Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 21.10.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2008

Ein Sehnsuchtsort

Hans-Gerd Koch: "Kafka in Berlin", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008, 144 Seiten mit Fotos

Podcast abonnieren
Das Berlin des ersten Viertels des letzten Jahrhunderts wird wieder lebendig - der Potsdamer Platz, 1926. (AP Archiv)
Das Berlin des ersten Viertels des letzten Jahrhunderts wird wieder lebendig - der Potsdamer Platz, 1926. (AP Archiv)

Raus aus der Heimatstadt Prag. Rein ins Risiko. Der junge Franz Kafka will Schriftsteller in Berlin werden. Dort begegnet er seiner ersten Verlobten Felice Bauer. Er wird immer wiederkommen und doch nie Wurzeln schlagen. Der Kafka-Forscher Hans-Gerd Koch übersetzt die Turbulenzen, die der Autor hier erlebt, in ein fein ziseliertes Mosaik. Das schmale Bändchen mit vielen alten Fotos bringt einem die politische und kulturelle Großwetterlage ebenso nahe wie das Mikroklima.

Der Ort, in den man hineingeboren und zum kleinen Menschen wird, indem man sprechen, lesen, schreiben lernt, dann zum etwas größeren Menschen, indem man Grenzen und Autorität(en) erfahren und überleben lernt, dieser Ort ist naturgemäß immer auch verbunden mit Enge. Mag er auch eine noch so große, geschäftige Stadt sein. Ungetrübte Zuneigung kann man dafür kaum je empfinden. Hass-Liebe vielleicht. Erst recht, wenn in der Zeit, in der man dort groß wird, Autorität noch eine entschieden härtere Bedeutung hat und im Fall des eigenen Vaters eine besonders beklemmende obendrein.

Deshalb können neue Städte einen im Handstreich erobern. Manchmal wird daraus eine kometenschöne amour fou, manchmal eine lebenslange glückliche ménage à plusieurs. Auf jeden Fall lockt und berauscht die neue Stadt mit etwas, das keine Heimatstadt zu bieten hat: Freiheit. Die Freiheit zum Selbstentwurf, die Freiheit von alten Beklemmungen.

Berlin war für Leute von überallher zu allen Zeiten seiner kurzen Geschichte so eine neue Stadt, die einen einlädt, sich neu zu erfinden - wie Paris, London, New York. Bei Franz Kafka genügten acht Tage im Dezember 1910, und Berlin hatte ihm die Keime für eine Liebe einverleibt, der erst der Tod ein Ende setzte.

Prag ist Hass-Liebe, Berlin ist Sehnsuchtsort. Kein Ort für all die "Unerträglichkeiten", die an Prag kleben. Ein Ort zu atmen in vielerlei Hinsicht. "Schriftsteller in Berlin" will er werden. Raus aus dem verregelten Beamtendasein. Rein ins Risiko. Animiert - nicht zuletzt - von einer Frau, die diese unerhörte Freiheit verkörpert, Felice Bauer. 1912 trifft er sie bei Max Brod. Eine schöne junge Frau, die einen Beruf erlernt hat und ausübt und einfach so quer durch Europa reist, allein, "ohne männlichen Begleitschutz". So was verschlägt Prag buchstäblich den Atem. Franz Kafka dagegen spürt sofort den Sauerstoff und jagt ihm nach.

Am 22. März 1913 ist er zum zweiten Mal in Berlin. Er wird immer wiederkommen und doch nie Wurzeln schlagen. Das Hin und Her mit Felice, der Erste Weltkrieg, seine Krankheit und nicht zuletzt die Verklemmt- und Gehemmtheiten, mit denen "Prag, die Vaterstadt" ihn fesselt, verhindern, dass er nach Berlin geht. Das schafft er erst 1923, und wieder ist eine Frau im Spiel, Dora Diamant. Im September zieht er mit ihr zusammen. Er hat noch ein halbes Jahr zu leben.

Hans-Gerd Koch übersetzt die Turbulenzen dieses Teils von Kafkas Wirklichkeit in ein wunderschönes, fein ziseliertes Mosaik, öffnet immer wieder den Blick für verborgene oder ganz deutliche Bezüge zwischen dieser Wirklichkeit und Kafkas Werken und lässt das Berlin des ersten Viertels des letzten Jahrhunderts lebendig werden. Die Stadt der Tanzpaläste, der allein 30 Theater und Operettenhäuser, der Presse, der Künstlerzirkel und -cafés, die Stadt, in der die Moderne aus dem Asphalt dampft, technische Revolutionen neue Industrien und Wohnformen hervorbringen, Vegetarier (wie Kafka) 150 Lokale zur Auswahl haben, aber der Tango noch immer als obszön gilt.

Das schmale Bändchen mit vielen alten Fotos bringt einem die politische und kulturelle Großwetterlage ebenso nahe wie das Mikroklima. Koch ist Kafka-Forscher und -Editor und Autor mehrerer Bücher zu Kafka. Drögen Akademismus praktiziert er nirgends, sondern "fröhliche Wissenschaft" in Stil und Zugriff. Und sprachlich auf einer Wellenlänge mit seinem Objekt - klar, schnörkellos und auf eine Art heiter. Im Sinne der geheimnisvollen, verführerischen und noch immer viel zu oft ignorierten Kafkaschen Komik.

Rezensiert von Pieke Biermann

Hans-Gerd Koch, Kafka in Berlin,
144 Seiten (mit Fotos), Verlag Klaus Wagenbach, SALTO,
Berlin 2008, 15,90€

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Der BriefromanIrrwege der Literatur
Mit einem Federhalter wird auf einem Stück Papier geschrieben. (imago/imagebroker/theissen)

Das Briefeschreiben ist längst aus der Mode. Wer heute Nähe oder Flirt sucht, greift zur Maus, nicht zum Stift. Ist damit auch der Briefroman tot? Ein literarisches Genre mit wilder Blütezeit und zarter Renaissance.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur