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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.04.2011

Ein Kind allein auf der Flucht

Fabio Geda/Enaiatollah Akbari: "Im Meer schwimmen Krokodile - Eine wahre Geschichte", Knaus Verlag, München 2011 187 Seiten

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Enaiatollah ist ein Junge, der überleben will. (AP)
Enaiatollah ist ein Junge, der überleben will. (AP)

Die Mutter bringt ihn aus seinem afghanischen Dorf, wo ihm die Taliban nach dem Leben trachten, nach Pakistan. Doch der zehnjährige Enaiatollah schlägt sich durch und findet schließlich sogar Adoptivaltern in Italien.

Drei Dinge schärft Enaiatollahs Mutter ihrem zehnjährigen Sohn eines Abends vor dem Schlafengehen ein: Er solle niemals im Leben Drogen nehmen, niemals Waffen benutzen und niemals stehlen. Als Enaiatollah am nächsten Morgen aufwacht, ist seine Mutter verschwunden und er allein auf sich gestellt – mitten in der pakistanischen Stadt Quetta, in die er gerade erst mit seiner Mutter gezogen ist.

Erst Jahre später wird er begreifen, dass seine Mutter ihm ein zweites Leben geschenkt hat. Denn in dem kleinen afghanischen Dorf, in dem Enaiatollahs Familie eigentlich zu Hause ist, war sein Leben nicht mehr sicher: Die Taliban trachteten nach seinem Leben, nicht zuletzt weil er zur Volksgruppe der Hazara gehört, deren schiitische Bräuche den Gotteskriegern ein Dorn im Auge sind. So bringt die Mutter ihren Sohn eines Tages heimlich nach Quetta. In der Hoffnung, dass er von diesem Ort aus, wo Menschen wie Waren gehandelt werden, gen Westen in eine bessere Zukunft aufbrechen kann.

"Im Meer schwimmen Krokodile" basiert auf der wahren Geschichte von Enaiatollah Akbari. Der Roman erzählt von dem haarsträubenden Verlauf seiner Reise gen Westen. Es ist eine in Zeiten globaler Migration exemplarische Odyssee, deren gutes Ende jedoch an ein wahres Wunder grenzt. Denn Glück und – ja, fast möchte man sagen: göttliche Fügung scheinen auf dieser Reise ebenso Enaiatollahs Begleiter gewesen zu sein wie Einsamkeit, Not, und die quälende Frage des tagtäglichen Überlebens.

Die regelt der kleine Junge mit erschreckend stoischem Gleichmut und mit erstaunlicher Findigkeit, als hätte er nie etwas anderes gemacht: Vom ersten Tag an verdient er sich in Quetta sein Geld als Teejunge, später als Bauchladenverkäufer im Bazar. Bald hat er das nötige Geld zusammen, um mit Hilfe eines Schleppers in den Iran zu gehen. Zweimal wird er von dort abgeschoben, zweimal reist er wieder ein. Türkei, Griechenland, Italien sind die nächsten Stationen. Dazwischen liegen Razzien seitens der Polizei, die mit scharfer Munition auf ihn schießt; ein Fußtreck durch verschneite Berge, vorbei an zu Eis erstarrten Toten, deren Flucht misslang; die Überfahrt auf hoher See mit einem lecken Schlauchboot und ein Mann über Bord, den sie nicht retten können.

Letztlich wird Enaiatollah in Italien eine Adoptivfamilie finden – und somit tatsächlich ein zweites Leben geschenkt bekommen. In Italien ist er auch dem Journalisten Fabio Geda begegnet, der seine Geschichte für uns westliche Leser aufgeschrieben hat: konsequent erzählt aus der Perspektive des kleinen Jungen, ohne dabei je in aufgesetzte Naivität zu verfallen. Hier sprechen nichts als die Fakten. Und doch kündet diese Geschichte – hochaktuell angesichts der akuten Flüchtlingsströme aus Nordafrika und zugleich die Verkörperung einer modernen "Auferstehung" – von der unzerstörbaren Kraft der menschlichen Hoffnung auf und dem notwendigen Glauben an ein besseres Morgen.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Fabio Geda/Enaiatollah Akbari: Im Meer schwimmen Krokodile - Eine wahre Geschichte
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Knaus Verlag, München 2011
187 Seiten, 16,99 Euro

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