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Echtzeit | Beitrag vom 01.07.2017

Ein Leben im ReisebusVanLife - die Instagram-Aussteiger

Von Kerstin Zilm

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Eine Hippiefrau schießt ein Selfie vor ihrem Reisebus (imago/Westend61)
Ein Leben im Reisebus - und per Selfie auf Instagram: VanLifer verbinden Aussteigerromantik mit moderner Technologie. (imago/Westend61)

Ungebunden durchs Land fahren, immer dem guten Wetter nach: Schon die Hippies bereisten mit ihren Vans das Land. Jetzt entdeckt eine neue Generation dieses Leben für sich: Die VanLifer. Auf Instagram präsentieren sie sich der Öffentlichkeit und tauschen sich aus.

VanLife, wörtlich übersetzt als "Leben im Bus", ist in den USA zu einer richigen Bewegung, einem Lebensgefühl geworden. Zahlreiche Menschen richten sich in ihren Van für das Nötigste ein und ziehen auf diese Weise durchs Land. VanLife ist modernes Nomadenleben in einem Van, also einem Kleinbus, unterwegs sein ohne Hektik, sich einlassen auf Natur, Begegnungen, Erlebnisse und das materielle Leben auf das Notwendigste beschränken. Manche machen das nur am Wochenende, andere machen lange road trips und manche steigen ganz aus und begeben sich auf den Weg ohne ein Ende festzulegen.

Das ganze gab es natürlich auch schon früher – auch die Hippies lebten ja gerne mal im Van. Doch heute hat das Ganze dank Social Media eine ganz neue Lifestyle-Dimension dazubekommen. Fest zum VanLife gehört heute nämlich: das Ganze mit wunderschönen Fotos auf Instagram dokumentieren, teilen und andere neidisch machen – der Hashtag #VanLife ist dafür mittlerweile ein feststehender Suchbegriff.

VanLife steht da für das Leben in einem alten VW Bus oder in einem super modern ausgestatteten Luxus-Mercedes-Kleinbus. Der wahre Kult folgt hier allerdings ganz spezifischen Vans, nämlich den VW Vanagons, bei uns bekannt als VW Westfalia, produziert in den 80ern und frühen 90ern. Mit Kühlschrank, Herdplatten, Spüle und Dach, das sich hochklappen lässt für ein extra Bett, mehr Licht und Höhe zum Stehen

Von Hendrix-Fotograf zum VanLife-Aussteiger

Viele dieser modernen Nomaden sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, gut aussehende Paare, zumindest wenn man den Instagram-Fotos glauben kann. Aber es sind auch Singles dabei, ganze Familien und Rentner, die sich einen Traum erfüllen. Wie zum Beispiel Eddie Caraeff. Er ist 67. Ich habe ihn zwischen zwei Trips am Strand von Venice Beach getroffen.

Er hat mir nur eine kurze Tour gegeben, weil er mehr oder weniger auf dem Sprung war und alles für den Transport in und an seinem Westfalia Camper verstaut.

"Ich habe dort eine Außendusche, die von der Sonne geheizt wird, hier eine Extra-Vorratskiste. Hier auf der Seite ist eine große Markise, damit ich Schatten habe. Drinnen sind meine Ventilatoren. Die Klimaanlage funktioniert nicht, oder sagen wir, sie ist wirkungslos. Das Navi hab ich fest installiert. Da ist noch ein Ventilator, der mir direkt ins Gesicht bläst."

Eddie hat mit 17 Jahren ein ganz berühmtes Foto von Jimi Hendrix beim Monterey Festival gemacht und von da an fast permanent schwer gearbeitet, erst 14 Jahre als Fotograf. Danach wurde er Koch in New York und Kalifornien. Vor fünf Jahren kam ihm die VanLife-Erleuchtung.

"Ich hatte ein gesundheitliches Problem und habe überlegt, was ich unbedingt noch tun möchte. Und prompt kam mir diese Idee. Nicht konkret mit dem Volkswagen, aber ich dachte: ich würde bereuen, wenn ich nie unterwegs gewesen wäre, in meinem Auto leben und schlafen, keine Grenzen, keine Verantwortung, so wie ich es mit 17 Jahren gemacht hätte, hätte ich nicht Plattenhüllen design und Rockstars fotografiert. Der Hashtag für mich ist #NoRegrets, also 'keine Reue'."

Eddie hat dann anderthalb Jahre überlegt, ob er tatsächlich on the road leben will, ohne Job, nur mit dem Besitz, der ins Auto passt. Er hat Camper-Vans ausgeliehen, sich ein paar Wochen auf den Weg gemacht und gemerkt, dass es das Richtige ist. Dann hat es nochmal anderthalb Jahre gedauert, bis er Haus, Autos etc. verkauft und gute Menschen für seine zwei Katzen gefunden hatte. Dann hat er sich einen 1990 Westfalia Camper gekauft und ist seither unterwegs - fast genau zwei Jahre lang. Am 15. Juni war Jubiläum. Und er postet natürlich auch auf Instagram und Twitter, ist schließlich gelernter Fotograf, unter @thebucketlisttrip.

Es gibt auch unangenehme Aspekte

Nach außen wirken die Bilder unter #VanLife immer ganz toll aus: Die Natur ist traumhaft, die Oldie-Busse haben ganz viel Retro-Charme und die Bewohner sind immer braungebrannt und entspannt, manche machen sogar Yoga auf dem Dach des Campers. Doch es gibt auch weniger angenehme Aspekte. Ohne Klo und Dusche zu leben ist etwa nicht für alle der wahre Traum.

Manche erleben zum ersten Mal lange Strecken und Zeiten ohne Internet-Anschluss. Pannen in der Pampa sind auch unangenehm. Zumindest mit den alten Vans passieren die garantiert. Dann gibt es im Ausland schon mal Zusammenstöße mit Sicherheitskräften, die nicht jeder leicht wegsteckt. Zum Beispiel die Familie von Ouropenroad wurde in den Bergen Kolumbien unsanft von Polizei geweckt, Maschinengewehre im Anschlag. Sie hatten sie für Drogendealer mit Waffen auf dem Dach gehalten.

Dazu kommt die Enge, besonders wenn man als Paar oder gar Familie oder Gruppe unterwegs ist, das muss man aushalten können und dass man kaum Privatsphäre hat. Platzmangel natürlich und die Erkenntnis, dass man selbst als Minimalist Geld braucht. Das sind Umstände, die ziemlich schnell deutlich machen, ob man für das 24-Stunden-VanLife gemacht ist oder nicht.

Finanzierung durch Sponsoring

Wobei sich diese Unannehmlichkeiten auch beim genaueren Blick auf die VanLife-Bilder zeigen: Wenn man sich die Posts von mehreren VanLifern über längere Zeit anschaut, sieht man sie auch mal unter dem Van beim Reparieren liegen, oder im Matsch stecken oder sie schreiben drüber, wie sie genervt sind davon, bei schlechtem Wetter keinen Platz für die nasse Wäsche zum Trocknen haben, geschweige denn für tolle Yoga-Posen zum Entspannen.

Da findet man sogar Ansätze auch im eher glamourösen Blog und Instagram-Feed von Emily, Corey und ihrem Hund Penny Rose - Whereismyofficenow. Die drei sind seit gut vier Jahren ohne feste Adresse in ihrem Van unterwegs, haben mehr als 100.000 Meilen auf ihren VW-Van gepackt und haben die Kunst des neidisch machenden Fotos perfektioniert.

Finanziert wird dieser Lebensstil von Sponsoren, Whereismyofficenow lassen sich für Product Placement einspannen - bewerben also ganz bewusst Accessoires, die fürs VanLife taugen, schreiben Artikel, oder reden auf Veranstaltungen, zu denen sie eingeladen werden.

Eine eingeschworene Szene

Wie sieht es mit dem Zusammenhalt in der Szene aus? Zumindest unter den VW-Vanagon-Leuten wird erwartet, dass man sich zuwinkt, wenn man sich unterwegs begegnet, auf Parkplätzen wird automatisch über die Fahrzeuge und die Trips geredet. Es gibt Festivals und Camps für diese Nomaden.

Eine zentrale Stelle, wo das alles zusammen läuft ist eine ehemalige VW- und Porschewerkstatt an der kalifornischen Küste, die heisst GoWesty. Sie organisieren Treffen, sponsern VanLifer, machen Videos, vernetzen VanLifers, helfen bei Pannen und vieles mehr. Da musste ich natürlich vorbei schauen

Der Geschäftsführer, Jad Josey, hat mich bei GoWesty empfangen und übers Gelände geführt. Aus der kleinen Werkstatt ist inzwischen ein Riesengeschäft geworden, das sich vor allem damit befasst, Dinge zu entwickeln, die dabei helfen, dass die VW Vanagons noch möglichst lange unterwegs sein können und den VanLifern das Leben leichter machen. Das geht von Fensterkurbeln bis zu Getrieben.

Mittlerweile reparieren und restaurieren die fast gar nichts mehr, sondern verschicken vor allem jegliches Zubehör, was man sich vorstellen kann: Getränkehalter, Vorhänge, Lichter, Solarpanelen und natürlich GoWesty-T-Shirts und Kaffeetassen. Und die meisten, die hier arbeiten, haben einen Camper.

Viele sind nur am Wochenende unterwegs

Jad hat mir gesagt, dass er gerade mal drei Wochen bei GoWesty gearbeitet hat, als er seinen eigenen Camper wollte. Den hat er dann von einem älteren Paar abgekauft und fährt ihn jetzt seit 13 Jahren, geht bis heute damit andauernd auf roadtrips.

Jad zählt zu den VanLifern, die nur gelegentlich, etwa am Wochenende, das VanLife leben. Die meisten VanLifer können sich ein dauerhaftes Leben im Van nämlich nicht leisten. Selbst wenn man sich auf das absolute Minimum beschränkt an Besitz, kostet Van-Life etwas: Benzin, Campinggebühr, die zumindest an der Küste Kaliforniens sehr teuer ist, Lebensmittel, Reparaturen und so weiter. Nur wenige können das durch Jobs von unterwegs finanzieren. Deshalb sind tatsächlich die meisten der Van-Besitzer nur zeitweise unterwegs.

In Unterwäsche durch die Salzwüste

Sie genießen, wie die anderen das bewusst langsam reisen, sich treiben lassen, aussteigen aus dem Konsumleben, wenn auch nur auf Zeit. Wie Jad und seine Familie. Das sind inzwischen er, seine Frau und drei Kinder:

"Mein erster Trip warmit meiner Frau bevor wir Kinder hatten, wir waren auch noch nicht verheiratet und beschlossen, meine Mutter in Colorado zu besuchen. Der Van fuhr wunderbar. Alles war noch so neu, dass ich andauernd in der Werkstatt anrief - Ist dieses Geräusch ok? Ja, das ist total normal - es war sehr heiss. Wir hatten keine Klimaanlage und sind über die Salzebene in Utah gefahren, in unserer Unterwäsche und Wasser aus Sprühflaschen, mit allen Fenstern runtergerollt. Es war ein genialer Trip. Wir hatten so viel Spaß."

Die beiden kannten sich erst vier Monate. Vanilfe ist also auch ein prima Beziehungstest.

VanLifer aus Wohnungsnot

Es gibt aber auch unfreiwillige VanLifer - deren Geschichten zählen zu den dunklen Seiten des VanLifes. Gemeint sind diejenigen Menschen, die in einem Camper leben, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Davon gibt’s in Los Angels zum Beispiel Hunderte.

Kein Wunder, wenn eine Einzimmerwohnung im Durchschnitt 2000 Dollar im Monat Miete kostet. Das hat dann gar nichts Glamouröses mehr und auch nichts mit Freiheit zu tun.

(Onlineversion: thg)


Die Echtzeit verlässt heute die Komfortzone. Es wird ungemütlich, aber uns erwartet auch ganz viel Freiheit: Allerdings ist Aussteigen nicht gleich Aussteigen: Wir treffen Menschen, die hinter dem Hashtag Vanlife stecken, und deren glamouröse Bilder vom Leben im Retro VW-auf Instagram Bus tausende Nachahmer inspirieren, aber auch echte Rebellen und - Zwangsaussteiger. In der Türkei müssen immer mehr Menschen unfreiwillig ihr altes Leben hinter sich lassen und sich neu erfinden. Außerdem erfahren Sie in dieser Echtzeit, wie sie auch bequem vom Sofa aus ein Waldmensch werden können! Auf den Spuren von Henry David Thoreau mit dem Computerspiel Walden. Viel mehr ausgestiegen als Thoreau, der es doch ziemlich bequem hatte in seiner Hütte im Wald, ist die Schwiegermutter in spe einer unserer Echtzeit Autorinnen.

Hören Sie die ganze Sendung vom 1. Juli 2017 hier:

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