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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.05.2011

Ein übervolles und rastloses Leben

Ausstellung zum Kleist-Jahr: Krise und Experiment

Von Stephanie von Oppen

Das Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (Grit Dreher)
Das Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (Grit Dreher)

Außer einer Tasse, die er seiner Verlobten einst schenkte, hat Heinrich von Kleist nichts hinterlassen. Die Doppelausstellung zum 200. Geburtstag des Schriftstellers versucht auf andere Art, sein Leben begreifbar zu machen.

Ein Farbfoto von einer alten Frau, die bettelnd auf dem Boden hockt, dazu ein Text aus "Das Bettelweib von Locarno" oder das Bild verzweifelter Menschen zwischen Trümmern nach dem jüngsten Erdbeben in Japan neben Passagen aus der Novelle "Das Erdbeben von Chili". "Katastrophen in der Literatur" heißt einer von 27 Themenräumen, die seit gestern im Berliner Teil der Kleist-Ausstellung im Ephraim-Palais zu sehen sind.

"Wir haben ja die besondere Situation bei Kleist, dass er selbst kaum etwas hinterlassen hat. Es gibt keinen Hausstand, keine Sammlung, es gibt einige Autografen, es gibt eine Tasse, die er seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge geschenkt hat, das ist kein reicher Objektbestand. Das, was wir als Kleists Reichtum haben sind, seine Texte."

Der Kurator Stefan Iglhaut hat die Doppel-Ausstellung "Krise und Experiment" gemeinsam mit dem Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger entwickelt. Mehr als 400 historische Objekte haben sie neben Briefen, Originalausgaben und Installationen in den Schauen in Frankfurt an der Oder und Berlin versammelt. Ein "Kleist-Phone" mit von verschiedenen Schauspielern gelesenen Zitaten des Schriftstellers sowie sehr lebendig geschriebene Erklärtexte in jedem Raum tragen zum Verständnis bei.

Weniger chronologisch als thematisch versuchen die Kuratoren das übervolle und rastlose 34 Jahre währende Leben Heinrich von Kleists sowie sein literarisches Werk begreifbar zu machen, den Sohn einer verarmten, preußischen Adelsfamilie in seiner Zeit zu verstehen, die von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war und auf der der Schatten der napoleonischen Kriege lag. Günter Blamberger:

"Als Militär hat er erstmal die Laufbahn begonnen, die ganz standesgemäß war, dann hat ihn dieses grausame Töten und Foltern wahrscheinlich traumatisiert. Er musste ja kämpfen als Kindersoldat. Er war im pfälzischen Krieg im hügeligen Gelände, da konnte man nur eins zu eins kämpfen."

Kleist war damals kaum 15 Jahre alt. In der Ausstellung zu sehen ist die weiß-rotblaue Uniform eines Winzlings, eine Ansammlung gekreuzter Schwerter, gestrenge preußische Offiziere in Öl kontrastiert mit Fotos von jungen Kämpfern im Zweiten Weltkrieg und heutigen Kindersoldaten. Kleist verlässt schließlich das Militär. Es beginnt ein Leben ständig wechselnder Lebensentwürfe. Ein Regal mit historischen Experimentierutensilien steht für sein Studium der Naturwissenschaften in Frankfurt an der Oder, das er wieder abbricht. Ein mit "Nomadismus" überschriebener Raum zeichnet Kleists viele Reisen nach. Kleists Auseinandersetzung mit Goethe ist dokumentiert, ebenso wie sein boulevard-journalistisches Projekt die "Berliner Abendblätter".

Sechs Schaufensterpuppen in grauen Designerkleidern repräsentieren die eher tragische Rolle der Frauen in Kleists Leben. Seine Schwester Ulrike, seine Verlobte Wilhelmine und seine letzte Geliebte Henriette sowie die von ihm geschaffenen Figuren Penthesilea, das Käthchen von Heilbronn und Alkmene aus Amphitryon. Dazu ertönen Zitate aus Briefen und Texten, die ein Nicht-Kleist-Spezialist wohl nur schwer zuordnen kann.

Im Themenraum "Männerliebe-Männerfreundschaften" zeigt ein schwarz-weiß Video sich liebende Männer am Strand, daneben einen der leidenschaftlichen Brief Kleists an seinen Freund Ernst von Pfuel. Das Dokument wäre auch ohne die filmische Inszenierung ausgekommen. Anders eine Collage aus Filmausschnitten, Fotografien und Zitaten zu Kleists vielleicht berühmtester literarischer Figur, Michael Kohlhaas. Kurator Stefan Iglhaut:

"Wir konfrontieren diese historische Erzählung und die Kleistsche Gedankenwelt mit heutigen Erfahrungswelten von Fanatikern, die terroristische Attacken vollziehen und zeigen, dass es eigentlich die gleiche Welt ist."

Während in Berlin eher zu viel Platz ist für das wenige Greifbare, das Kleist neben seinen Texten zurück gelassen hat, sind die Räumlichkeiten des zweiten Teils der Ausstellung in Frankfurt an der Oder sehr begrenzt. Wie gut also, dass in den nächsten Monaten neben der alten Garnisonsschule, in der das Kleist-Museum bisher residiert, ein Anbau entstehen wird. Zur Zeit stehen den Kuratoren fünf bescheidene Zimmer zur Verfügung. Hier findet sich zum Beispiel die berühmte Miniatur Kleists von Peter Friedel, dem einzigen Originalbild, das es von Kleist geben soll. Es ist in dichter Hängung umgeben von Kleistdarstellungen verschiedenster Künstler, der berühmteste unter ihnen wohl Max Slevogt, aus den letzten 200 Jahren.

"Wir wollten auf diese Vielfalt hinweisen und auf dieses viel perspektivische Bild, das wir heute von Kleist erhalten, weil sich so viele Künstler Gedanken gemacht haben, wie hat dieser Künstler, der in Friedels Porträt eher wie ein Kindskopf aussieht, wie kann sich der so grausame, starke Werke ausdenken, daran haben sich Künstler immer wieder abgearbeitet."

Im Kleist-Museum stehen die sozialen Netzwerke Kleists, seine freundschaftlichen und vor allem familiären Beziehungen in den Mittelpunkt. So findet sich dort auch die Familienbibel der von Kleist mit vielen handschriftlichen Einträgen. Eintrag zu Heinrich sucht man allerdings vergeblich. Bis heute ist der Ahne wegen der eigenwilligen Umstände seines Freitodes in der Familie von Kleist umstritten. Eine gelungene Inszenierung dieses Doppel-Suizids hat ein Schüler in einem Nachbargebäude des Kleist-Museums, in der so genannten "Kleist-WG" geschaffen: An zwei gegenüberliegenden Wänden hat er die Gesichter einer Frau und eines Mann in schwarz-weiß gesprüht - ein letztes Mal treffen sich deren Blicke, ein sehr eindringlicher Moment.

Linktipp:
Die Doppelausstellung findet in Berlin und Frankfurt (Oder) statt.

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