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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.05.2012

"Ein paar Denkanstöße bekommen"

Religion-Fachredakteurin über mögliche neue Impulse des 98. Katholikentages

Anne Françoise Weber im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Impulse für eine den Menschen dienende Kirche erwartet das Zentralkomitee der deutschen Katholiken vom Katholikentag. (picture alliance / dpa - Uwe Anspach)
Impulse für eine den Menschen dienende Kirche erwartet das Zentralkomitee der deutschen Katholiken vom Katholikentag. (picture alliance / dpa - Uwe Anspach)

Der Katholikentag könne die Kirche verändern, meint Anne-Francoise Weber, Redakteurin für Religion und Gesellschaft des Deutschlandradios. Er könne das Bild der Kirche in der Gesellschaft verändern und aufzeigen, dass neben Missbrauch und Austritte auch "positive Dinge" in der Kirche passieren.

Liane von Billerbeck: Es war im Revolutionsjahr 1848, als sich Vertreter katholischer Vereine erstmals zu einem Katholikentag trafen. Von heute an findet dieser Katholikentag zum 98. Mal statt, dieses Mal in Mannheim, und wie die Laien ihre Kirche heute sehen, die einiges an Glaubwürdigkeit und auch viele Mitglieder verloren hat, was sie sich von ihren Bischöfen erhoffen, das wird in Mannheim zur Sprache kommen.

Anne Françoise Weber ist Redakteurin für Religion und Gesellschaft und jetzt aus Mannheim zugeschaltet. Ich grüße Sie!

Anne Françoise Weber: Guten Morgen nach Berlin!

von Billerbeck: Wer die Website des Katholikentages aufruft, der sieht einen roten Rucksack, der für das Motto dieses Katholikentages stehen soll - "Einen neuen Aufbruch wagen" heißt es. Wohin soll er den führen, dieser Aufbruch?

Weber: Also im Katholikentags-Deutsch gesagt, zu einer zukunftsfähigen Kirche und einer zukunftsfähigen Kultur. Was das jetzt genau heißt, darüber muss hier, glaube ich, doch noch mal geredet werden. Es gibt auch bezeichnenderweise eine Veranstaltung, die heißt "Aufbruch - wohin und durch wen?", und im Programmheft schreiben die beiden Hauptorganisatoren Alois Glück vom Zentralkomitee und Erzbischof Robert Zollitsch, dass sie selbst auch noch nicht ganz genau wissen, wohin dieser Aufbruch denn führen wird.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat aber doch gestern eine Botschaft an diesen Katholikentag verabschiedet und da ein paar Stichworte immerhin genannt: Es soll um eine den Menschen dienende Kirche gehen, in diese Richtung soll also der Aufbruch gehen, und es soll ein neues Miteinander geben zwischen Frauen und Männern, zwischen Priestern und Laien, wie ja hier die Gläubigen, die Nichttheologen genannt werden. Es soll mehr Offenheit für Vielfalt geben, und das ist ja dann doch schon ein ganz schönes Programm.

Was die Gesellschaft angeht, da geht es hier um Nachhaltigkeit, um Gerechtigkeit, um Verantwortung auch für die kommenden Generationen, und es soll auch um Toleranz und Verständigung und gegen Rechtsextremismus hier ein Signal gesetzt werden.

von Billerbeck: Das ist ja ein großes Programm. Katholikentage, auch dieser, waren ja stets mit brisanten gesellschaftlichen, religiösen und sozialen Themen konfrontiert. An solchen Themen mangelt es ja auch diesmal nicht, wir erinnern uns an die zahlreichen Fälle von sexueller Gewalt, der Streit um den Zölibat oder auch die Homosexualität, und die katholische Kirche ist schwer erschüttert worden, hat einen Glaubwürdigkeitsverlust hinnehmen müssen.

Und dieser Glaubwürdigkeitsverlust und der Umgang mit diesen Fällen sexualisierter Gewalt haben viele zum Austritt aus der katholischen Kirche gebracht. Es sind andere geblieben, die wollen mehr mitbestimmen - was für Debatten erwarten Sie denn nun genau in Mannheim?

Weber: Ja, eigentlich über diese Themen, die Sie schon genannt haben. Also zum sexuellen Missbrauch gibt es mehrere Veranstaltungen, und die könnten durchaus kontrovers werden, denn da sind sowohl Opfervertreter auf dem Podium als auch der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, der ja selbst in Kritik geraten ist, wie er in seinem eigenen Bistum mit Tätern umgegangen ist.

Die Mitbestimmung ist ein großes Thema hier, und eben auch die Rolle der Laien, also, was macht man angesichts von Priestermangel, will man wirklich das alles zentralisieren, wenige riesige Gemeinden schaffen, wo dann alle ins Auto steigen müssen, um Sonntags zum Gottesdienst zu kommen, oder gibt man eben doch den Laien mehr Verantwortung und sagt, ihr könnt immerhin Wortgottesdienste feiern, damit in jedem kleineren Dorf oder zumindest in jeder kleineren Stadt es doch noch genug Kirchen gibt, wo sonntags die Leute auch zu Fuß in die Kirche gehen können.

Homosexualität ist ein Thema, Frauen als Diakoninnen ist ein Thema - interessant ist, dass der Zölibat nirgendwo wirklich deutlich angesprochen wird, wenn man nach den Titeln der Veranstaltung geht, und das zeigt dann eben doch, dass es vielleicht so ein paar Grenzen gibt, über die hinaus nicht unbedingt hier debattiert wird.

Man muss auch sagen, es kommen natürlich wirklich eher die Gleichgesinnten hier zusammen, nämlich die, wie Sie sagen, die nicht austreten wollen, die noch etwas in dieser Kirche verändern wollen, aber sich auch nicht völlig gegen die von Rom vorgegebenen Regeln stemmen.

von Billerbeck: Wie gut steht es denn um den Dialog zwischen offizieller katholischer Kirche in Deutschland und der katholischen Basis, also zwischen Bischöfen und Gläubigen?

Weber: Der Katholikentag ist eine gemeinsame Veranstaltung von den Laien eben in Gestalt des Zentralkomitees der Katholiken und dem gastgebenden Bistum, also hier ist schon mal Dialog. Dann ist Mannheim eben auch insofern ein besonderer Ort, als hier im letzten Jahr dieser Dialog oder Gesprächsprozess angestoßen wurde, in dem eben die Bischöfe neu auf die Gläubigen zugehen wollen, und die Laien erhoffen sich jetzt von diesem Katholikentag da auch einen wichtigen Prozess in diesem Dialogprozess, der einen wichtigen Schritt in diesem Dialogprozess, der im September weitergeführt werden soll.

Man muss andererseits dann doch auch wieder sagen, es sind längst nicht alle Bischöfe hier in Mannheim vertreten, und das ist nicht unbedingt nur auf volle Terminkalender zurückzuführen. Es gibt durchaus Laien, die sagen, dass konservative Bischöfe ganz bewusst dieses Laientreffen hier boykottieren.

von Billerbeck: Nun behaupten die Veranstalter ja, vom Katholikentag gehe eine politisch-gesellschaftliche Zeitansage aus, das war ein Zitat. Trifft das eigentlich zu, kann ein Katholikentag die Gesellschaft noch beeindrucken oder gar verändern?

Weber: Also man versucht es natürlich, und die Themen, die hier anstehen - Globalisierung, Finanzkrise, Klimawandel -, das sind ja wirklich aktuelle gesellschaftliche Themen. Jetzt ist nur die Frage, erstens sind die Themen nicht neu, und zweitens ist das, was die katholische Kirche dazu zu sagen hat, so entscheidend neu oder anders.

Die Stärke der Kirche, nicht nur der katholischen, liegt natürlich darin zu sagen, es gibt etwas anderes als das Hier und Jetzt, und es geht auch nicht nur um Geld und Fortschritt. Aber wer diese Botschaften noch hören will, das ist natürlich im Zeitalter der Kirchenaustritte und der Säkularisierung eine andere Frage.

Die Kirche kann so ein Katholikentag schon ein Stück weit verändern. Er kann vielleicht auch - und das ist hier sehr erhofft - das Bild der Kirche in der Gesellschaft verändern, dass eben nicht nur noch über sexuellen Missbrauch und Kirchenaustritte berichtet wird, sondern auch über positive Dinge, die in der Kirche passieren. Was nun in der Gesellschaft grundsätzlich verändert wird durch diesen Katholikentag, das bleibt abzuwarten, aber das dürfte nicht so enorm viel sein.

von Billerbeck: Es gibt auch ein Alternativprogramm von Wir sind Kirche, das auch von der Kirche von unten und dem Publikforum mitgetragen wird, und dieses Alternativprogramm, das findet ausgerechnet in einer evangelischen Kirche statt. Wie das?

Weber: Na ja, diese ganzen Initiativen, die das tragen, sind schon mal ökumenisch ausgerichtet, muss man sagen, und vor allem haben die natürlich keinen katholischen Veranstaltungsraum bekommen - das wäre auch verwunderlich. Es gibt einige evangelische Kirchen hier in der Innenstadt, die auch vom Katholikentag genutzt werden, aber die evangelische Kirche hier in Mannheim hat eben doch gesagt, wir bieten auch diesen Abweichlern einen Raum, und zwar einen Raum, der doch noch halbwegs zentral liegt, nämlich hinter dem Hauptbahnhof.

Und da wird es dann doch um andere Themen gehen, es ist eine Brandrede des Jesuiten Friedhelm Hengsbach angekündigt mit dem schönen Titel "Eure Sorgen möchte ich haben". Er sagt eben, bei diesem Katholikentag geht es nicht um das, was die wirklich wichtigen Themen sind. Er hält diesen Dialogprozess für einen Farce, und er fordert, dass sich da ganz Entscheidendes ändert in der Hierarchie bei den Klerikern, und er fordert auch, dass die Kirche klarere Worte zu den sozialen Problemen im Land findet. Es ist auch geplant ein Auftritt des Anführers der österreichischen Pfarrer-Initiative Helmut Schüller ...

von Billerbeck: Dem Ungehorsam von Rom vorgeworfen wurde?

Weber: Genau, also die auch ganz offen zum Widerstand aufrufen und sagen, sie wollen auch das Abendmahl an Protestanten geben und an geschiedene Wiederverheiratete, und sie wollen auch Laien Gottesdienste feiern lassen und so weiter - also da ist schon noch mal ein anderer Sprengstoff vorhanden als jetzt beim offiziellen Teil des Katholikentags.

von Billerbeck: Ein Wort zum Ort noch: Der 98. Katholikentag findet in Mannheim statt. Sie haben schon gesagt, da hat dieser Dialog angefangen, aber wie ist die Stadt durch dieses Ereignis geprägt?

Weber: Also heute ist ja nun wirklich erst der Anreisetag, die Eröffnung ist heute Abend. Es werden natürlich überall schon Bühnen aufgebaut, es stehen kleine weiße Zelte für diese Kirchenmeile, auf der sich dann kirchliche Gruppen vorstellen werden.

Ich habe gestern auch schon eine kleine Ausstellung angeschaut in Schaufenstern in der Stadt, da haben sich also Künstler gefunden, die Schaufenstervitrinen gestalten zum Thema: Wo bitte geht es hier zum zukünftigen Leben? Und das sind zum Teil wirklich ganz interessante Arbeiten, und interessant ist eben auch, wie sich da die Künstler mit den Einzelhändlern auseinandergesetzt haben und mit ihnen besprochen haben, wie sie jetzt diesen Schaufensterplatz nutzen dürfen.

Ein schönes Beispiel ist eine wirklich kleine Vitrine eines Chocolatiers, in der eine Künstlerin, die sowieso viel mit Schokolade arbeitet, Schokoladentafeln gestaltet hat, auf denen das Abendmahl von Leonardo da Vinci zu sehen ist, und einige Worte aus der Abendmahls-Erzählung - das heißt dann Abendmahl Vollmilch-Zartbitter, gibt es auch zu kaufen -, und ist eben so eine ganz schöne Begegnung zwischen dem normalen Produkt dieses Chocolatiers und dem Werk dieser Künstlerin.

Es ist so ein bisschen Sinnbild für mich auch, dass man das so suchen muss in der Stadt. Also es ist nicht omnipräsent, aber wenn man eben die Augen offenhält, dann kann man da hier und da etwas Nettes erspähen und vielleicht ein paar Denkanstöße bekommen, vielleicht ist das auch so ein bisschen Sinnbild für diesen Katholikentag.

Man kann ihn ignorieren, außer vielleicht den ganz großen Eröffnungsveranstaltungen und Abschlussgottesdiensten, aber man kann sich auch ein bisschen drauf einlassen und mal schauen, was das mit dem normalen Leben eigentlich zu tun hat.

von Billerbeck: Anne Françoise Weber war das, Redakteurin für Religion und Gesellschaft, über die Erwartungen an den 98. Katholikentag in Mannheim. Ich danke Ihnen!

Weber: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Links bei dradio.de:
Eine zukunftsfähige katholische Kirche? 98. Deutscher Katholikentag in Mannheim
"Vertrauen gewinnt man nicht so schnell zurück" ZdK-Präsident Alois Glück fordert stärkere Beteiligung von Frauen in der Kirche

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