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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.10.2012

Ein Laster ist noch lange keine Sünde

Erri De Luca: "Montedidio", Graf Verlag, Berlin 2012, 217 Seiten

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Schmale Gasse in der Altstadt von Neapel (picture-alliance / dpa)
Schmale Gasse in der Altstadt von Neapel (picture-alliance / dpa)

Ein dreizehnjähriger Tischlerlehrling ergreift das Wort und schildert, wie er nach fünf Jahren Schule endlich Geld verdienen will. Sein Tagebuch führt in die Welt der kleinen Handwerker in den Gassen Neapels. Die Aufzeichnungen in knappen Kapiteln entfalten dabei eine spröde Poesie und vermitteln den Charme der Stadt, ohne je ins Folkloristische zu kippen.

Montedidio ist die Geschichte einer Initiation. Ein dreizehnjähriger Tischlerlehrling ergreift das Wort und schildert, wie er nach fünf Jahren Schule endlich Geld verdienen will und in die Werkstatt von Meister Errico eintritt. Meister Errico weiß alles über Holz und weiht seinen Lehrling in die Geheimnisse des Handwerks ein. Seine Werkstatt wird aber auch zu einer Schule des Lebens. Außer dem Tischler arbeitet dort noch der Schuster Don Rafaniello, ein jüdischer Emigrant aus Nordeuropa, der knapp der Ermordung entkam und 1945 auf dem Weg nach Palästina in Neapel hängenblieb.

Statt im gelobten Land sei er am "Berg Gottes" gelandet, eben in Montedidio, dem Schauplatz des Romans, einem bescheidenen Viertel mit engen, abschüssigen Gassen und Blick auf den Vesuv. Der bucklige alte Mann mit den feuerroten Haaren ist ein Wohltäter und repariert die Schuhe der bitterarmen Wäscherinnen, Seeleute und Hausierer ohne Entgelt. In seinem Buckel verbergen sich Flügel, mit denen er eines Tages eine Reise antreten werde, erklärt er dem wissbegierigen Lehrling. Abend für Abend schreibt der Held seine Erlebnisse nieder und hält alles fest, was Meister Errico und Don Rafaniello ihm erklären. Sein Vater, ein Hafenarbeiter, hat Wert darauf gelegt, dass sein Sohn Italienisch lernt und nicht nur den neapolitanischen Dialekt beherrscht. Nach dem Essen steigt der Junge dann auf die hoch gelegene Dachterrasse, wo er mit seinem kostbarsten Besitz Wurfbewegungen übt: einem Bumerang. Schon bald leistet ihm die gleichaltrige Maria Gesellschaft.

Erri De Lucas Roman besticht durch seine Atmosphäre. Die knappen Kapitel entfalten eine spröde Poesie und vermitteln den Charakter Neapels, ohne je ins Folkloristische zu kippen. Wie bunte Fäden in einem Teppich sind neapolitanische Redeweisen eingewoben: "‘A Iurnata e `nu muorzo", "ein Tag ist schnell gegessen", lautet eine Lebensweisheit von Meister Errico. "Quanno è pé vizio, nun è peccato", heißt es unter den Gassenbewohnern, "Was ein Laster ist, ist keine Sünde".

Dass die Übersetzerin Annette Kopetzki diese Sprüche im Original zitiert und dann ins Hochdeutsche überträgt, verleiht dem Text einen ganz eigenen Charme. Das Italienische sei still und man könne den Tag in ihm aufbewahren, beschreibt der Held sein Verhältnis zur Schriftsprache. Erri De Luca, 1950 in Neapel geboren, ehemaliger Linksextremist, Maurer und Lastwagenfahrer, landet mit seinen Romanen immer wieder auf den italienischen Bestsellerlisten und ist auch in Frankreich extrem erfolgreich. Mit seiner Heimatstadt bis ins Innerste vertraut, liegt ihm jede Form von Sozialromantik fern.

Obwohl er etliche Figuren mit den sprichwörtlichen guten Eigenschaften der Neapolitaner ausstattet, wie einer tiefen Nächstenliebe und einer gesunden Anarchie, idealisiert er die Verhältnisse mitnichten. Die bittere Armut erzeugt Abhängigkeit, sexuelle Nötigung ist an der Tagesordnung, und häufig agiert die Camorra im Hintergrund. Die Metaphorik mag mitunter eine Spur zu dick aufgetragen sein – der Bumerang, Don Rafaniello als Ahasver –, dennoch ist Montedidio eine anrührender Roman über die Fährnisse des Heranwachsens.

Besprochen von Maike Albath

Erri De Luca: Montedidio
Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki
Graf Verlag, Berlin 2012
217 Seiten, 14,99 Euro

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