Ein unbequemer Widersprecher

Stefan Heym © picture alliance / dpa / Porträtdienst
10.04.2013
Stefan Heym hat ein Leben lang geschrieben, gedichtet und sich eingemischt. Aus Anlass seines nun 100. Geburtstag hat der Bertelsmann Verlag seine frühen Gedichte noch einmal herausgebracht. Und in einem Erinnerungsband schreiben Weggefährten, Freunde und Prominente über ihre Begegnungen mit Heym.
Am 1. Februar 1930 erschien in der Chemnitzer "Volksstimme" das Gedicht "Nie wieder Krieg" des erst sechzehnjährigen Gymnasiasten Helmut Flieg, der als Stefan Heym berühmt werden sollte. Eineinhalb Jahre später veröffentlichte er mit "Exportgeschäft" ein weiteres Gedicht, in dem er die Deutschen als kriegstreibende Exporteure anklagt:

"Wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!
Hurra!"


Wegen dieses Gedichtes kam es zum politischen Eklat. Der Sohn aus einem einflussreichen jüdischen Elternhaus musste das Gymnasium verlassen und legte in Berlin das Abitur ab. Nach Hitlers Machtübernahme war er gezwungen, Deutschland zu verlassen. Zunächst ging er nach Prag, später nach Chicago. Um seine in Deutschland gebliebenen Eltern nicht zu gefährden, veröffentlichte er seit 1933 seine Texte unter dem Pseudonym Stefan Heym.

Annähernd 300 Gedichte hat er zwischen 1930 und 1936 geschrieben. Aus diesem Konvolut hat Inge Heym eine Auswahl getroffen. Mit dieser Ausgabe liegt nun erstmals ein Teil seines lyrischen Werks vor. Die Gedichte zeigen Heym als einen engagierten Autor, der sich gegen soziales Elend und militärische Aufrüstung wendet. Mit der Feder prangert er Zustände an, die nicht hinzunehmen sind.

Stefan Heym, der als Angehöriger der US-amerikanischen Truppen gegen Hitler kämpfte, blieb nach dem Ende des Krieges im Osten Deutschlands. Aber für einen faulen Frieden mit der DDR war Heym nicht zu haben. Als linker Sozialist war er einer der schärfsten Kritiker der DDR, und in Romanen wie "Fünf Tage im Juni" und "Collin" hat er gezeigt, was in dem Land nicht stimmte, in dem er lebte. Als unbequemer Widersprecher ergriff er das Wort und sagte, was versucht wurde zu verschweigen. Den Herrschenden in der DDR war er ein Dorn im Auge, und er blieb unbequem im wiedervereinten Land.

Zu recht hat deshalb Therese Hörnigk für den von ihr herausgegebenen Erinnerungsband zu Heyms 100. Geburtstag den Titel gewählt: "Ich habe mich immer eingemischt". Die mehr als vierzig Wortbeiträge, verfasst von Weggefährten, stammen u.a. von Egon Bahr, Gregor Gysi und Gerhard Schröder, den Schriftstellerkollegen Werner Heiduczek, Joochen Laabs und Peter Härtling, den Heym-Forschern Peter Hutchinson und Herbert Krämer, den bildenden Künstlern Klaus Staeck und Nuria Quevedo und den Schauspielern Annekathrin Bürger und Armin Mueller-Stahl. Die Beiträger zeigen Heym als einen selbstbewussten, aufrechten Mann, der ein "mutiger Citoyen" war, dessen Werk, so der Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich, neu gelesen werden sollte. Christoph Hein erinnert daran, dass kurz bevor Heym als Alterspräsident den 13. Bundestag eröffnen sollte, die Gauck-Behörde die Nachricht publik machte, Heym wäre IM gewesen. Es handelte sich um eine "Falschinformation", die wenig später zurückgenommen werden musste. Jener Behördenchef von damals, so Hein, wurde "nicht versetzt oder abgestraft. Er wurde stattdessen in das höchste Staatsamt gewählt."

Besprochen von Michael Opitz

Stefan Heym: Ich aber ging über die Grenze, Frühe Gedichte
Ausgewählt von Inge Heym
C. Bertelsmann, München 2013, 126 Seiten, 14,99 Euro

Ich habe mich immer eingemischt, Erinnerungen an Stefan Heym
Hrsg. v. Therese Hörnigk
Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2013, 174 Seiten, 18,95 Euro
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