Ein Künstler unter der Lupe

28.12.2009
Der Frankokanadier Robert Lepage gilt als einer der kreativsten Theatermacher der Welt. Er produziert Kinofilme, Solotheaterabende und aufwendige Schauspielprojekte von neun Stunden Länge. "Nahaufnahme Robert Lepage" gibt intime Einblicke in eine aufregende Künstlerbiografie.
Eine Waschmaschinentür wird vor unseren Augen zur Einstiegsluke ins Weltraumshuttle. Ein Goldfischglas verwandelt sich in ein komplexes Satellitenbild der Erde: Robert Lepage erfindet unglaubliche Bilder, um sein Publikum zu fesseln. Ob im Theater oder im Film: Lepage sehen, das heißt auch immer, einem Zauberer bei der Arbeit zuschauen.

Renate Klett hat Robert Lepage getroffen und sich mit ihm unterhalten. Mal in Brüssel, wo er gerade eine Oper inszenierte, mal auf Teneriffa vor der Aufführung des neuen Mammutstücks "Lipsynch", mal im kanadischen Montréal. Die Autorin und der Theatermacher kennen sich schon lange, das merkt man von der ersten Zeile an. Der intime Blick ist Grundbestandteil dieses lesenswerten Buches. Eine echte Nahaufnahme eben, die sehr persönlich aus dem Leben von Robert Lepage erzählt: Von seiner schweren Kindheit, in der ihm durch eine Immunkrankheit unwiederbringlich alle Haare ausfielen, von einer einschneidenden Drogenpsychose und von der rettenden Entdeckung der Schauspielerei.

Andererseits nähert sich Renate Klett auch dem künstlerischen Kosmos: Nach und nach versteht man das Unverwechselbare an Lepages Arbeit. Stücke, auch Soloshows, entstehen immer im Kollektiv; Arbeiten sind auch nach Jahren auf Tour noch nicht fertig und in ständiger Veränderung. Die Gespräche sind nicht nur humorvoll und kurzweilig, selbst als Lepage-Kenner erfährt man Dinge, von denen man vorher nichts wusste.

Eigentlich ist es mit DVDs in Büchern immer schwierig: Meist sind sie nur aufhübschendes Beiwerk ohne Mehrwert. In diesem Fall ist das anders. Dem Buch liegt Robert Lepages letzter Film "Die andere Seite des Mondes" bei, eine seiner bewegendsten und persönlichsten Arbeiten, für die er von Kanada für den OSCAR nominiert wurde. So kann man sich mit Theorie und Praxis des Theaterkünstlers parallel beschäftigen - besser geht es auch für Lepage-Unkundige nicht: Film anschauen, Buch lesen, Fan werden!

Besprochen von Martin Becker

Renate Klett: Nahaufnahme Robert Lepage
Alexander Verlag, Berlin 2009
208 Seiten, 19,90 Euro