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Musikfeuilleton | Beitrag vom 18.11.2018

Ein Portrait des Pianisten Marian Migdal „Er hat sein Leben wirklich gelebt"

Von Isabel Herzfeld

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Der Pianist Marian Migdal  (http://www.marianmigdal.de / privat)
Der Pianist Marian Migdal (http://www.marianmigdal.de / privat)

Er war ein junger Pianist, dem alles zuflog: Marian Migdal. Doch nach einigen Jahren der internationalen Karriere als Solo-Pianist entschied er sich, seinem Leben eine andere Richtung zu geben. Fast 30 Jahre lang wirkte er in Hamburg als hochgeschätzter Klavier-Professor.

Marian Migdal wurde 1948 in Legnica, dem früheren Liegnitz, als Kind jüdischer Eltern geboren. Vor antisemitischen Übergriffen auch nach Kriegsende flüchtete die Familie 1964 nach Schweden. Dort setzte Marian Migdal seine in Warschau begonnenen Studien bei Hans Leygraf und Sergiu Celibidache fort. Konzertangebote enthielten viel skandinavische Musik, und so feierte der junge Migdal seine ersten Erfolge mit den spätromantischen Klavierkonzerten von Adolf Wiklund und Wilhelm Stenhammar. 

Den jungen Marian Migdal hielt es nicht in Schweden, er ging nach Köln zu Bruno Seidlhofer, dem Lehrer von Martha Argerich und Friedrich Gulda, von dort an die Juilliard School New York. Seine Lehrerin russischer Abstammung, die hochbetagte Ania Dorfmann vermittelte ihm die Bekanntschaft mit Vladimir Horowitz. Solche Koryphäen konnte man damals in Deutschland nicht treffen.

Ungeheuer inspirierend war auch das Erlebnis der nie zuvor gekannten Qualität etwa des New York Philharmonic Orchestra mit seinen Chefs George Szell und Pierre Boulez oder der Metropolitan Opera. Sie wurden Migdals eigentliche Lehrmeister.  

Vier Jahre blieb Migdal in New York, erhielt höchste Auszeichnungen seines Instituts und gewann den Internationalen Schumann-Wettbewerb. Zuvor hatte er schon in München den 1. Preis im ARD-Wettbewerb erhalten.

Seine Karriere nahm nun Fahrt auf. Er konzertierte mit den wichtigsten Orchestern unter bedeutenden Dirigenten wie Yuri Aronovich, Moshe Atzmon und Charles Dutoit. Er bereiste Europa, die USA und Asien und begann eine rege Aufnahmetätigkeit, meistens für die EMI Electrola.

Nach kurzer Lehrtätigkeit in Berlin hatte er eine Professur an der Hamburger Musikhochschule inne. Fast dreißig Jahre lang war er unermüdlicher Mentor und freundschaftlicher Ratgeber unzähliger Studenten, suchte für alle Probleme nach individuellen Lösungen. Stets hatte er da den ganzen Menschen im Auge, nicht nur den angehenden Pianisten.

Am 11. November wäre er 70 Jahre alt geworden.

Zu hören sind Äußerungen des Pianisten Marian Migdal, seiner Ehefrau, der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ulrike Migdal, seiner Tochter, der Geigerin Liv Migdal und eines von Migdals späten Schülern, Daniel Gerzenberg.

Marian Migdal:
"Das war eine sehr interessante Zeit, man hört wahnsinnig viel Musik, und zwar nicht nur Klavier. Für jemanden, der Klavier studiert, finde ich die Klaviermusik am wenigsten interessant, also man lernt sehr viel von Orchesterproben und Kammermusikproben. Die Konkurrenz ist wahnsinnig groß, man hört sehr viel gute Musik, das ist das, was einen so anspornt, vielleicht noch besser zu werden."

Ulrike Migdal:   
"Er war eigentlich, wie manche Freunde sagten, ein Spieltier. Nicht nur als Musiker hat ihn da alles interessiert, was er da unter die Finger bekam, sondern eben auch Apparate, das Innere von Computern, die ganzen Innereien von allen möglichen Geräten; er schraubte alles auseinander und komponierte es wieder zusammen, also – Spiel war eigentlich sein Lebenselixier. Da war er in seinem Element. Und ganz wichtig war dabei eben auch sein Witz, also Marian hatte immer eine besondere Ader für Humor. Er nahm alles mit Humor, und das Interessante eben: es gab nicht dieses sich für die Musik zu opfern, ganze Tage sich einzuschließen mit Vorbereitungen für Konzerte – das Leben spielte immer rein!"

Daniel Gerzenberg:
"Wir haben sehr viel diskutiert. Es gab Stunden,  in denen ich gar nicht gespielt habe, wo ich gekommen bin und wir uns nur unterhalten haben. Und das war für mich sehr schön, weil er gespürt hat, dass ich eben andere Seiten habe, die mir vielleicht gleich wichtig sind wie Klavierspielen, was bei mir eben in dem Fall die Literatur ist, und da hat er mir immer wahnsinnig Verständnis entgegengebracht. Das einzige, was er mir immer gesagt hat, ist, dass es wichtig ist, dass ich bei so vielen verschiedenen Interessen nicht den Faden verliere und mich zerstreue, weil ich mich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren kann, aber er hat mich in meinen Wünschen dann immer unterstützt."

Liv Migdal:                                                                              
"Ich glaube, ihm war es wirklich zuwider, dieses Business der Konkurrenz, das war nicht seins, und ich glaube, wenn man sich nicht verstellen möchte, dann hat man gewisse Einbußen in der Karriere oder in dem Erfolg der Karriere, wie immer man das jetzt auch definieren mag. Was ist Erfolg? Oder was ist eine erfolgreiche Karriere? Er war immer bei sich, und das habe ich sehr bewundert. Bei all dem, was ja auch sehr taff ist in dem Geschäft, hat er seine Wärme und Herzlichkeit, all das, was er ausgestrahlt hat, sein Lächeln, das so gestrahlt hat auf andere, das hat er nie verloren."

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