Seit 15:30 Uhr Tonart

Donnerstag, 17.01.2019
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.01.2018

Ein Kommentar zur Theatertreffen-AuswahlTreffen der Platzhirsche

Von Susanne Burkhardt

Podcast abonnieren
Zu sehen ist der Schauspieler Martin Wuttke, getaucht in grünliches Licht. Er spielt die Hauptrolle in Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung an der Volksbühne Berlin vom März 2017. Es ist seine letzte Regiearbeit an diesem Theater. Im Hintergrund erscheint die Aufschrift "Exposition Coloniale", mit der in der Inszenierung Bezug auf die Kolonialzeit genommen wird.   (Foto: Susanne Burkhardt)
Martin Wuttke in Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne. (Foto: Susanne Burkhardt)

Es ist ein Jahrgang der großen Ensemble-Arbeiten und der Einzelakteure. Regisseurinnen sind in der Minderheit, Schwergewichte wie Frank Castorf, Matthias Lilienthal und Joachim Meyerhoff dominieren die Auswahl. Freie Produktionen sind kaum vertreten. Eine Leistungsschau der Großen eben.

Wo wird Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung gezeigt? Diese Frage dürfte all jene umgetrieben haben, die den Theaterstreit um die Nachfolge der Volksbühne verfolgt haben. Klar, dass Castorfs siebenstündige Best-Off-Produktion – sein Abschied nach 25-Jahren Intendanz - beim diesjährigen Theatertreffen nicht fehlen darf. Schließlich ist die Volksbühne "Theater des Jahres", die Hauptdarstellerin Valery Tscheplanowa "Schauspielerin des Jahres". Aber würde Castorf seinen "Faust" im Haus des ungeliebten Nachfolgers aufführen?

Castorf überlässt seinen "Faust" nicht Chris Dercon

Nein, teilte die Festivalleitung mit. Das Angebot Chris Dercons, den "Faust" in "seiner" Volksbühne zu spielen, habe Castorf abgelehnt. Neuer Spielort: das Haus der Berliner Festspiele. Ein neuer Spielort muss auch für das Nationaltheater Reinickendorf gefunden werden, jenes Pop-Extrem-Theater des Künstlerpaares Vegard Vinge und Ida Müller. Im Berliner Stadtteil Reinickendorf hatten sie für ihre 12-Stunden-Performance faszinierende, eigene Theater-Räume entworfen. Überbordend, überfordernd, selbstverausgabend auch ihr Spiel. Jetzt sind sie zum zweiten Mal beim Theatertreffen.

Zwei von gleich mehreren Theatertreffen-Einladungen, die von der Verausgabung leben: Auch Joachim Meyerhoff – erfolgreicher Buchautor und mindestens genauso überwältigender Schauspieler - versenkt sich in die Psyche des Autors Thomas Melle und bringt dessen Krankheits-Biografie "Die Welt im Rücken" als furioses Solo auf die Bühne des Wiener Burgtheaters.

Ein Jahrgang der großen Einzelakteure

Es ist ein Jahrgang der großen Ensemble-Arbeiten und der großen Einzelakteure: Nina Hoss beispielsweise in "Rückkehr nach Reims", Thomas Ostermeiers Bühnenfassung des Eribon-Erfolgsbuches. Ein Kommentar zur Frage, wie das Versagen der Linken zum Erstarken des Front National führte. Und: die Rückkehr ins Theatertreffen nach 12 Jahren.

Endlich dabei ist Ulrich Rasche mit seinem "Woyzeck" aus Basel. Er konnte im vergangenen Jahr seine "Räuber" aus technischen Gründen nicht zeigen. Jetzt aber können die Theatertreffen-Besucher seine spektakuläre Dreh-Senk-Hebebühne endlich in Aktion erleben.

Matthias Lilienthal darf sich gleich über zwei Einladungen freuen und sich in seinem umstrittenen Theaterkurs an den Münchner Kammerspielen bestätigt fühlen. Besonders eine Inszenierung wird sicherlich für Diskussionen sorgen: Anta Helena Reckes Neu-Interpretation von Anna-Sophie Mahlers "Mittelreich". Ihre Bühnenfassung nach dem Roman von Josef Bierbichler gastierte vor zwei Jahren beim Theatertreffen. Recke besetzt die gleich Inszenierung noch einmal neu: mit schwarzen Darstellern. Ein ungewöhnlicher, provozierender Blick auf eingeübte Theaterstrukturen und –präsentationen.

Regisseurinnen in der Minderheit

Das Theatertreffen 2018 wird ein Treffen der Theater-Platzhirsche. Die Anzahl der geladenen Regisseurinnen entspricht leider dem realen Verhältnis im Theaterbetrieb: etwa 30 % sind Frauen. Susanne Kennedy, Signa Köster oder Yael Ronen haben es nicht in die Auswahl geschafft. So wie auch keine freie Produktion – abgesehen von der Koproduktion Vegard/Vinge mit den Berliner Festspielen.

Die Provinz kommt nicht vor. Und auch der Osten nicht. Hat man nicht gesucht? Doch, so das immer lautende Argument der Jury, der man Faulheit sicher nicht nachsagen kann.

Also ist die Auswahl 2018 eine Leistungsschau der Großen. Ob diese Konzentration auf die Theatermetropolen am Ende tatsächlich aufgeht – das werden die Theatertreffen-Besucher im Mai entscheiden.

Mehr zum Thema

Berliner Theatertreffen - Castorfs "Faust" ausgewählt
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 30.01.2018)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSex als sprachliche Herausforderung
Eine Frau liegt mit offenen Augen im Bett. Ihr Mann daneben schläft tief. (imago/Ikon Images, Colin Elgie )

"Sex haben" - seit wann nutzen wir eigentlich diese Formulierung? Dieser Frage geht die "Süddeutsche Zeitung" nach. Die "Zeit" wiederum beklagt die "altherrengeile Reduktion der Frau auf ihre drei Öffnungen" in Michel Houellebecqs Roman "Serotonin". Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur