Ein Mann unter Hochdruck

Von Guylaine Tappaz |
Francois Bégaudeau ist Lehrer in einem "Problemviertel" von Paris. In seinem Buch "Entre les murs" - "Zwischen den Mauern" berichtet er von seinem mal trostlosen, mal witzigen, mal rührenden Schulalltag. Aber der autobiographische Roman, für den Bégaudeau mit dem französischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist mehr als eine Abrechnung mit dem Schulsystem.
"Mir fällt es schwer, nichts zu tun. – Das macht mir Angst."
Nein, dieser Mann kann nicht still sitzen. Seine Hände reden mit. Manchmal haut er mit der Faust auf den Tisch. Francois Bégaudeau sitzt im Zeyères - einer typischen Pariser Brasserie mit dunkelroten Sesseln – im Raucherbereich. Die Tische stehen dicht an dicht, die Leute nebenan lauschen diesem schlanken Mann in Jeans und schwarzer Strickjacke. Bégaudeau lässt sich nichts anmerken: Er steht oft im Mittelpunkt.
Auszug aus "Entre les murs":
"Eh M’sieur, ich habe eine Frage, aber wenn ich sie stelle, dann schicken Sie mich nach Guantanamo. Die Frage ist echt heiß.
Schieß los!
Hum... Manche sagen, Sie lieben Männer.
Sie sagen, ich bin schwul?
Ja genau. Und die, die es sagen, die schwören es bei ihrem Leben.
Dann wird es Tote geben! Wenn ich schwul wäre, dann würde ich’s Dir sagen. Aber ich bin es nicht, sorry."
Der Lehrer aus dem Roman "Entre les murs" – "zwischen den Mauern", das ist er selbst, Francois Bégaudeau. Ein 35-Jähriger, mit hoher Stirn, hellwachen Augen und einem Schmollmund, wenn er überlegt. Er unterrichtet Französisch in einem der stark benachteiligen Viertel von Paris. In seinem Buch schildert Bégaudeau in kurzen Episoden, wie es zwischen ihm und den Schülern klappt – oder eben auch nicht. Mal trostlos, mal rührend, mal witzig. Bégaudeau gefällt, wie die Jugendlichen sich geben.

"Es gibt Leben bei den 15-Jährigen, auch wenn sie Nihilisten und selbstmordgefährdet sind oder nicht mehr zur Schule gehen. Es kocht in ihnen, ich mag ihre Sprache, ihre Energie.
Die Jugendlichen sind noch zwischen vielen Richtungen hin- und hergerissen, wohingegen die Erwachsene ‚gefangene Menschen’ sind – so wie Sartre es nennt. Ich sage dazu ‚gefangen wie Ratten’."

Bégaudeau schafft sich seine Fluchten. Lehrer sein? Gerne - so lange er nebenbei schreiben kann. Romane. Kino- und Buchkritiken.

Stillstand, Trägheit, Gewohnheit - alles Dinge, die Bégaudeau hasst. Sein zweites Buch "In die Diagonale" erzählt von einem Wochenende auf dem Land unter Schulfreunden. Es wird aneinander vorbeigeredet, nichts passiert. Bis der Ich-Erzähler mitten in der Feier abhaut. Einfach so. Eine Situation, in die Bégaudeau immer wieder gerät. Wie vor kurzem bei einer langweiligen Weihnachtsfeier.
"Ich bin vorsichtig gewesen – wie immer im Winter bei solchen Anlässen – und habe meinen Mantel nah am Eingang abgelegt. Dann täusche ich vor, auf Toilette zu gehen, und greife dabei den Mantel und hopp – ich bin weg. Niemand weiß es. Ohne Tschüß zu sagen."

Bégaudeau wird keine Kinder haben. Definitiv nicht. Schon wenn er seinen Neffen auf dem Arm trägt, fühlt er sich eingeschränkt, erzählt er. Gebremst in seinem Bewegungsdrang. Und eine Frau? Er lebe alleine – mehr verrät er nicht.

Mit 14 Jahren fängt Bégaudeau an, zu rebellieren. Das Klassenzimmer ist sein Spielfeld. Die Eltern sind Grundschullehrer, er tut nur das Nötigste, um gute Noten zu bekommen. Und schreibt bereits seitenweise – Kurzgeschichten, Gedichte, kleine Essais.

"Ab dem Moment, in dem ich anfing, ein interessanteres Leben zu führen, mit vielen Freunden und ersten Versuchungen, denen ich nachgehen konnte, habe ich alles liegen lassen."
Die ersten Mädchen tauchen im Leben des jungen Bégaudeau auf, das Studium der Romanistik beginnt. Und dann auch das:
Zabriskie Point: die Punkrockgruppe, die Bégaudeau mit anderen Studenten auf die Beine stellt – alle ohne Irokesenschnitt. Vier Alben in sieben Jahren, Hunderte von Konzerten. Und welche Rolle übernimmt er selbst in der Band?
"Sänger - Was für eine Frage...
Der Sänger in einer Band steht im Mittepunkt, klar, aber was man oft vergisst, ist, dass er zunächst der Empfänger von allerlei Signalen ist. Auf der Bühne wie beim Liederschreiben besteht das Talent des Sängers also darin, gut zuhören, gut sehen und gut aufnehmen zu können."

Ein paar Jahre steht Bégaudeau abends als Punkrocker auf der Bühne, tagsüber bringt er als Lehrer 15-Jährigen Voltaire oder Rimbaud bei. Als die Band sich auflöst, setzt sich Bégaudeau gleich an seinen ersten Roman. Wie auf der Bühne sieht sich der Schriftsteller vor allem als Vermittler.

"Es gibt die Welt, sie geht durch mich durch und ich gebe sie wieder."
Dieses Schuljahr hat sich Bégaudeau erstmal frei genommen. Nicht um zur Ruhe zu kommen. Nein! Bégaudeau arbeitet gerade an einem Drehbuch – sein Roman "Entre les murs" wird verfilmt. Gemeinsam mit dem Regisseur castet er gerade Jugendliche in Schulen. Und wer spielt den Lehrer im Film? Francois Bégaudeau selbst .. wer sonst!