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Studio 9 | Beitrag vom 01.03.2018

Ein Obdachloser über eiskalte Nächte"Ich schlafe fest und friedlich"

von Anja Nehls

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Der frühere Obdachlose Carsten H. "macht Platte" am 25.01.2017 in Osnabrück (Niedersachsen). Den Obdachlosen macht die derzeitige winterlich kalte Wetterlage zu schaffen, da sie draußen übernachten.  (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
"Was soll ich bei der Notunterkunft, Isomatte an Isomatte an Isomatte mit Vollpfosten an Vollpfosten zusammenliegen", so der Berliner Obdachlose Ulli Obermann. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Die Hauptstadt der Obdachlosen heißt Berlin. Zwar hat die Stadt die Plätze in den Notunterkünften gerade aufgestockt, aber viele wollen trotz der zweistelligen Minustemperaturen die Hilfe nicht annehmen. Ulli Obermann zum Beispiel.

In einem unbenutzten Eingang der großen Backsteinkirche in Berlin Mitte bewegt sich etwas unter einem blauen Haufen. Es ist fast Mittag, die Sonne scheint, aber es ist bitter kalt. Eine schlanke Gestalt wühlt sich zwischen gestapelten Jacken aus einem Schlafsack, der auf einer dünnen Isomatte quer auf den Steinstufen liegt. Seit fast vier Jahren schläft hier Ulli Obermann, so will er genannt werden – auch im Winter – ein Notübernachtungsplatz im Warmen bei der Stadtmission kommt für ihn auch bei 15 Grad Minus nicht infrage:

"Also von den Menschen, die ich kenne, die Platte machen, geht da niemand hin. Sowieso nicht. Also, ich schlafe besser hier, ich schlafe fest und friedlich. Und ich habe da so ein kleines Kissen zum Aufblasen, das habe ich unter der Hüfte und da liegt es sich sehr, sehr bequem drauf. Ich habe Ruhe, saubere Luft, habe einen privat gesponserten sehr schönen warmen Schlafsack, musste mir den nicht erbetteln bei der Stadtmission, ich friere nachts nicht, ein bisschen hart ist es manchmal aber nun gut. Was soll ich bei der Notunterkunft, Isomatte an Isomatte an Isomatte mit Vollpfosten an Vollpfosten zusammenliegen. Das muss ich mir nicht antun."

"Man holt sich dort die Krätze"

Seit er sich einmal dort die Krätze eingefangen hat, geht er nicht mehr hin. Ulli ist einer von zwei- bis zehntausend Menschen, die in Berlin dauerhaft auf der Straße leben. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Ulli ist noch nie gezählt worden. Von der Kirche wird er geduldet.

"Mich hat da noch nie jemand angesprochen. Ich weiß nicht, wie die über mich eine Zahl erheben können. Das ist mir ein Rätsel."

Ulli zieht seine am Kopfende verstaute Sporttasche hervor, holt ein paar Turnschuhe heraus,  zieht eine schwarze Outdoorjacke an und setzt eine Mütze auf. Die Jeans hat er schon an, die trägt er auch im Schlafsack. Die Klamotten sind sauber, im Gesicht zeigt sich ein Drei-Tage-Bart. Als Schlafsack und Isomatte in der Sporttasche verstaut sind, macht Ulli sich auf den Weg zum Café gegenüber, um dort die Toilette zu benutzen und einen Kaffee zu trinken. Dass Ulli gegenüber im Kircheneingang schläft, weiß hier niemand. Dass er aussieht wie alle anderen Gäste, ist ihm wichtig:

"Ich will ja auch nicht auffallen, das darf man nicht vergessen und für mich fühlt sich das besser an, ich sag halt nicht alles und schummele ein bisschen, ich fühle mich da nicht wirklich wohl bei, aber das ist das kleinere Übel."

Die Großstadt lockt und macht einsam

Ulli Obermann ist Mitte 50, kommt aus Luxemburg, hat studiert, und ist dann beruflich in der Musikszene gescheitert. Er lebte eine Zeit lang in Frankreich, dann kam er nach Berlin.

"Ich wollte unbekannt bleiben, auf keinen Fall in mein altes Leben zurück, weil ich mein Gesicht verloren habe. Das ist da wie so eine japanische Gesellschaft, man scheitert nicht, wenn man scheitert, dann ist Suizid die Ansage, aber sonst nichts. Ich wollte dann nach Deutschland. Anonym, Sprache, ich dachte bei der Größe der Stadt kann man am meisten machen, das hat sich noch nicht bewahrheitet, also ich habe noch nicht aufgegeben, aber schwer. Sehr schwer."

Das Geld für den Kaffee verdient er durch Flaschensammeln. Nach ein paar Minuten im Warmen geht es wieder raus in die Kälte. Mit dem Fahrrad fährt er kilometerweit zur Bahnhofsmission am Zoo und dann zu einem Obdachlosen Treffpunkt in Schöneberg zum Aufwärmen. Bei seinem Freund Tim darf er duschen.

"Buona sera Tim, wann bist du zuhause, ich würde mich dann einfach in deine Richtung bewegen, dass ich auch um halb sechs da bin und dann wieder weg, unverzüglich wieder weg."

"Monatsende ist ein hartes Brot"

Abends beginnt Ullis Arbeitstag. Flaschensammeln, zu Fuß, kilometerweit durch die Stadt. Viel kommt dabei nicht raus.

"Zum Beispiel gestern Abend habe ich zwischen 19 Uhr und - wann habe ich abgegeben - 21.40 Uhr, bei Kaufland, 3,24 Euro gemacht. Monatsende ist ein hartes Brot."

Wenn genug Geld für ein Getränk da ist, geht er in eine Kneipe, in der er eigentlich auch gerne arbeiten würde. Schwierig, denn bislang hat der Mitfünziger nicht mal einen Pass, keine Krankenversicherung, keine Lust auf Zusammenarbeit mit Ämtern, aber immer noch einen Traum:

"Ich möchte auf eigenen Beinen, auf eigenen Füßen stehen. Und wenn ich weiß, ich habe einen Job, wo ich den Betrag X im Monat fest hätte, könnte damit in eine WG kommen und mich dann quasi legalisieren über den Job, aber alles auf eigenen Füßen und unbedingt Gastronomie, weil es mit Menschen zu tun hat und das macht einfach Spaß, also mir macht das Spaß."

Klingt eigentlich ganz einfach. Ulli Obermann ist intelligent, gebildet, gepflegt, trinkt keinen Alkohol und nimmt keine Drogen. Und trotzdem verbringt er die Nächte bei zweistelligen Minusgraden draußen. Der Schlafsack ist warm, sagt Ulli, kein Problem, und wenn doch?

"Schlafen zu gehen und nicht mehr aufzuwachen, das ist doch der schönste Abgang den du haben kannst, ich habe doch so viele Leben gelebt. Wenn es jetzt so kommen würde, das wäre doch wunderbar."

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