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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.11.2009

Ein Neubau, ein neues Studienprogramm

Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg bildet jüdische Religionslehrer aus

Von Heinz-Peter Katlewski

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Shneor Vigler schreibt die letzten der 304.805 Buchstaben in die "Sefer Tora" im Jüdischen Bildungszentrum in Berlin. (AP)
Shneor Vigler schreibt die letzten der 304.805 Buchstaben in die "Sefer Tora" im Jüdischen Bildungszentrum in Berlin. (AP)

Rabbiner, Religionslehrer und Vorbeter sollten eigentlich hier in der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg in deutscher Sprache ausgebildet werden. Davon berichtet der frühere badische Landesrabbiner Peter Nathan Levinsons in seinen Lebenserinnerungen. Aber schon als die Hochschule 1979 eröffnet wurde, waren die Weichen auf ein ausschließlich akademisch ausgerichtetes Studium gestellt, eines, das faktisch vor allem Nichtjuden erreichte.

Jetzt, 30 Jahre später, scheint endlich beides möglich zu sein: wissenschaftliche Qualität und praktische Ausbildung für Berufe, die der jüdischen Gemeinschaft unmittelbar zugutekommen. Das ist ein Nebeneffekt des sogenannten Bologna-Prozesses. Er soll das europäische Hochschulwesen vereinheitlichen. Dazu der Leiter der Hochschule, Professor Johannes Heil.

"Bologna hat uns geholfen, unser Profil zu sortieren. Wir haben wissenschaftsbezogene Studiengänge, wir haben gemeindebezogene Studiengänge. Und wir haben die Staatsexamensstudiengänge für jüdische Religionslehre, jetzt auch an Grundschule und eben an weiterführenden Schulen."

An einem Studiengang für jüdische Religionslehrer wurde schon länger gearbeitet. Es gab auch erste Absolventen. Aber lange war das keine berufliche Qualifikation, die mit einem Staatsexamen vergleichbar war. Mittlerweile hat die Hochschule nicht nur einen akzeptierten Studiengang, der zum ersten Lehrer-Staatsexamen führt, sondern am Staatlichen Lehrerseminar von Heidelberg gibt’s jetzt auch ein Fachseminar für Jüdische Religionslehre. Seitdem können alle, die die erste Lehrerprüfung im Fach Jüdische Religion absolviert haben nach dem Studium ein Referendariat antreten und schließlich für ihr zweites Staatsexamen geprüft werden.

Heil: "Wir haben jetzt den ersten staatlich examinierten Lehrer für jüdische Religionslehre, der dieses Jahr sein zweiten Staatsexamen gemacht hat und in den regulären Schuldienst gegangen ist. Das ist ein Aufbau von mehreren Jahren. Das heißt, die Dinge, die auch vor vielen Jahren im Gespräch waren, die kommen jetzt praktisch in die Ergebnisse."

Das ist ein Studienweg, der bundesweite Bedeutung hat, denn es gibt ihn nur hier. Ein Bedarf dafür besteht nicht nur an den vielleicht zehn staatlich anerkannten jüdischen Schulen in Deutschland. In größeren Städten gibt es auch an staatlichen Schulen den Wunsch, jüdischen Religionsunterricht zu erteilen, dann nämlich wenn die Schülergruppe groß genug ist oder die Jüdische Gemeinde einen zeugnisrelevanten Ergänzungsunterricht in ihren Räumen anzubieten bereit ist, den alle jüdischen Schüler am Ort in Anspruch nehmen können.

Auch ein Masterstudiengang für das Rabbinat ist im Programm enthalten, obwohl es dafür mit dem Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam und dem Hildesheimerschen Rabbinerseminar Berlin bereits zwei profilierte Studienorte gibt. Wichtiger für die jüdischen Gemeinden könnte ohnehin ein anderer Kurs sein, der zum Abschluss "Bachelor of Arts" führt, meint Professor Heil:

"Wir haben den Studiengang 'Jüdische Gemeindearbeit' für qualifiziertes Gemeindepersonal. Und von hundert Gemeinden in Deutschland werden die wenigstens langfristig in der Lage sein, sich überhaupt einen Rabbiner zu leisten. Was sie aber brauchen, ist qualifiziertes Gemeindepersonal, administratives wie kultisches Personal auch für die Gottesdienstführung. Das bilden wir hier aus."

Es ist ein stark verschultes Studium. Einen Teil ihrer Kurse müssen die künftigen Gemeindearbeiter an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg belegen – zum Beispiel, um pädagogisches Wissen für die Jugendarbeit zu erwerben oder für den gemeindeinternen Religionsunterricht. Außerdem müssen sie einiges an der Fachhochschule Heidelberg studieren, um Fachkenntnisse erwerben zu können, die für ihren Alltag von Bedeutung sind. Zum Beispiel:

Heil: "das Finanzwesen, Administration, all diese Dinge. Wir können ja hier diese Dinge nicht leisten. Das gehört nicht zu den Jüdischen Studien. Die müssen aber wissen wie man eine Geschäftsführung macht. Und das importieren wir, und dafür brauchen wir eben diese Partner."

Bis zu 250 Studentinnen und Studenten kann die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg in ihrem neuen großzügigen Gebäude künftig beherbergen. Die meisten von ihnen werden auch künftig Nicht-Juden sein. Für Juden aber bietet sie jetzt erstmals berufliche Möglichkeiten, mit denen sie dazu beitragen können, die in den letzten 20 Jahren gewachsenen jüdischen Gemeinden zu führen und zu entwickeln.

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