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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 22.07.2007

Ein Leben im Zeichen des Widerstandes

Michaela Seul: "Ein aufrechtes Leben - Heinrich von Trott zu Solz"

Vorgestellt von Andreas Möller

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (AP)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg (AP)

Michaela Seuls Darstellung über Heinrich von Trott zu Solz ist nur bedingt ein Buch über den deutschen Widerstand, das einem vergessenen Helden späte Öffentlichkeit verschaffen will. Die Autorin zeichnet auf engagierte Weise Heinrichs Suche nach dem eigenen Lebensweg nach, der keineswegs frei von Irrtümern und Fehlern verlaufen ist. Dabei lässt sie den Leser am Prozess der Befragung des heute 90-Jährigen Anteil haben.

Johannes Tuchel: "In der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus steht Claus Schenk Graf von Stauffenberg heute natürlich, wenn sie so wollen, an ‚erster Stelle’ im öffentlichen Gedächtnis. Er wird in diesem Jahr 100 Jahre alt, er ist 1907 geboren. Übrigens wie auch Helmuth James Graf von Moltke, einer der wesentlichen Mitbegründer und führenden Persönlichkeiten des Kreisauer Kreises. Er ist auch 1907 geboren."

Johannes Tuchel ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße. Dort, nur einen Steinwurf vom Verteidigungsministerium entfernt, befindet sich der Bendlerblock.

In der Nacht auf den 21. Juli 1944 werden hier neben Stauffenberg auch Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Stauffenbergs Adjutant Werner von Haeften erschossen. Heute erinnert ein Denkmal im Innenhof an sie.

In den darauf folgenden Tagen werden weitere Verschwörer enttarnt, die sich an der Vorbereitung des Umsturzes beteiligt hatten. Unter ihnen ist auch Adam von Trott zu Solz.

Adam gilt als einer der wichtigsten Köpfe des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf von Moltke. Er studiert in Oxford und wechselt später ins Auswärtige Amt. Am 15. August 1944 wird er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Wenig später wird er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Johannes Tuchel: "Adam von Trott zu Solz […] ist im Widerstand gegen den Nationalsozialismus der führende außenpolitische Denker gewesen. Und sein Einfluss auf die Versuche, eine neue europäische Friedensordnung aus dem Bereich der Verschwörer heraus zu denken, können gar nicht überschätzt werden."

Am Tag der Hinrichtung von Adam von Trott zu Solz, dem 26. August 1944, läuft in Frankreich ein junger Mann zu den Partisanen über, der in der Öffentlichkeit bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist. Sein Name ist Heinrich von Trott zu Solz. Ihm ist das jetzt erschienene Buch von Michaela Seul gewidmet.

1918 als jüngerer Bruder von Adam geboren, empfindet der damals 14jährige die Vorgänge des Jahres 1933 zunächst als eine Befreiung von Spießertum und falscher Moral. Doch schon bald regt sich Unmut angesichts des immer offener zutage tretenden Antisemitismus. 1934 tritt Heinrich aus dem NS-Schülerbund aus.

1940 kommt Heinrich an die Ostfront. Gerade diese Zeit wird ihn nachhaltig prägen – allerdings auch im Positiven, indem er lernt, die Menschen hinter den eintrainierten Feindbildern zu erkennen.

So spricht aus seiner Feldpost, die Michaela Seul in ihrem Buch ausführlich heranzieht, eine tiefe Zuneigung zu Russland. Diese läuft der offiziellen Sprachregelung klar zuwider, was auch für die Einschätzung der militärischen Lage gilt:

"Der Russe hat eine ausgezeichnete Rückzugsstrategie, selten sieht man auf seinen Rückzugsstraßen Bilder völliger Vernichtung und Russland ist weit, weit. Wir sind sehr erstaunt über den Ton unserer Zeitungen."

Dank der Kontakte seines Bruders Adam gelingt es, dass Heinrich ab 1943 Dienst in Holland und Frankreich tun kann. Im August 1944, nach der alliierten Invasion, desertiert er.

Was er nicht weiß, ist, dass sein Bruder zeitgleich den Tod durch den Strang findet. Bis zum Schluss hatte Adam die Familie nicht in seine Verbindung zum Widerstand eingeweiht.

Heinrich lernt seinen älteren Bruder, dessen Asche man auf den Rieselfeldern um Berlin zerstreut, somit kaum kennen.

"Habe Dich nie kennen gelernt. Wie auch. Wärest ja jetzt eigentlich uralt. Die Fotos, die ich betrachte, zeigen dich meistens als Mann um die 30. Und dennoch kenne ich dich, Adam."

Dieser Ausspruch ist in gewisser Weise sinnbildlich für die Geschichte, die Michaela Seul in ihrem Buch erzählt. Denn es gibt eine Verbindung im Handeln beider Brüder: Der eine beteiligt sich an den Vorbereitungen zum Staatsstreich, der andere desertiert. Und ganz offensichtlich – davon zeugen die bislang unveröffentlichten Dokumente in Seuls Buch – prägt sie dieselbe Haltung.

Kann man den offenen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Desertion jedoch miteinander vergleichen, obwohl beides lange Zeit gleichermaßen als Verrat geächtet wurde? Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand:

Johannes Tuchel: " »Als Verrat galt das, was Adam von Trott gemacht hatte. Als Verrat galt aber selbstverständlich auch das, was sein Bruder mit der Desertion gemacht hatte. Dass man begriff, dass beide das nationalsozialistische System mit ihren Taten schwächen sollten – das ist ein Prozess, der erst sehr viel später einsetzte. Heute sind wir Gott sei dank etwas weiter und wissen, dass beides Teil des Kampfes gegen Hitler war.""

Michael Seuls Darstellung über Heinrich von Trott zu Solz ist jedoch nur bedingt ein Buch über den deutschen Widerstand, das einem vergessenen Helden späte Öffentlichkeit verschaffen will. Es ist im Grunde genommen auch kein Geschichtsbuch, das die Vergangenheit aus sicherer Entfernung Revue passieren lässt.

Buchcover: "Ein aufrechtes Leben" (Herbig Verlag)Buchcover: "Ein aufrechtes Leben" (Herbig Verlag)Die Autorin zeichnet auf engagierte Weise Heinrichs Suche nach dem eigenen Lebensweg nach, die keineswegs frei von Irrtümern und Fehlern verlaufen ist. Dabei - und dies ist das Spannende an ihrem Buch - lässt sie den Leser am Prozess der Befragung des heute 90-Jährigen Anteil haben.

Vor allem die Briefe und Interviewausschnitte, die Seul in ihre biographische Collage eingebaut hat, machen das Buch so lesenswert und geben ihm einen nahezu literarischen Charakter. Sie zeigen Heinrich als einen subtilen Beobachter seiner Zeit. Ralph Giordano, der das Vorwort geschrieben hat, kann deshalb zu Recht von den "minutiösen, ja, sekundösen Erinnerungen" Heinrichs sprechen.

Von ihnen kann sich der Leser nun dank des Buches selbst ein Bild machen.

Michaela Seul: Ein aufrechtes Leben - Heinrich von Trott zu Solz
Herbig Verlag, München 2007

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