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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.07.2012

Ein Quell antijüdischer und antimoslemischer Imaginationen

Die Beschneidungsdebatte hat eine Geschichte der Pflege kultureller Vorurteile

Von Klaus Hödl

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Auch unter medizinischer Aufsicht - Beschneidungen sind umstritten. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Auch unter medizinischer Aufsicht - Beschneidungen sind umstritten. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

In der Debatte um den Ritus der Beschneidung von Jungen sind viele Argumentationswege des Pro und Contra schwer ausgetreten. Denn in der Geschichte haben ganz unterschiedliche Gruppen versucht, den ihnen gerade genehmen Argumenten das Gewicht des Faktischen zu geben.

Deutschland mag für Außenstehende, zu denen ich mich als Österreicher ebenso zähle, bisweilen recht bizarr erscheinen. Dazu trägt nicht zuletzt die gegenwärtige Diskussion über die Beschneidung bei, die sich zunehmend in verschiedene Debatten aufspaltet. Teilweise haben sie sich von ihrem Ausgangspunkt, einem Urteil des Landgerichts Köln, gelöst und nicht zuletzt durch Talkshows und die Boulevard-Presse einen stark pornographischen Charakter erhalten.

Im Mittelpunkt stehen nicht mehr Themen wie das Kindeswohl, die körperliche Unversehrtheit oder die angemessene Durchführung eines religiösen Ritus, sondern Aspekte der sexuellen Performanz: "Können Beschnittene länger?" oder "Sind Unbeschnittene leichter erregbar?" sind einige der Fragen, die die deutsche Bevölkerung im Sommer 2012 mehr zu bewegen und zu interessieren scheinen als drängende tagespolitische Themen wie die Gewalt in Syrien oder die Euro-Krise.

Dass in diesem Zusammenhang häufig auf Stellungnahmen von Medizinern zurückgegriffen wird, verleiht der Kontroverse sogar einen wissenschaftlichen Anklang.

Daneben gibt es natürlich auch seriös geführte Diskussionen. In deren Rahmen geht es um religiöse, juristische, hygienische und politische Aspekte. Im Wesentlichen laufen sie auf zwei Fragen hinaus, die von der Politik klar und eindeutig beantwortet werden müssen und wodurch die Beschneidungsdebatte letztlich auch entschieden werden wird. Sie lauten: "Welcher Freiraum gebührt der Religion in einer säkular ausgerichteten Gesellschaft bzw. in Deutschland?" Und: "Wie kann sich jüdisches Leben in Deutschland entfalten?"

Ärzte melden sich in der gegenwärtigen Kontroverse besonders häufig zu Wort. Sie werden aber, so meine ich, kaum helfen, die wirklich relevanten und umstrittenen Punkte der Debatte zu klären. Und das nicht nur, weil Fragen der religiösen Toleranz oder kulturellen Verfasstheit der Gesellschaft nicht in die berufliche Zuständigkeit der Mediziner fallen, sondern weil ein großer Teil von ihnen bereits seit mehr als 200 Jahren vergeblich versucht hat, den religiösen Ritus der Beschneidung zu unterbinden.

Ihre Stellungnahmen haben sich vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart jedoch kaum verändert. Und diese sogenannte 'argumentative Stagnation' spricht wahrlich nicht für die Kompetenz der Ärzte, gesellschaftspolitische Themen zu beeinflussen.

Was Mediziner jedoch, gewollt oder ungewollt, mit ihren Wortmeldungen zur Zirkumzision getan haben, lässt sich als "Verwissenschaftlichung der Judenfeindschaft" bezeichnen. Chirurgen haben Probleme bei der Durchführung des religiösen Ritus der Beschneidung entweder mit der "Natur" der Juden oder deren kulturellen Eigenheiten in Verbindung gebracht.

Dabei haben sie verbreitete Vorstellungen, Juden seien primitiv, schmutzig, sexuell pervers und krank, gestärkt und gleichsam auf eine "rationale", wissenschaftliche Basis gestellt. Ärzte sahen in der Beschneidung eine Ursache für die Verbreitung von Syphilis, Tuberkulose, Diphtherie und anderen Leiden bei den Juden und stellten einen Zusammenhang zwischen ihrer angeblich übermäßig ausgeprägten Libido und der Zirkumzision her.

Und das alles galt als Expertenmeinung und dadurch nicht wirklich hinterfragenswürdig, kam jedenfalls nicht in den Verdacht, ein Vorurteil zu sein.

Ich frage mich, wie am Ende der gegenwärtigen Beschneidungsdebatte das gesellschaftlich verbreitete Bild von den Moslems oder Juden aussehen wird. Hat sich in der Zwischenzeit, an den Stammtischen oder in verschiedenen Chatforen, nicht schon längst die Ansicht durchgesetzt, dass Beschnittene beim Koitus länger bis zur Ejakulation benötigen und dass sie für Frauen bessere Sexualpartner darstellen als die nicht-jüdischen und nicht-moslemischen deutschen Männer?

Glauben viele Deutsche nicht jetzt schon, dass Juden und Moslems sexuell "irgendwie anders" seien?

Klaus Hödl (privat)Klaus Hödl (privat)Klaus Hödl ist Historiker am Centrum für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz, dessen Gründungsdirektor er von 2001 bis 2007 war und er ist Autor von fünf Monographien über osteuropäische Juden, Bilder des jüdischen Körpers und jüdische Geschichtsschreibung. Das sechste Buch über Juden in Deutschland im 19. Und 20. Jahrhundert erscheint im September 2012 im Paderborner Verlag Ferdinand Schöningh mit dem Titel "Kultur und Gedächtnis".

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