Ein Roman übers Mobbing

Zwei der vier Kolleginnen erhalten eines Tages eine Morddrohung per Mail. © Stock.XCHNG / Linden Laserna
Rezensiert von Peter Urban-Halle · 22.06.2006
In seinem Heimatland Dänemark ist offenbar nur darauf gewartet worden. "Ausnahme" von Christian Jungersen stand monatelang an der Spitze der Charts. Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, die sich in einem fiktiven "Dänischen Zentrum für Information über Völkermord" gegenseitig das Leben zur Hölle machen.
Christian Jungersen hat den Roman zum Mobbing geschrieben, in seinem Heimatland Dänemark ist offenbar nur darauf gewartet worden: "Ausnahme" stand monatelang an der Spitze der Charts. Vielleicht auch, weil der Autor gekonnt die Klischees unterläuft: dass zum Beispiel ganz Dänemark gut ist und jede Frau freundlich.

Vier Frauen, Iben, Malene, Anne-Lise und Camilla, arbeiten im (fiktiven) "Dänischen Zentrum für Information über Völkermord". Zunächst stehen zwei von ihnen im Mittelpunkt: die einsame junge Iben, die gerade ein Geiseldrama in Afrika überlebt hat, und ihre schöne, leider an Gelenkrheumatismus leidende Freundin Malene, die in einer kriselnden Zweierbeziehung lebt und die Iben den Job verschafft hat. Diese beiden erhalten eines Tages eine Morddrohung per Mail – was die ganze Maschinerie in Gang setzt: Wer kann es gewesen sein? Wie ernst soll man die Sache nehmen? Ist es vielleicht ein Racheakt?

Immerhin forschen und schreiben sie ständig über Kriegsverbrecher und Völkermörder, die sich dann plötzlich bloßgestellt sehen. Als sie damit nicht weiterkommen, richtet sich ihr Verdacht auf die nächste Umgebung. Wieso ist die Neue eigentlich so komisch, diese Anne-Lise? Und was hatte die Sekretärin Camilla für einen Freund? Ausgerechnet diese vier politisch superkorrekten Frauen, die doch wissen müssten, was das Böse ist, machen sich jetzt gegenseitig das Leben zur Hölle.

Jungersen, 1962 in Kopenhagen geboren – Debüt 1999, "Ausnahme" ist sein zweiter Roman, beide wurden mit zahlreichen Preisen bedacht –, beschreibt psychologisch einsichtig die ganze Unbill, die unsere Dienstleistungs- und Verwaltungsgesellschaft bereithält, sei es die Angst vor Abwicklung und Rationalisierung, seien es Eifersuchtsdramen und Liebesintrigen, seien es Konkurrenzspielchen und Erfolgsneid – all das legt sich wie ein klebriges Gespinst über das tägliche Dasein normaler Angestellter.

Und er offenbart uns die seelischen Abgründe des Mobbings: wie die Gemobbten selbst Rachephantasien entwickeln, wie die Mobber in diesem Teufelskreis sogar kriminell werden, das führt er uns ausführlich und plausibel vor. Fast vergisst man darüber den Ursprung der Geschichte, die Morddrohungen ...

Literarisch gesehen ist Jungersens Spannungsroman nicht halb so großartig. Die trockene Büroluft färbt eben doch ab. Fast 700 Seiten im Präsens, das ist schwer erträglich und führt regelmäßig zu steifleinenen Regieanweisungen, etwa so: "Iben ist bei ihrer besten Freundin Malene". Eine interessante, psychologisch zwingende, meist auch spannende Story, erzählt in einer unbedarften, absolut poesiefreien Prosa, das ist schon schade. Aber aus Neugier – wie geht es weiter? – liest man das Buch wahrscheinlich zu Ende.

Christian Jungersen: Ausnahme. Roman.
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg.
Piper Verlag, München 2006. 667 Seiten, 23,90 €