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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.09.2010

"Ein Schatzkästlein geistiger und geistlicher Inhalte"

Chefredakteur des "Rheinischen Merkur" zum Verkauf der Wochenzeitung

Michael Rutz im Gespräch mit Britta Bürger

Der "Rheinische Merkur" soll verkauft werden (Rheinischer Merkur)
Der "Rheinische Merkur" soll verkauft werden (Rheinischer Merkur)

Die in Bonn erscheinende überregionale katholische Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" wird aufgelöst und in neuer Form als Beilage der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" erscheinen. Das neue Medium soll "diskursiven Charakter" haben und weiterhin gesellschaftspolitische Debatten anstoßen, betont Chefredakteur Michael Rutz.

Britta Bürger: Heute aus aktuellem Anlass mit erweitertem Fokus nicht nur mit Blick auf das "Feuilleton", sondern auf den gesamten "Rheinischen Merkur". Die in Bonn erscheinende überregionale katholische Wochenzeitung soll nämlich an die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" verkauft werden. Im Laufe des Tages wird die offizielle Mitteilung der katholischen Bischöfe erwartet, doch jetzt schon für uns am Telefon ist Michael Rutz, der Chefredakteur des "Rheinischen Merkur". Herr Rutz, ich grüße Sie!

Michael Rutz: Guten Morgen, Frau Bürger!

Bürger: Ist es für Sie bereits offiziell, wird der "Rheinische Merkur" an "Die Zeit" verkauft?

Rutz: Ja, wir wissen, dass das so entschieden ist. Das wird zunächst in einer Kooperation mit der "Zeit" bestehen, im nächsten Jahr wird eine Gruppe von Redakteuren eine Beilage für die "Zeit" produzieren, die dort "Rheinischer Merkur. Christ + Welt" heißen wird und die gewissermaßen ein Schatzkästlein geistiger und geistlicher Inhalte rund um das große Thema der Religionen, der Kulturauseinandersetzungen, auch der gesellschaftspolitischen Debatten sein soll. Und das ist aber dann doch, man muss es klar sagen, das Ende des selbstständigen "Rheinischen Merkur".

Bürger: Hatte sich diese Entscheidung schon länger angekündigt?

Rutz: Na ja, der "Rheinische Merkur" ist ja eigentlich so lange er existiert immer auch zuschussbedürftig gewesen. Wir haben diese Zuschüsse erheblich senken können – es waren am Schluss noch 2,5 Millionen –, also insofern war die Frage nie so sehr die Marktgängigkeit, sondern ist es dieses Geld uns als Deutsche Bischofskonferenz wert, diese publizistische Wirkung zu erzielen? Die publizistische Wirkung des "Rheinischen Merkur" war ja vielfältig, wir haben jede Woche 140.000 Leser erreicht, meistens Multiplikatoren der Gesellschaft. Unsere Redakteure saßen und sitzen in vielen Talkshows und sind Radiogesprächspartner und in Fernsehdebatten, und halten Vorträge und sitzen auf Podien in Akademien, immer mit dem Hintergrund, der uns als Aufgabe aufgegeben ist, nämlich eine politische Wochenzeitung zu machen aus christlichem Menschenbild heraus. Das haben die Leute auch vorzüglich gemacht und meine Kollegen sind teilweise preisgekrönte und immer hervorragende Journalisten, um die wir uns jetzt natürlich ein bisschen Sorgen machen.

Bürger: Das finanzielle Defizit ist vermutlich nicht der einzige Grund: Auf "SPIEGEL ONLINE" ist heute zu lesen, mit der Entscheidung sei der schwarze Block in der Bischofskonferenz an sein Ziel gelangt; die Zeitung erschien einigen Bischöfen schon seit Jahren als zu liberal und eigenständig. In welcher Form haben Sie denn Kritik zu spüren bekommen?

Rutz: Na ja, also es ist so, dass wir einen Auftrag haben. Der Auftrag ist festgeschrieben auch in unserem Gesellschaftsvertrag und der Auftrag lautet, eine Zeitung zu machen im Geiste, heißt es dort, der gleichberechtigten Zusammenarbeit beider Konfessionen. Das heißt das war ein großzügiges Angebot auch an die Ökumene der katholischen Bischofskonferenz, und zum anderen sollten wir immer eine Zeitung machen aus der Mitte der Gesellschaft und aus der Mitte der Kirche heraus. Dass das nicht immer den jeweiligen Flügeln gepasst hat, das erlebt man, das erlebt jede Zeitung, jedes Medium, die kriegen alle Leserbriefe von der einen oder der anderen Seite, so war es auch bei uns, und am Ende war es wahrscheinlich eine Summe von Dingen. Ich würde mal in den Vordergrund stellen dann doch eine nüchterne Betrachtung der Frage, kann man in einem schwieriger gewordenen Printmarkt ein solches Objekt in eine Zukunft führen, die gesichert ist? Wir stellen ja fest, dass im Printmarkt es immer schwieriger ist, an jüngere Leserschichten anzuknüpfen, und insofern mag da auch in der Bischofskonferenz mitgespielt haben die Erkenntnis, das können wir nicht. Also die inhaltlichen Kritiken haben wir gehabt, aber ich will es darauf nicht reduzieren.

Bürger: Aber müsste die katholische Kirche nicht gerade in diesen Zeiten die Fahne der Meinungsfreiheit besonders hochhalten? Das könnte Ihr Image, das ja sehr gelitten hat zuletzt durch den Missbrauchsskandal, das könnte Ihr Image doch nur verbessern?

Rutz: Also zunächst mal müsste die katholische Kirche in diesen Zeiten vor allem Kommunikation dieser Art hochhalten. Also der "Rheinische Merkur" war in der Kommunikationsvarianz der Kirche in dieser Palette da Flaggschiff und hat hier in die Gesellschaft hinein gewirkt. Wir waren das Forum, wo die wesentlichen Debatten auch stattfanden, das ist wichtig. Und insofern wird der "Rheinische Merkur" an dieser Stelle auch nicht ersetzbar sein. Was die Meinungsfreiheit betrifft, kann ich mich per saldo nicht beklagen über die letzten 16 Jahre, die ich nun hier bin, aber man muss ja auch sehen, dass die Bischofskonferenz in sich auch eine gewisse Varianz von Meinungen hat. Es gab viele Bischöfe, die also bis … die den "Rheinischen Merkur" außerordentlich schätzen, andere fanden ihn vielleicht zu liberal, das kann sein. Ich glaube aber nicht, dass das Fragen sind, die am Ende den Ausschlag gaben.

Bürger: Hat also die katholische Publizistik generell ein Problem, wird sie auch mehr und mehr ins Internet verlagert?

Rutz: So sieht es im Moment aus. Der Versuch, das zu substituieren, besteht darin, dass man das Internetengagement ausbaut. Das ist an sich ja auch nicht falsch, nur erzielt man da andere Wirkungen. Internet ist ein Holmedium, während die Printmedien Bringmedien sind, die landen auf dem Schreibtisch und man muss sich als Leser damit auseinandersetzen, was da steht. Und in der öffentlichen Wahrnehmung ist das Printmedium natürlich dem Internetmedium wesentlich voraus. Und insofern wird es auch nicht ersetzbar sein durch Onlinemedien.

Bürger: Sie haben es eingangs angedeutet, es wird eine Kooperation geben mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Sie werden dort eine eigene Beilage bekommen, die von einer Gruppe von Redakteuren gemacht werden wird. Ist das ja wahrscheinlich noch nicht die generelle Lösung für Ihr Personalproblem, wie viele Mitarbeiter sind denn betroffen und wie viele werden von der "Zeit" übernommen?

Rutz: Also insgesamt sind 47 Mitarbeiter betroffen bei uns im Hause, alles zusammen genommen, davon etwa 20 in der Redaktion. Und ich denke mal, dass diese "Zeit"-Lösung sechs oder sieben Redakteure erfordern wird. Ich kann heute noch nicht sagen, ob sich die Kollegen auch entscheiden dafür, dorthin mitzugehen. Ich werde sehen, wir werden in den nächsten Monaten gemeinsam mit der "Zeit" an diesem Konzept arbeiten und dann wird das auch in Verantwortung der "Zeit" im Übrigen dann erstellt werden.

Bürger: "Die Zeit" hat ja alles andere als den Ruf, kirchentreu zu sein, hat aber eben im Februar ein neues Ressort eingerichtet, "Glauben und Zweifel" ist es überschrieben. Ist das Profil, das bisherige Profil des "Rheinischen Merkur" damit überhaupt kompatibel?

Rutz: Also ich hab, ich lese "Die Zeit" wie Sie wahrscheinlich auch ja regelmäßig, also man findet dort schon auch ein breites Spektrum von Meinungen. Allerdings kann ich mir auch aus verlegerischem Aspekt vorstellen, dass es interessant ist, eine Gruppe von 50 Millionen eingeschriebenen Christen in Deutschland auch mit einem solchen Angebot zu bedienen, das etwas erweitert ist und nicht nur mit der Seite "Glauben und Zweifel" zu tun hat, sondern diese vielfältigen Themen, die in diesem Zusammenhang ja möglich sind, auch in einer eigenen erweiterten Beilage zur Verfügung zu stellen. Und so wird das sein und so könnte ich mir vorstellen, dass es auch unter den jetzigen "Zeit"-Lesern welche gibt, die sagen, ich möchte dann die Ausgabe der "Zeit" haben, die das enthält.

Bürger: Ist das Vorbild für diese Beilage so was wie "chrismon"? Weil die sind ja eigentlich damit ganz gut gefahren, als Beilage in eine Zeitung einzugehen. Aber es ist doch wohl sehr viel geschickter gemacht worden, oder?

Rutz: Na ja, ich will die Kollegen von "chrismon" hier in keiner Weise kritisieren oder deren Arbeit herabsetzen, das machen sie sehr gut. Das ist nur etwas ganz anderes, weil das erstens monatlich erscheint und zweitens sich eher aus der gesellschaftspolitischen Debatte, die auch zitierfähig wäre, heraushält. Im Falle dieser geplanten Beilage soll das anders sein. Also erstens eine wöchentliche Erscheinungsweise, und zweitens wird das auch diskursiven Charakter haben. Insofern ist es etwas anders von der Färbung her. Aber an dem Konzept muss erst noch gearbeitet werden.

Bürger: Ist das Problem, vor dem Sie stehen, möglicherweise systemimmanent, also kann es überhaupt eine Zeitung auf dem freien Markt geben, die die ungeteilte Zustimmung der Deutschen Bischofskonferenz findet?

Rutz: Ich glaube, eine solche Zeitung kann es überhaupt nicht geben. Also Sie werden keine Zeitung finden, die die ungeteilte Zustimmung der Leser in Deutschland findet, und auch in der Bischofskonferenz sitzen Menschen mit Überzeugungen, die bestimmte Positionen vertreten und die auch untereinander ja diskursiv behandeln, das ist so. Es gibt Bischöfe, die liberal sind, es gibt eher Konservative, und da wird um Positionen gerungen. Und das macht sich dort natürlich genau so bemerkbar und spiegelt sich dann auch auf uns in manchen Stellungnahmen, so wie sich auch aus der Leserschaft ganz unterschiedliche Haltungen uns gegenüber ergeben haben. Wir haben Leserbriefe und Abbestellungen bekommen, weil wir zu liberal sind, wir haben Leserbriefe und Abbestellungen bekommen, weil wir zu konservativ seien und zu kirchennah. Also irgendwo lagen wir da in der Mitte und ich glaube, wir haben da vieles auch richtig gemacht deswegen.

Bürger: Aber das Erzbistum Köln unter Kardinal Meisner hält den größten Anteil beim "Rheinischen Merkur". Gab es speziell mit ihm ihn der Vergangenheit Differenzen?

Rutz: Er hat sich hin und wieder gemeldet, aber das sind inhaltliche Fragen. Es haben sich auch andere Bischöfe gemeldet, wir haben das dann jeweils zur Kenntnis genommen und haben manchmal auch darüber gesprochen, aber hat uns nie eingeengt darin, dass er gesagt hat, bestimmte Haltung dürften wir nicht vertreten. Er hat uns seine Meinung gesagt gelegentlich, und das finde ich akzeptabel, das haben andere auch.

Bürger: Der "Rheinische Merkur", die in Bonn erscheinende katholische Wochenzeitung soll an "Die Zeit" verkauft werden. Wir haben die Hintergründe beleuchtet im Gespräch mit dem Chefredakteur Michael Rutz. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Rutz!

Rutz: Ja, gerne!

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