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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.07.2011

Ein Krimi voller Poesie

Marc Fischer: "Hobalala - Auf der Suche nach João Gilberto", Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2011, 197 Seiten

Die Christus-Statue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro bei Mondenschein (AP Archiv)
Die Christus-Statue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro bei Mondenschein (AP Archiv)

Der Popjournalist Marc Fischer reist nach Rio und dringt als Reporter immer weiter in die Welt des brasilianischen Bossa-Nova-Sängers João Gilberto vor. Schließlich bringt er einen magisch-poetischen Text mit nach Hause, der die tiefe Sehnsucht in den Liedern Gilbertos wunderbar widerspiegelt.

João Gilberto gilt als die Seele der Bossa Nova, die Ende der 50er-Jahre in Rio de Janeiro die brasilianische Musik revolutionierte. Der Sänger und Gitarrist hat selbst nur wenige Lieder geschrieben, aber seine Interpretationen schufen eine unvergleichliche Aura. Gilberto wohnt heute in einem Apartmenthaus in Rio, hat es seit Jahrzehnten kaum verlassen und gibt keine Interviews.

Marc Fischer hat sich vor 15 Jahren infiziert und jetzt in Rio nach jenem "Hô-bá-lá-lá" gesucht, das den Titel für ein Lied auf der LP Gilbertos bildete. Sein Buch ist kein Sachbuch. Es tarnt sich als Reportage und die Geschichte einer Recherche, aber es strahlt genau jene ungreifbare Sehnsucht aus, der es auf die Spur kommen möchte. Der Text verselbständigt sich.

Dabei tut Fischer alles, um sich dagegen zu stemmen. Er bezeichnet sich als Sherlock Holmes und nennt seine Helferin Rachel "Watson". Sie kreisen in Rio João Gilbertos Bezugspersonen und seine Biografie immer weiter ein. Doch je konkreter die Gespräche werden, desto vieldeutiger wird die Existenz Gilbertos. Frühere Freunde geben Hinweise, haben aber mit João Gilberto nichts mehr zu tun. Es ist wie ein Krimi, aber es ist auch eine ungemein poetische Geschichte, in der Fischer, wie João Gilberto in seinen Liedern, alles Ausschmückende und Psychologisierende weglässt.

Es gibt eine Schlüsselsituation in Gilbertos Leben: Mitte der fünfziger Jahre floh er aus Rio und verbrachte einige Monate in Diamantina in der Provinz Minas Gerais. Hier, im Badezimmer seiner Schwester, schloss er sich stundenlang ein und fand die "Formel" – so nennt es Carlos, der Plattenverkäufer in Rio. Die Pilgerfahrt des Autors nach Diamantina ist wie eine Exkursion in das Santa Maria des Dichters Juan Carlos Onetti, es ist wie ein Traum, der aus lauter realistischen Segmenten besteht und keinerlei Phantastik braucht, um magisch zu wirken.

Fischer dringt zu den wenigen Personen vor, die heute mit Gilberto direkten Umgang pflegen: der Manager Otávio, Gilbertos zweite Frau Miùcha sowie die Fernsehjournalistin Claudia, die Ende dreißig ist und, wie sich plötzlich herausstellt, die Mutter einer erst sechsjährigen Tochter Gilbertos. Fischer spricht mit ihnen ausführlich, doch je mehr er weiß, desto mehr schwinden seine Chancen.

Der Text Fischers ist durchzogen von einem Metapherngeflecht, von heimlich aufeinander verweisenden Bildern. Roberto Menescal, dessen Wege sich von denen João Gilbertos schon in den frühen sechziger Jahren trennten, sagt einmal: "Es ist etwas Dunkles an ihm. Er verändert die Menschen, die mit ihm zu tun haben. Du wirst vielleicht den Rest deines Lebens verdammt sein." Die Sehnsucht in den Liedern Gilbertos kann einen von innen zersetzen. Es geht um "eine Schönheit, die alles verschlingt". Das Buch des Popjournalisten Fischer, der in diesem Jahr gestorben ist, umkreist ein großes Geheimnis und ist große Literatur.

Besprochen von Helmut Böttiger

Marc Fischer: Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto
Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2011
197 Seiten, 17,90 Euro

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