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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2005

Ein Page-Turner

Martina Cole: "Das Gesicht"

Von Lutz Bunk

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Der belgische Kinderschänder Marc Dutroux wird von der Polizei abgeführt (AP)
Der belgische Kinderschänder Marc Dutroux wird von der Polizei abgeführt (AP)

In "Das Gesicht" versetzt Martina Cole den Leser in die Slums von London. Dort wohnen auch die Hauptprotagonisten ihres Romans: eine Prostituierte und deren drei Kinder. Cole beschreibt in diesem Roman das globale Netz der Kinderschänder. "Das Gesicht" ist das, was man einen Page-Turner nennt, man kann einfach nicht aufhören zu lesen - Action, Sozialkritik und sehr viel Menschlichkeit.

Martina Cole ist für mich die Krimi-Neuentdeckung des Jahres. Sie psychologisiert nicht wie ihre britischen Krimi-Kolleginnen Ruth Rendell oder P. D. James, und sie stellt auch keine scharfsinnig-detektivischen Überlegungen an, wie es die so genannten Whodunnnit-, die Wer-war's-Autorinnen Ann Granger oder Caroline Graham tun, - nein, Martina Cole ist die Meisterin des politisch-sozialkritischen Kriminalromans, und sie ist eine Meisterin der Suspense-, der Spannungsliteratur, weil sie einfach eine begnadet gradlinige Story-Tellerin ist.

In "Das Gesicht" versetzt Martina Cole den Leser in die Slums von London, in jene "Arme-Leute-Viertel" aus Sozialbauwohnungen, wo die hoffnungslos Unterprivilegierten leben. Dort im Londoner Eastend wohnen auch die Hauptprotagonisten ihres Romans, das sind Joannie Brewer, eine Prostituierte, und deren drei Kinder, alle drei von verschiedenen Vätern; John, 18, ist das älteste Kind, er ist ein schwarzer Rasta mit Dreadlocks, der als Dealer und als rechte Hand des Zuhälters seiner Mutter arbeitet. Und dann gibt es da noch seine beiden Schwestern Jeanette, 14, und Kira, 11. Auf Seite 1 erfährt der Leser gleich, dass Kira ermordet wurde, vermutlich von einem Sittlichkeitsverbrecher. In der ersten Hälfte des Romans wird geschildert, was in den zwei Wochen vor dem Mord geschah, in der zweiten Hälfte wird der Mord aufgeklärt.

Martina Cole ist bekannt als eine äußerst investigative und politische Autorin, deren Bücher immer Grundprobleme der Gesellschaft behandeln, d. h., sie beschreibt in diesem Roman das tatsächlich existierende globale Netz jener Mafia der Kinderschänder, die man Pädophile nennt, und die oft aus dem Bürgertum und aus der Oberschicht kommen, weswegen die Täter und Drahtzieher meist im Verborgenen bleiben, wie z. B. der Fall Dutroux in Belgien zeigte. In Deutschland gelten im Moment 4000 Kinder als vermisst.

Martina Cole erzählt aggressiv, kompromisslos, ohne jeden Schnörkel, ohne Metaphern, und 100prozentig authentisch, das heißt, sie benutzt die brutal harte Sprache jener Menschen, die sie beschreibt, lässt sie handeln und sprechen und verzichtet darauf, als Autorin zu reflektieren, - wenn das passiert, dann tun es die Protagonisten in inneren Monologen selbst.

Was Martina Cole zur Meister-Autor macht, das ist ihre handwerklich brillante Handlungsführung, die konsequente Durchführung des Plots: Selten ist ein Krimi so klar und so übersichtlich gegliedert. Das Ganze spult sich ab wie ein Film in chronologisch tickender Real-Zeit, und das äußerst rasant und dennoch so übersichtlich, dass der Leser nie auch nur eine Sekunde den Faden verliert.

Martina Cole, ursprünglich gelernte Altenpflegerin, gilt seit 1992 als Englands erfolgreichste Krimi-Autorin, von ihren insgesamt 10 Romanen sind 4 Millionen Exemplare verkauft worden, - alle ihre Bücher standen wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste. In Deutschland hingegen ist sie vollkommen unbekannt. 1995 erschien "Dangerous Lady", wurde aber nicht wahrgenommen, und auch ihr neuer Roman "Das Gesicht" ist bisher ausnahmslos von den deutschen Kritikern übersehen worden. Kein Einzelfall: es scheint, als ob britische Bestsellerautoren in Deutschland grundsätzlich nicht so ernst genommen werden. Hinzu kommt, dass einige deutsche Main-Stream-Verlage, wie in diesem Fall Heyne, von vielen Kritikern eher oberflächlich wahrgenommen werden. Wäre Martina Cole z.B. bei Verlagen wie Hanser oder C.H. Beck erschienen, hätte es sicherlich sofort hymnische Rezensionen gehagelt. Und die hat sie verdient. Denn "Das Gesicht" ist das, was man einen Page-Turner nennt, man kann einfach nicht aufhören zu lesen. Action, Sozialkritik und sehr viel Menschlichkeit.

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