Ein kölscher Jung, der die Welt sah

Wolfgang Niedecken hat sich sein Leben und seine Gefühle von der Seele geschrieben. © AP Archiv
11.03.2011
Wolfgang Niedecken ist der Gründer von BAP, der erfolgreichsten deutschen Mundart-Rockband. Ende des Monats feiert er seinen 60. Geburtstag und nimmt dies zum Anlass, sein Leben und seine eigentlich so gar nicht geplante Karriere Revue passieren zu lassen.
Wolfgang Niedecken wird Ende März 60 Jahre alt. Ein guter Zeitpunkt für einen Künstler, auf sein bewegtes Leben zurückzuschauen. Niedecken wurde in den frühen 80er-Jahren durch die Kölner Mundart-Rockband BAP bundesweit bekannt und machte sich daneben als bildender Künstler einen Namen. Seine Rückschau mündete in eine Biografie, die mehr als nur die Aneinanderreihung von Familien- und Tourneegeschichten oder Anekdoten ist. Vielmehr ist "Für 'ne Moment", so der Titel der Buches, ein Roman über das Leben und die Karriere eines kunst- und musikbegeisterten Jungen, aus dem einer der erfolgreichsten deutschen Rockmusiker wurde.

Dabei war die Gruppe BAP, die Niedecken Mitte der 70er-Jahre gründete, zuerst nur ein Freizeitspaß, bei dem ein paar Freunde einmal in der Woche in einem Proberaum einen Kasten Bier leerten und nebenbei Musik machten. So spielt denn BAP in diesem Buch auch eine große, aber nicht die größte Rolle; ihre wechselvolle Geschichte ist nur ein Aspekt im künstlerischen Leben von Wolfgang Niedecken, der eigentlich Maler werden wollte und fast unbeabsichtigt in einer Musikerkarriere landete.

Auf über 500 Seiten erzählt der Musiker von seiner Familie, einer behüteten frühen Kindheit und der schwierigen Zeit als Heranwachsender im katholischen Internat, von seinem Kunststudium und Aufenthalten in der New Yorker Kunstszene, der eher zufälligen Gründung von BAP, die zur erfolgreichsten Mundartgruppe Deutschlands wurde. Der Leser erfährt von Begegnungen mit Nobelpreisträgern und Bundeskanzlern, mit seinen großen musikalischen Idolen Bob Dylan, Rory Gallagher, Bruce Springsteen und vielen Maler- und Musikerkollegen.

Dabei gewinnt man den Eindruck, dass Niedecken über die ereignisreichen Jahre seines bisherigen Lebens selbst am meisten überrascht ist; zumindest kann man zwischen den Zeilen den erstaunten Kölner Jung heraushören, dem dies ohne sein Zutun passiert ist.

Neben diesen spannenden Begegnungen spricht Niedecken auch ganz offen und angenehm unprätentiös über sein Privatleben, über schmerzhafte Trennungen und neue Lieben, seine Kinder und immer wieder mit erkennbarer Wehmut über seine Eltern. Er scheut sich bei diesen wie allen anderen Themen und Ereignissen nicht davor, seine Empfindungen und Gefühle in einer sehr poetischen Sprache detailliert zu beschreiben und sich damit dem Leser in sympathischer Weise zu öffnen. Spätestens in solchen Passagen erkennt man, dass der Kölner ein Mann des Volkes geblieben ist, der sich den Menschen seiner Heimatstadt eng verbunden fühlt.

Wolfgang Niedecken gelingt mit seinem Buch nicht nur eine überaus informativer, aufschlussreicher und im besten Sinne unterhaltsamer Erzählroman, sondern auch eine Dokumentation der deutschen Kulturszene der letzten Jahrzehnte.

Das Buch "Für'ne Moment" entstand mit Unterstützung des Literaturwissenschaftlers und BAP-Experten Oliver Kobold, der das Werk von Wolfgang Niedecken seit Jahrzehnten verfolgt und mit dem Künstler eng befreundet ist.

Besprochen von Uwe Wohlmacher

Wolfgang Niedecken / Oliver Kobold: Für 'ne Moment. Autobiographie
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011
528 Seiten, 24,00 Euro