Ein Rückblick auf die Minimal Music

    Hypnotische Patterns

    58:32 Minuten
    Große Bälle pendeln auf einer Bühne, im Hintergrund einer Videoprojektion mit drei Spielern und den Ballschatten
    Terry Riley: Music With Balls (1969) © Ario Acton / Image courtesy of Terry Riley, the Estate of Arlo Acton and Parrasch Heijnen, Los Angeles, CA
    Von Thomas Groetz · 23.03.2021
    Einst hat die Minimal Music starke Akzente gesetzt. Das Publikum liebte die Wiederholungsmuster mit Phasenverschiebungen auf weitgehend tonalen Harmonieverläufen, die dazu animierten, sich meditativer Versenkung hinzugeben.
    Die große Aufmerksamkeit, die der amerikanischen Minimal Music ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zuteil wurde, ist nicht ohne die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit erklärbar.
    Minimal Music wurde als bewusstes Gegenmodell zu der als überkomplex empfundenen seriellen Musik wahrgenommen, und wies damit mögliche Einflüsse der europäischen Kompositionspraktiken der Nachkriegszeit zurück. Gleichmäßige Rhythmen sowie einfache, auf Nachvollziehbarkeit angelegte Pattern-Strukturen zogen ein neues und auch jüngeres Publikum in die Konzertsäle. Das Potential der Minimal Music, dem Hörer mittels scheinbar ewig wiederkehrender Pulse tranceartige Erlebnisse zu verschaffen, spiegelte die Entrückungssehnsüchte der Hippie-Generation.
    Neu war zudem, dass Komponisten wie La Monte Young, Terry Riley und Steve Reich entweder allein, als Composer-Perfomer oder mit Spezialensembles auftraten, die ihre Musik exklusiv zur Aufführung brachten.
    Darüber hinaus ist die Minimal Music ein Crossover-Phänomen. Für ihre Genese spielten neben der Inanspruchnahme erweiterter Zeitvorstellungen der Nachkriegs-Avantgarde Anleihen aus der Musik Afrikas, Indonesiens und Indiens eine Rolle.

    Fokussierung auf das Hier und Jetzt

    Zugleich bestehen Querverbindungen zwischen Minimal Music und den bildenden Künsten. Der Begriff Minimal Music wurde von der zeitgleich bzw. kurz zuvor entstandenen Minimal Art abgeleitet. Gemeinsam ist beiden Phänomenen nicht nur der Umgang mit reduziertem Vokabular und mit einfach erscheinenden Ordnungsprinzipien, sondern auch eine Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Durch den bewussten Nachvollzug unmerklicher Veränderungen im Rahmen eines gleichbleibenden Settings kann die Wahrnehmung geschärft und gesteigert werden.
    In den 1980er Jahren fand die Minimal Music noch in verschiedenen Ländern Europas eine Fortsetzung, verschwand aber dann sukzessive aus den Konzertsälen. Obwohl in den USA Philip Glass und Steve Reich zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten gezählt werden und das Genre der Drone Music Mitte der 1990er Jahre Minimal-Pioniere La Monte Young und Tony Conrad in Erinnerung brachte, erweist sich die Minimal Music heute als historisches Phänomen.

    Hypnotische Patterns
    Ein Rückblick auf die Minimal Music
    Von Thomas Groetz

    Sprecher: Frank Arnold, Markus Hoffman
    Produktion: Dlf Kultur 2021

    Mehr zum Thema