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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 13.09.2013

Ein Ritual von Reue und Vergebung

Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur

Von Evelyn Bartolmai

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Ein jüdisches Gebetsbuch in der Synagoge (picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert)
Ein jüdisches Gebetsbuch in der Synagoge (picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert)

Mit der Abenddämmerung am Freitag beginnt nicht einfach nur der wöchentliche Ruhetag Schabbat, sondern auch Jom Kippur. Dieser Schabbat Schabbaton, wie er auch genannt wird, ist jedoch alles andere als ein gemütlicher Ruhetag.

Zehn Tage ist es her, seit mit dem Ton des Widderhorns zu Rosch HaSchana nicht nur Juden, sondern alle Menschen vor den göttlichen Richter gerufen wurden und ein Urteil für ihre Taten erhalten haben. Zweimal fünf Tage lang gab es Gelegenheit, den eigenen Lebenswandel zu überdenken und zu bereuen. Heute nun beginnt der Tag, von dem es in der Thora heißt: "am Zehnten des siebten Monats sollt ihr euch kasteien und vor dem Ewigen sühnen".

Ein strenger Fastentag ist dieser Jom Kippur, und hart nicht nur wegen seiner Dauer. "Von Abend zu Abend", wie es die Thora gebietet, fünf mal fünf Stunden, wie es die Weisen präzisiert haben. Und mit Verboten, die weit über das hinausgehen, was man gewöhnlich unter "Fasten" versteht.

Fünf Dinge insgesamt sind am Jom Kippur verboten: zuallererst natürlich essen und trinken, aber auch Dinge wie baden und sich cremen, Lederschuhe zu tragen und schließlich auch das Liebesspiel. All dies sind Dinge, die Spaß machen und angenehm für den Körper sind, sagt Gemeinderabbiner Shimon Moyal aus dem israelischen Alfei Menashe, und so beginnt die von der Thora geforderte Buße und Sühne auch mit einem allumfassenden Verzicht.

"Der Körper begeht die Übertretungen, nicht die Seele, deshalb muss auch der Köper bezahlen und büßen. Dafür gibt es zwar bekanntlich auch eine symbolische Zeremonie, dass wir einen Hahn schlachten und Geld für Wohltätigkeit geben, aber trotzdem bleibt dem Menschen die Aufgabe, auch physisch zu büßen. Das ist der Sinn des Fastens, auf fünf Annehmlichkeiten zu verzichten, denn das sind alles Sinnesfreuden, und darauf zu verzichten ist die Sühne. Ohne Essen, Trinken, Duschen usw. ist dein Körper nichts, je mehr Annehmlichkeiten wir dem Körper also versagen, desto mehr strafen wir ihn auch."

Nicht essen und nicht trinken leuchtet ein, nicht in einem Pool zu plätschern oder in Creme-Düften zu schwelgen ebenfalls – aber warum darf man keine Lederschuhe tragen? Rabbinerin Judith Edelman-Green von der liberalen Synagogengemeinde Hod VeHadar in Kfar Saba verweist auf die kleine Episode, als Moses vor dem brennenden Dornbusch in der Wüste stand:

"Gott sagt zu Moses, als er ihm das erste Mal persönlich im brennenden Dornbusch von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, ´ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist ein heiliger Boden.` Es ist also ein Zeichen der Heiligkeit, die Schuhe auszuziehen und so, wie man geboren wird, also barfuß, vor Gott zu erscheinen."

Man könnte es allerdings auch als eine Form der Selbstgeißelung bezeichnen, schmunzelt Rabbi Moyal und demonstriert auch akustisch recht anschaulich, warum wir zu Jom Kippur in Gummilatschen und nicht in Lederschuhen herumlaufen sollen:

"Um die Steine zu fühlen, die auf dem Weg liegen, deshalb müssen wir in Gummischuhen laufen! Wenn man auf einer Ledersohle läuft, ist das kein Problem, man spürt die Steinchen nicht, aber mit Gummischuhen, auwei-auwei, es tut weh und wir spüren die Qual. Man trägt übrigens auch keinen Gürtel und muss ständig die Hosen festhalten und hochziehen, denn auch der Gürtel ist ja aus Leder."

Nicht überall auf der Welt ist das Wetter zu Jom Kippur noch so angenehm wie in Israel, wo man ohne gesundheitlichen Schaden immer noch Flipflops tragen kann. In Gegenden, in denen es am Versöhnungstag bereits nass und kalt ist und man schlecht auf festes Lederschuhwerk verzichten kann, hat es sich daher eingebürgert, ein wenig Sand in die Schuhe zu füllen. Damit ist einerseits die Pflicht zur Kasteiung erfüllt, andererseits auch dem Verzicht auf Bequemlichkeit entsprochen.

"Heutzutage dreht sich ja alles um Bequemlichkeit. Dass der Computer schnell ist, dass wir Handys haben, Skype und Twitter, alles muss sofort und leicht sein. Zu Jom Kippur aber ist genau das Gegenteil angesagt, gegen die Gewohnheit der Modernisierung, dass alles bequem und leicht ist. Wir machen bewusst etwas, das nicht leicht ist. Denn wir sollen ja an ganz was anderes denken als an die Befriedigung unserer Bedürfnisse."

An die fünf Bücher der Thora zum Beispiel soll der Mensch denken, denn darin stehen die Gesetze, nach denen man leben soll. Deshalb gibt es auch fünf und nicht nur drei Verbote. Und deshalb unterteilt sich auch der Gottesdienst zu Jom Kippur nicht nur in drei, sondern in fünf Gebetsordnungen. Diese beginnen am Abend mit dem Kol Nidrei, was auf Deutsch "alle Gelübde" oder "alle Schwüre" heißt. In diesem Gebet werden alle Versprechungen, die man leichtfertig gegeben hat, widerrufen.

Seine historischen Wurzeln hat dieses Gebet in der Verfolgung der Juden vor allem zur Zeit der spanischen Inquisition im Mittelalter. Bis heute hat es sich erhalten, denn es erinnert daran, dass der Mensch, bevor er Gott darum bitten darf, die Sünden zu vergeben, erst das Verhältnis zu seinem Nächsten in Ordnung bringen, sich also mit diesem versöhnen muss. Das erfordert Nachdenken, Selbstkritik und natürlich auch Ehrlichkeit, sagt Rabbiner Moyal:

"Ich muss bekennen, dass ich vielen Leuten Unrecht getan habe, und dafür bitte ich um Verzeihung. Das mache ich aufrichtigen Herzens, denn so will es der Allmächtige. Er will, dass einer dem anderen verzeiht. Die zehn Gebote sind ja nicht nur für mich und für dich, die sind für uns alle, damit wir einander wohl gesonnen sind und nicht so reden und anders handeln. Es geht um Respekt und Achtung, um echte Liebe und nicht nur Lippenbekenntnisse, denn diese helfen nicht beim Versöhnungstag. Das Judentum betont diese wichtigen Dinge, damit der Mensch dem anderen wirklich ein Freund und Gefährte sei."

Mit einer Zugfahrt vergleicht Rabbiner Moyal das Ritual von Reue und Vergebung, das zum Jom Kippur seinen Höhepunkt findet: jeder kennt es im Voraus, und dennoch ist es immer wieder neu. Die Gleise sind immer dieselben, eine Zeit lang auch die Reisenden, und doch bietet jede Fahrt etwas Neues. So auch der Versöhnungstag: das Ritual ist uralt, und dient doch immer wieder der Erneuerung.

"Man muss auch nicht religiös sein, um Reue zu empfinden und umzukehren. Ein jüdischer Mensch soll ´der ganzen Welt ein Lich` sein: in seinem Verhalten, in seiner Nächstenliebe gegenüber allen Menschen, egal welcher Religion, Nationalität oder Hautfarbe - er muss alle lieben, denn alle sind Geschöpfe des Einen Schöpfers. Und so beten wir in diesen Tagen bis zum Jom Kippur auch noch intensiver: für uns, für unsere Frau und die Kinder, für das ganze Haus, die Nachbarschaft, die Stadt, das ganze Land und schließlich für die ganze Welt. Das ist Jom Kippur, und so schließt sich dann auch der Kreis."

Fünf Verbote am Versöhnungstag, die die fünf Sinne des Menschen betreffen und auf die fünf Bücher des göttlichen Gesetzes verweisen. Immer wieder begegnet uns die Zahl fünf, die in der jüdischen Tradition als "mispar schalem", eine "vollkommene Zahl" gilt. Zu dieser Gruppe gehören auch die drei und die sieben, oder die zehn und die 40, die alle eine ganz bestimmte Bedeutung haben: es gibt drei Stammväter, der siebte Tag ist heilig, zehn Gebote Gottes, 40 Jahre Wüstenwanderung. Die Fünf ist bedeutsam, weil sie die höchste Form der Erlösung, die Rückkehr in das Land Israel, symbolisiert.

Und so will es denn die Tradition, dass am fünf mal fünf Stunden langen Versöhnungstag im Himmel fünf Tore geöffnet und wirklich bis zum letzten Moment offen gehalten werden, damit auch der allerletzte reuige Sünder noch eine Chance zur Umkehr hat. Wie die symbolischen drei Bücher, die zu Rosch HaSchana geöffnet und in die alle Menschen je nach ihren Verdiensten oder Verfehlungen eingetragen werden, so sind auch die fünf himmlischen Tore ein philosophisches Bild für den Sinn des Jom Kippur.

"Sie haben keine besonderen Namen, aber im Gebet sprechen wir von den ´Toren des Himmels`, ´des Gebetes`, ´der Rückkehr` und natürlich auch von den Toren, die am Ende des Tages geschlossen werden. Gemeint ist, dass sich die Tore des Herzens und der Seele öffnen. Dass wir eben nicht an das nächste Abendessen, an Sandwich und Toast und die Schnitzel für die Kinder denken – nein, der ganze Tag gilt den offenen Toren auf der geistigen Ebene, was einen auch weit über das hinausführt, was man selbst bislang gedacht hat. An den innersten, heiligsten Ort. Dieser Gedanke zieht sich durch alle fünf Gebetsordnungen, so dass man durchaus von fünf Toren sprechen kann, die da geöffnet werden. Bis wir schließlich zum letzten Tor von Ne’ila kommen und noch einmal sagen: ´Öffne uns das Tor zu der Zeit, da das Tor geschlossen wird`."

So wie die Tage der Umkehr zu Rosch HaSchana mit einem Schofarton begonnen haben, so werden sie zu Jom Kippur auch mit einem letzten Ruf des Widderhorns beschlossen. Mit der so genannten Tekiya gdola, dem "großen Ton", am Ende des Versöhnungstages.

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