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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2013

Ein respektabler Talentbeweis

Ismet Prcic: „Scherben“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 442 Seiten

"Scherben" ist der Titel von Prcics erstem Roman. (Stock.XCHNG / Brano Hudak)
"Scherben" ist der Titel von Prcics erstem Roman. (Stock.XCHNG / Brano Hudak)

"Scherben" ist das Erstlingswerk des bosnischen Autors Ismet Prcic über eine jahrelange Flucht. Geschickt verknüpft er Fiktion mit seiner Autobiografie und nutzt dabei auffällig viele Elemente des postmodernen Erzählens wie verschiedene Schriftarten. Allerdings: Vieles in seinem Roman bleibt seltsam unklar.

Das geht nicht gut aus. "Scherben", das Debüt des 1977 in Bosnien geborenen und 1996 in die USA emigrierten Ismet Prcić, besteht aus drei Teilen, deren erster, "Notizbuch eins: Die Flucht", mit dem Vermerk versehen ist, es sei an einen gewissen Eric Carlson geschickt worden. Das zweite, kürzere Notizbuch ist nur noch "hinterlassen" worden und das dritte wurde von der Polizei im Auto von Ismet Prcić gefunden, neben seinem Testament.

Ismet Prcić erzählt in "Scherben" von einer Flucht aus dem bosnischen Tuzla während der jugoslawischen Kriege in die USA, die tragisch scheitert.

Ismet Prcić heißt auch die Hauptperson seines Buches. Er lebt, wie den wenigen, meist ein- bis zweiseitigen Aufzeichnungen zwischen 1998 und 2003 zu entnehmen ist, zwei Jahre bei einem Onkel im südlichen Kalifornien, dann bei wechselnden Bekannten und zieht schließlich obdachlos umher. Zwischen den zunehmend verzweifelten Notaten erzählt Ismet, in Nordamerika Izzy genannt, auf Anraten eines Psychologen die Geschichte seiner Kindheit und Jugend.

Die erste Flucht vor dem Krieg zu Verwandten in Kroatien unternimmt die Familie gemeinsam, kehrt aber bald zurück. Dann flieht Ismet allein: Mit einer Schultheatergruppe gelangt er über Edinburgh und Zagreb in die USA. Gerettet quälen ihn Schuldgefühle, weil er die Familie, insbesondere die psychisch labile Mutter, und seine ersten Lieben in Tuzla wie in Edinburgh verlassen hat.

Die frühen Erlebnisse seiner Hauptfigur erzählt Prcić knapp und anekdotisch, ab 1990 werden die Geschichten ausführlicher. Überraschend taucht eine zweite Hauptfigur auf. Ob Mustafa Nalić wirklich Ismets Cousin ist, wie es einmal heißt, bleibt unklar.

In einer Spezialeinheit der schlecht ausgerüsteten bosnischen Armee erlebt Mustafa furchtbare Metzeleien mit Serben. Nach schweren Verletzungen erhält er im Krankenhaus Besuch von Ismets Mutter, die ihn für ihren Sohn hält. Der genesene Mustafa kümmert sich um die psychisch Kranke.

Diese Parallelerzählung ist ein Glücksfall für den Roman. Sie durchbricht stets überraschend die Erlebnisse Ismets und erlaubt Prcić, Exil und Krieg zu schildern. Und sie ist ein Glücksfall für Ismet, der vom Psychologen ermuntert wird, auch Erfundenem zu trauen: Der offenbar fiktive Mustafa hilft ihm, mit den Schuldgefühlen umzugehen.

Als Ismet zufällig auf die Familienfeier eines radikalen, gewalttätigen Serben gerät, zeigt sich allerdings, wie begrenzt die Kraft der Narration ist: Ismet behauptet, im Krieg getötet zu haben, lässt aber offen, ob Serben oder Bosnier.

Der Roman nutzt auffällig viele Möglichkeiten postmodernen Erzählens. Er besitzt zwei Schriftarten, eingerückte und kursive Passagen, eine leere Seite, auf der ein Satz auf dem Kopf steht. Wechselnde Schriftgrößen des Wortes "Wumm" zeigen die Lautstärke explodierender Granaten an. Offenbar stand Mark Danielewskis Roman "Das Haus" Pate.

Dabei schreibt Prcić leserfreundlich: Die Geschichten-"Scherben" folgen meist chronologisch aufeinander. Typographie und Montage werden plakativ eingesetzt. Sie erweitern den Sinn nicht, sie vereindeutigen ihn. Der effektsicher erzählte, autobiographische Roman hat etwas Überdeutliches. Umso mehr fällt auf, dass Ismets Leben in den USA blass bleibt. Dennoch: "Scherben" ist ein respektabler Talentbeweis.

Besprochen von Jörg Plath

Ismet Prcić: "Scherben"
Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
442 Seiten, 21,95 Euro

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