispiel Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof, die im vergangenen Jahr ein Buch über ihre Mutter beziehungsweise ihre Eltern vorgelegt hat, "So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret". Guten Morgen, Frau Röhl.

Bettina Röhl: Guten Morgen.

Sagenschneider: Fühlen Sie sich angesprochen von der Kritik Jutta Ditfurths?

Röhl: Also ich weiß nicht, mit was Jutta Ditfurth herumtönt, wenn sie von der "Die Biografie" von Ulrike Meinhof spricht. Auf ihren Vorwurf, alle anderen Biografen seien Müllmänner oder sei alles Müll, möchte ich mal ironisch antworten, ihr Buch ist terroristisch kontaminierter Sondermüll, oder besser Giftmüll, denn es trägt jetzt sozusagen die terroristische Variante, die uralten Mythen wieder in die Öffentlichkeit.

Sagenschneider: Sie spricht Sie natürlich indirekt an, wenn sie von interessengeleiteten Zeitzeugen redet. Damit ist Ihre Hauptquelle gemeint, Ihr Vater, Klaus Rainer Röhl, den Sie ja selbst auch nicht unbedingt als einen der zuverlässigsten charakterisieren.

Röhl: Das müsste ich insofern zurückweisen, dass Klaus Rainer Röhl ist ein Zeitzeuge, ein guter Zeitzeuge, was die Zeitschrift "Konkret", was die kommunistische Zusammenarbeit angeht. Das habe ich durch die Akte Konkret, diese Ostberliner Akte, die ich im Bundesarchiv gefunden habe, die ja auch ganz, ganz viele Teile von Ulrike Meinhof beschreibt, nachweisen kann. In der Tat ist er für die Ehefrau oder für die Psyche von Ulrike Meinhof nicht geeignet. Nur Klaus Rainer Röhl ist weitaus überhaupt nicht der einzige Zeitzeuge, den ich habe, insofern kann Ditfurth mich nicht meinen, denn ich habe die allerengsten Bekannten und Freunde, wie Manfred Kapluck oder Bahman Nirumand, und auch sehr viele enge Weggefährten, auch Frauen wie Monika Seifert und so weiter, interviewt. Sie, Ditfurth, stellt sich sozusagen, und das ist ungewöhnlich, mit ihrer Meinhofbiografie als Erstes hin, dass sie sagt, alle anderen seien Müll. Und da muss man einfach feststellen, dass Ditfurth eigentlich überhaupt kein Buch selber geschrieben hat. Zu einem Drittel bohrt sie mit wenig Relevanz vor allem die Jugendzeit von Ulrike Meinhof auf, was sie eigentlich zu 90 Prozent von dem Jugendbuchautor Alois Prinz abschreibt, der als Erster zum Beispiel auch herausbekommen hat, dass Werner Meinhof, der Vater von Ulrike Meinhof, bei der NSDAP war, und der auch als Erster die Jugendfreunde gesucht hat. Das zweite Drittel schreibt sie sozusagen mehr oder weniger aus dem Buch "So macht Kommunismus Spaß" von mir ab oder übernimmt es, und kann sich mit fremden Federn schmücken, indem sie den ersten erschossenen Demonstranten der Bundesrepublik Phillip Müller, den ich in meinem Buch ausführlich thematisiert habe, das behauptet sie, dass sie das jetzt gefunden hat. Das Zweite ist, die 24-jährige Studentin Ulrike Meinhof im Anti-Atomwaffenkongress hat ein Rededuell mit Helmut Schmidt gehabt, das ist in meinem Buch mit Quellen ausführlich auch aus dieser Akte Konkret zitiert. Damit schmückt sie sich auch. So geht das weiter. Und das dritte Drittel ihres Buches, das ist eben dann sozusagen das, was ich terroristisch kontaminierter Müll nenne, nämlich das sind die Mythen alter RAF-Veteranen, die sie interviewt hat, die sie nicht nennt, die sie auch nicht vollständig als Quellen benennt. Und wenn sie selber von trüben Quellen spricht, dann muss man ihr das eins zu eins zurückgeben. Ihre Quellen sind mehr als trübe. Das sind Kreise wie alte Stasiseilschaften oder alte Naziseilschaften, so gibt es auch alte RAF-Veteranen, unbelehrbare alte Veteranen. Und diese Leute wollen ihren Mythos, nämlich, dass das ganze ein antifaschistischer Kampf war, dass die Luxusmorde der RAF aus den 70er Jahren antifaschistischer Kampf gegen die Nazis waren, das wollen sie natürlich propagieren und lancieren das jetzt über Ditfurth. Ein uralter Hut.

Sagenschneider: Ja gut, dann kommen wir mal konkreter zum Mythos Ulrike Meinhof. Einer der Mythen besagt ja, sie ist irgendwie in den Untergrund geschlittert, fast schon ein bisschen tollpatschig, jedenfalls hätte sie das so konkret nicht geplant. Das sehen Sie anders.

Röhl: Also es ist richtig, dass Klaus Rainer Röhl, mein Vater, in den 70er Jahren seine eigene Biografie geschrieben hat, in der auch ein großer Teil von der Meinhof-Biografie drin ist, und das hat den Mythos begründet der armen Frau, die sozusagen aus Eheproblemgründen in den Untergrund gegangen ist. Und das ist auch in der Tat von Stefan Aust, der originär dazu gar nicht viel beigetragen hat, übernommen worden. Das ist sozusagen die Ehemannvariante. Nur, dieser Mythos wird von Ditfurth in keinster Weise zerschlagen, indem sie behauptet, das sei jetzt alles aus politischen Gründen gewesen, sondern das ist sozusagen – seit 37 Jahren gibt es diese beiden Varianten, die Aust-Röhl-Variante, die arme Ehefrau Meinhof ist aus persönlichen Gründen in den Untergrund gegangen, und die terroristische Seite, die sagt, Ulrike Meinhof ist nur aus politischen Gründen, nur aus Überzeugung für den Kampf in den Untergrund gegangen. Ich würde sagen, die Wahrheit, die Ditfurth für sich da beansprucht, die Wahrheit liegt dazwischen. Und das ist auch am meisten und am ehesten in meinem Buch, glaube ich, dargestellt worden. Ulrike Meinhof war eine auch fanatische Kommunistin seit den 50er Jahren. Das belegt auch die Akte Konkret, das belegen auch unendliche Quellen, die Ditfurth überhaupt nicht zitiert, also ...

Sagenschneider: Man muss dazu vielleicht sagen, dass Ulrike Meinhof KPD-Mitglied geworden ist 1958 war es, glaube ich, oder 59?

Röhl: 58.

Sagenschneider: Jedenfalls war die KPD schon verboten.

Röhl: Richtig. Und das gab es bis jetzt nur als Vermutung. In meinem Buch habe ich das dargelegt, auch das als Erste, dass es nachgewiesen ist, dass sie KPD-Mitglied war. Und wenn man dann die Texte von Ulrike Meinhof, die in meinem Buch zitiert sind, in Ditfurths sucht man danach vergeblich, liest, dann sieht man, dass Ulrike Meinhof natürlich eine große politische Überzeugung hatte. Und deshalb sage ich, es liegt dazwischen. Und sofern sind sowohl Aust, als auch Klaus Röhl, als auch Ditfurth, die übrigens alle drei in ihren Büchern ohne Quellen auskommen, einen Mythos geschaffen, der sozusagen zwischen denen hin- und hergeht. Und da möchte ich mich gerne herausnehmen, denn meine Biografie ist auch nicht 20 oder 30 Jahre alt von Ulrike Meinhof, sondern ein Jahr alt. Da hat es Ditfurth offenbar nötig, weil ihr das natürlich unangenehm ist, dass sie jetzt ein Jahr zu spät kommt, in dieser Form wohl indirekt auch gegen meine Person zu pesten, denn die eigentliche Biografie von Ulrike Meinhof steht in meinem Buch. Die Hauptquelle zu Ulrike Meinhof ist Ulrike Meinhof selbst. Und das ist ganz nötig gewesen, dass ich vor einem Jahr überhaupt mal Ulrike Meinhof zitiert habe, denn der normale Bürger weiß in der Tat nicht, was Ulrike Meinhof selber gesagt und geschrieben hat. Das erfährt man auch in Ditfurths Buch überhaupt nicht.

Sagenschneider: Ein weiterer Aspekt dieses Mythos, der betrifft Sie sehr direkt, der handelt nämlich von Ulrike Meinhof als Mutter, die so rührend an ihren Kindern hängt, dass sie sie sogar mit in den Untergrund nimmt. Sie und Ihre Schwester wurden nach der Baader-Befreiungsaktion in ein Camp in Sizilien verfrachtet. Wie sehen Ihre Erinnerungen daran aus? Sie und Ihre Schwester waren damals acht Jahre alt.

Röhl: Das ist auch eine sehr alte Legende, die Sizilien-Verschleppung. Meine Schwester und ich wurden 1970 im Mai von der RAF, von der gesamten Gruppe gab es einen Beschluss, und dann gab es Verschlepper, die das selber durchgeführt haben, vier Monate nach Sizilien verschleppt. Dahinter steckte in der Tat auch ein Sorgerechtskampf, das habe ich auch schon vor zwölf Jahren in meiner "Spiegel"-Titelgeschichte beschrieben. Das ist auch nichts Neues, wenn Ditfurth jetzt behauptet, es gab einen Sorgerechtsstreit, weil die Gruppe und Meinhof wollten nicht, dass meine Schwester und ich zu dem Bourgeoisen-Salon, Kapitalisten, Kommunisten Klaus Röhl kommen.

Sagenschneider: Wollte das die Gruppe nicht, oder wollte das Ulrike Meinhof nicht?

Röhl: Das ist eben der Punkt. Sowohl Klaus Röhl, als auch Stefan Aust, als auch Ditfurth schaffen den Mythos unterschiedlicher Art, dass es eine reine Muttergeschichte ist. Und das ist falsch. Und das weiß ich nicht aus meiner Erinnerung, die habe ich natürlich auch, sondern das weiß ich aus meinen Recherchen. Es gab damals mehrere Gruppenbeschlüsse, einen in Berlin, wo Baader und Ensslin federführend waren, denn die kannten ja das Camp in Sizilien, in dem Ulrike Meinhof nie gewesen war. Es war eine politische Konzeption. Vielleicht wollte man Ulrike Meinhof auch unter Druck setzen innerhalb der Gruppe, dass man ihre Kinder verschleppt. Meinhof ist daran beteiligt als Mitglied der RAF, aber es als reine Muttergeschichte darzustellen, das muss man auch sehen, das sind sozusagen die trüben Quellen von Frau Ditfurth. Das sind natürlich damalige Mittäter, die an diesem Beschluss teilweise mitgewirkt haben, die jetzt diese Sache von sich weisen und sagen, einen solchen Beschluss hat es nicht gegeben.

Sagenschneider: Warum weisen die das von sich, welche Erklärung gibt es dafür?

Röhl: Wer möchte gerne mit einer Verschleppung von zwei kleinen, unschuldigen Kindern, dann sogar Weiterführung nach Palästina, ansitzen? Das wollen auch diese Terroristen nicht, denn das wäre ja auch entlarvend, dass die RAF von Anfang an völlig unpolitisch war und sich tatsächlich, das ist ja auch ein Aberwitz, in Jordanien damals, wo die erste Station war, mit solchen Sachen beschäftigt hat, wo zwei kleine Kinder hinkommen oder wo der Freund von Ulrike Meinhof, der da mitgekommen war, dass der jetzt ermordet werden sollte. All diese Dinge, damit will die RAF, diese alten RAF-Veteranen, die ich schon nannte, nichts zu tun haben. Und es ist schon sehr misslich, dass auch bestimmte Medien dieses enorme Eigenlob und diese Behauptungen, die überhaupt keine Quellenunterlage haben, von Ditfurth verbreiten, wenn die einfach sagt, ja, es war alles ganz anders. Also da werde ich zu gegebener Zeit noch die richtige Geschichte dazu veröffentlichen. Ich habe sie nämlich recherchiert, und insofern weiß ich auch aus vielen, vielen Quellen, dass das eine Variante ist, dass Mutter Meinhof da irgendwie was ganz anderes machte, als bis jetzt bekannt ist. Das kann man nachweisen, dass das falsch ist.

Sagenschneider: Da sind wir gespannt, wenn Sie das veröffentlichen. Frau Röhl, ich danke Ihnen. Bettina Röhl war das, die Tochter von Ulrike Meinhof, die im vergangenen Jahr ein Buch über ihre Eltern geschrieben hat, "So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret". Und das Buch von Jutta Ditfurth über das wir gesprochen haben, heißt schlicht, "Ulrike Meinhof. Die Biografie".
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