Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.05.2013

Ein Leben auf des Messers Schneide

Konrad Kramar und Georg Mayrhofer: "Prinz Eugen", Residenz-Verlag, Salzburg 2013, 256 Seiten

Podcast abonnieren
Der bedeutende Barock-Architekt Lucas von Hildebrandt baute das Schloss Belvedere in Wien für Eugen. (dradio.de/Janine Wergin)
Der bedeutende Barock-Architekt Lucas von Hildebrandt baute das Schloss Belvedere in Wien für Eugen. (dradio.de/Janine Wergin)

In Österreich kennt ihn jedes Kind: Prinz Eugen. Als Kriegsherr bezwang er das osmanische Heer, als Baumeister prägte er Wien. Was das Buch zeigt: Dahinter steckte ein Mann mit traumatischer Kindheit. Die wählen die Autoren als Ausgangspunkt für ihre Biografie. Dabei verzichten sie auf einen chronologischen Zugang.

In Österreich kennt jedes Schulkind das Lied von "Prinz Eugen, dem edlen Ritter", eine Figur, die Fabel und Fiktion seit jeher angeregt hat. In Frankreich geboren, von der Herkunft her italienisch, trat Prinz Eugen (1663-1736) als mittelloser Volontär in die kaiserliche Armee ein, machte eine kometenhafte Karriere als "Türkenbezwinger" und stieg zum mächtigsten Mann des Habsburgerreichs auf. Sein 350. Geburtstag ist Anlass, sich an den Feldherrn zu erinnern, zumal er heute außerhalb der Alpenrepublik relativ wenig bekannt sein dürfte.

Der Titel klingt reißerisch nach einer sexuellen Fallgeschichte, zumal im Heros auch der Eros mitschwingt. Angelpunkt des Buches ist tatsächlich die Kindheit des Prinzen, dessen Mutter nach dem frühen Tod des Vaters, als abgelegte Mätresse Ludwigs XIV. in einen Giftskandal verwickelt, aus Frankreich verbannt wurde. Zurückgelassen bei Dienstboten wuchs Eugen in verwahrlosten Verhältnissen auf; dass er missbraucht wurde, ist nicht auszuschließen. Auch wenn die Quellen vieles im Dunkeln lassen, insbesondere den durch nichts beweisbaren Hang zur Homosexualität, so liegen für die Autoren in jenem Kindheitstrauma die Wurzeln für des Prinzen Charakter, dafür, dass der Junggeselle ein Leben auf des Messers Schneide führte und menschliche Nähe konsequent vermied.

Das lässt eine hochspekulative Krankheitsgeschichte erwarten, doch zum Glück widerstehen die Autoren dieser Gefahr. Konrad Kramar, politischer Journalist und Georg Mayrhofer, Drehbuchautor, erzählen das Leben Prinz Eugens nicht nach dem gewohnten biografischen Schema von der Wiege bis zur Bahre. In acht Kapiteln beschreiben sie die verschiedenen Facetten seiner Persönlichkeit: den tollkühnen Hasardeur, den Strategen, den Baumeister, den "homme de lettres", den Reformer und den Zauderer.

Natürlich gibt es ein ausführliches, spannend erzähltes Kapitel über Eugens militärische Taten, über die Siege bei Zenta und Belgrad, als er das überlegene osmanische Heer in waghalsig geführten Kämpfen zurückschlägt. Doch auf militärgeschichtliche Details wird verzichtet, ebenso auf die für Laien wenig interessante Auflistung der verworrenen Stellungskriege im spanischen oder polnischen Erbfolgekrieg. Dafür tritt "der Mars ohne Venus" als umsichtiger Truppenführer auf, der aus seiner Jugend weiß, dass Soldaten mehr Einsatz zeigen, wenn sie ausreichend verpflegt werden.

Wie überhaupt er auch bei Heeres- und Verwaltungsreformen Geschick beweist, indem er – gleichfalls erfahrungsbedingt - Leistung über Herkunft stellt. Während er es sich mit dem Hochadel verdirbt, gewinnt er bürgerliche Beamte aus der zweiten Reihe als kraftvolle, loyale Verbündete. Auch seine Rolle als Sammler und Mäzen, als Bauherr wird gewürdigt. Fischer von Erlach und Lucas von Hildebrandt, die bedeutendsten Architekten des barocken Wien, entwerfen für ihn Schloss auf Schloss, die bis heute das Gesicht der Hauptstadt prägen.

Mit Exkursen über die Gartenarchitektur des Barock, über Leibniz, Newton, Galilei, die Entwicklung der Naturwissenschaften und das Fieber, Akademien zu gründen, versuchen die Autoren, den großen Feldherrn vor einem gewaltigen Zeitpanorama noch größer erscheinen zu lassen. Doch über längere Passagen verlieren sie ihren Protagonisten leider immer wieder aus dem Blick, auch mit Daten knausern sie, was die Orientierung im biografischen Ablauf erschwert.

Dennoch entwirft diese flüssig geschriebene Biografie ein anschauliches Porträt des Prinzen Eugen - angenehm frei von verklärender Nostalgie.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Konrad Kramar und Georg Mayrhofer: "Prinz Eugen. Heros und Neurose"
Residenz-Verlag, Salzburg 2013
256 Seiten, 21,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur