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Zeitfragen | Beitrag vom 11.11.2020

Ein unklares SchuldgefühlDie Enkel-Generation der NS-Täter forscht nach

Uwe von Seltmann im Gespräch mit Susanne Arlt

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Uwe von Seltmann, kurze graue Haare, kleine runde Brille, roter Pullover und dunkelgraues Sakko, schaut zwischen Stahlstreben und Fenstern in die Kamera. (dpa / Jens Kalaene)
Uwe von Seltmann hat die Lebensgeschichte seines Großvaters nachrecherchiert. (dpa / Jens Kalaene)

Was hatte sein Großvater während der NS-Zeit gemacht? Warum wurde über ihn nie gesprochen? Journalist Uwe von Seltmann hat nachgeforscht: Sein Buch zeigt, wie die Enkelgeneration eine neue Art der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anstoßen kann.

"Es kam alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst wird", heißt es in Hermann Hesses "Siddhartha". Für den Schriftsteller und Journalisten Uwe von Seltmann ein Grundsatz, der auch auf seine eigene Familiengeschichte anzuwenden ist. Vor allem auf das Leben seines Großvaters, den er selbst nie kennengelernt hat – und über den in der Familie nie gesprochen wurde.

Was hatte dieser im Zweiten Weltkrieg gemacht und wie tief war er in NS-Taten verstrickt? Damals noch weitgehend ohne Internet und Smartphone begann Seltmann nachzuforschen. Seine Recherche hat er in einem Buch festgehalten: "Schweigen die Täter, reden die Enkel", heißt es. Denn aus Sicht Seltmanns ist es typisch, dass nicht die erste Nachkriegsgeneration genauer nachforschte. "Die Distanz ist zu klein, um fragen zu können. Das ist dann eher die Aufgabe der dritten Generation, wo der Abstand einfach größer ist."

"Das zu wissen, ist nicht wirklich angenehm"

Seine Recherche führte ihn durch "halb Osteuropa" und auch nach Wien. "Wo ich auch erfahren habe, dass mein Großvater nicht nur für die Nazis Propaganda gemacht hat, eine Zeitschrift herausgegeben, Kongresse organisiert, sondern wirklich auch Juden-Mörder war." Denn dieser habe zu einem SS-Bataillon gehört, das im Frühjahr 1943 in Warschau eingesetzt wurde, um den Warschauer Getto-Aufstand niederzuschlagen. "Das war sicherlich eine Information, die mich doch sehr umgehauen hat. Zu wissen, dass dieser Großvater ein Mörder war, das zu wissen, ist wirklich nicht angenehm."

Zustimmung und Ablehnung innerhalb der Familie

Seine Vater und dessen fünf Geschwister seien als Vollwaisen bei Pflegeeltern oder im Heim aufgewachsen, nachdem die Mutter kurz nach dem Krieg verstorben war, der Vater 1945 Suizid begannen habe, erzählt Seltmann. Damals sei sein Vater gerade einmal zwei Jahre alt gewesen. Zu klein, um sich an etwas zu erinnern. Er und seine Geschwister hätten also nichts oder kaum etwas über die Eltern gewusst.

Dennoch reagierten sie sehr unterschiedlich auf Seltmanns Recherchebemühungen: Sein Vater habe den Nachforschungen relativ neutral gegenübergestanden. Zwei andere Geschwister hätten ihn aktiv unterstützt.

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"Und die beiden Ältesten, die noch die intensivsten Erinnerungen an ihre Eltern hatten: Die haben mich auf das Intensivste bekämpft und auch wirklich mit Lügen versucht, vom Recherchieren abzuhalten."

Für Seltmann ein verständliches Verhalten: "Das ist einfach die Angst davor, Dinge zu hören, die man nicht hören möchte. Weil, es ist nicht angenehm zu hören: Der eigene Großvater war ein Mörder."

Dass die ganze Familie offen über die Vergangenheit sprechen konnte, habe selbst nach der Bucherveröffentlichung noch Jahre gedauert.

(lkn)

Claudia Brunner / Uwe von Seltmann: "Schweigen die Täter, reden die Enkel"
Edition Büchergilde 2004
189 Seiten, 36, 95 Euro

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